"Staat soll regulieren, nicht strangulieren"

15.10.2010 | Stand 03.12.2020, 3:34 Uhr

Rund 330 Firmenchefs diskutierten beim ersten Unternehmertag im Saal der Scheyerer Klosterschenke über Chancen und Zukunft der Wirtschaftsentwicklung im Landkreis Pfaffenhofen. - Foto: Zurek

Pfaffenhofen/Scheyern (PK) Alle Erwartungen übertroffen hat die Resonanz auf den vom Wirtschaftsbeirat des Landkreises organisierten, ersten Unternehmertag. Trotz eng gestellter Stühle reichte der Platz in der Klosterschenke Scheyern nicht aus – wer nicht reserviert hatte, hatte das Nachsehen.

Die Veranstaltung, zu der sich rund 330 Vertreter aller Unternehmenssparten eingefunden hatten, stand unter dem Motto "Vorsprung Bayern – Landkreis im Aufbruch". Wie Beiratsvorsitzender Bernd Huber in seiner Eröffnungsrede erklärte, wolle man "eine Initialzündung" erreichen, der Rat verstehe sich dabei als "strategischer Impulsgeber" mit dem Ziel, Synergien zu nutzen und die "enorm wichtige" Kommunikation zwischen Politik und Wirtschaft zu fördern. Mit ins Boot geholt hatte man sich zu diesem Zweck die Vereinigung der Bayrischen Wirtschaft vbw, als deren Vertreter Thomas Benz anwesend war. Begrüßen konnte Huber auch Katja Hessel, Staatssekretärin im bayerischen Wirtschaftsministerium, und Professor Thomas Bauer sowie die beiden CSU-Abgeordneten Franz Obermeier (Bundestag) und Erika Görlitz (Landtag).
 

Der amtierende Landrat Anton Westner umriss einleitend die "insgesamt stabile" Wirtschaftslage des Landkreises mit einer Arbeitslosenquote von aktuell 2,4 Prozent. Im Bemühen um die Wahrung dieser Situation habe man mit der Einstellung des Projektkoordinators Peter Beyer ein Bindeglied zur Wirtschaft geschaffen und biete zudem fachkundige Beratung für Unternehmen an. Zum Wohle des Landkreises appellierte Westner an die Anwesenden, sich an einer für November geplanten Unternehmerbefragung aktiv mit ihren "vielfältigen Meinungen" zu beteiligen.

Als Vorstandsmitglied der vbw ging Thomas Benz auf die aus seiner Sicht für einen nachhaltigen Aufschwung wesentlichen Faktoren ein: Stabile Arbeitskosten (politische Beschlüsse, wie die zu den Krankenkassenbeiträgen seien hier "wenig hilfreich"), stabile Finanzmärkte (der Staat darf mit Sachverstand und Augenmaß "regulieren, aber nicht strangulieren") und Flexibilität am Arbeitsmarkt ("gewährleistet durch Arbeitszeitkonten und Zeitarbeit").

Um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, müssten zudem Arbeitsvermittlung und Qualifizierung "noch zielgerichteter" erfolgen und Frauen stärker ins Berufsleben integriert werden. Ein "Mega-Thema" bleibe auch die Energiepolitik, deren langfristige Ausrichtung unter Verlängerung der AKW-Laufzeiten mit "hoher Sachlichkeit und Fairness in den Argumenten" geführt werden müsse, so der international agierende Unternehmensberater.

Als "große Herausforderung", der es sich zu stellen gelte, sah auch Staatssekretärin Katja Hessel die Fachkräftesicherung an (siehe auch Interview auf Seite 25). Ein sinnvolles Gesamtkonzept müsse dabei unter anderem den Abbau von Arbeitslosigkeit, die Stärkung der Aus- und Weiterbildung und die bessere Nutzung der "Potenziale von Migranten und Älteren" beinhalten. Es gelte zudem, sich im globalen Wettbewerb "für die besten Köpfe aus dem In- und Ausland" besser zu positionieren und den internationalen Wissensaustausch zum Erhalt der Innovationsfähigkeit zu fördern.

Bei der abschließenden Podiumsdiskussion ermutigte Focus-online-Redakteur und Moderator Florian Festl die Teilnehmer, konkrete Forderungen für den Landkreis zu formulieren. Dabei stand der Abbau bürokratischer Hürden bei gewerblichen Bauvorhaben ebenso auf der Wunschliste, wie die Ansiedlung weiterer zukunftsfähiger Unternehmen zur Arbeitsplatzsicherung und die Schaffung eines attraktiven Umfelds, das hoch qualifizierten Fachkräften einen Anreiz zur Ansiedlung liefert.

Zum Thema Internet sicherte Katja Hessel zu, man werde bei der Breitbandversorgung bis 2011 "den letzten weißen Fleck" in Bayern beseitigt haben. Auch internationales Unternehmertum müsse "aus der Region heraus" gestaltet werden, mahnte schließlich Thomas Bauer die Bewahrung der kulturellen Identität an. Mit Blick auf die Bundespolitik plädierten schließlich einige Unternehmer dafür, die Innovationsfreude und Erfahrung älterer Arbeitnehmer stärker ins Bewusstsein zu rücken und starre Ruhestandsregeln zu überdenken.

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