Die Erfinderin des Jodelpop

24.02.2012 | Stand 03.12.2020, 1:48 Uhr

−Foto: Silvia Obster

Mainburg (DK) "Was ist den bloß ein Weißbierkeibe"? Das fragt sich Maria Reiser, während sie eines Tages mit ihrer Mutter zu Hause in Mainburg (Landkreis Kelheim) telefoniert. Die beschwert sich gerade über Marias Vater, der wieder mal mit seinen Spezln ins Wirtshaus gegangen ist. Der bayerische Ausdruck für Männer, die ständig an einem Weißbier nuckeln müssen, um glücklich zu sein, bleibt bei Maria hängen und inspiriert sie zu einem Lied – eben „Weißbierkeibe“. Auf hochdeutsch: Weißbier-Kälbchen.

Wenn die 31-Jährige im feschen Dirndl, in der Krachledernen oder im kurzen Wildleder-Mini und weißem TShirt auf der Bühne steht und erzählt, wie die einzelnen Lieder zustande gekommen sind, hängt das Publikum an ihren Lippen. Selbst, wenn unter Umständen nicht gleich jeder alles kapiert, was die Niederbayerin da so von sich gibt. „Verstend’s Ihr olle Boarisch?“, ruft die Sängerin bei ihrem Auftritt in Forsternbei Erding ins Mikrofon. „I wohn’ ja inzwischen in Berlin, do is des ned immer so einfach.“ Sie nickt ihrer Tubaspielerin Bettina zu, einer Frau aus der Hauptstadt. „Du verstehst mi a, gell? Mia kenna uns ja jetzt scho a Weile.“

Den Traum von der großen Gesangskarriere haben viele – Maria Reiser allerdings setzt momentan alles auf eine Karte, um ihn zu verwirklichen. Ohne Talentwettbewerbe oder Castingshows, sondern mit einer strategischen Herangehensweise, einer Menge Persönlichkeit und einem außergewöhnlichen Musikstil: bayerischem Jodelpop. Das ist eine selbst entwickelte Mischung aus Texten in Mundart mit Jodelelementen, afrikanischen Rhythmen, Blues-, Soul-, Reggae- und Gospel-Einflüssen. Reisers Ziel ist es, irgendwann in vielen vollen Hallen die Menschen zu begeistern. „Und das auch über den Weißwurstäquator hinaus.“ 2012 wird ihr Jahr sein – da ist sie sich sicher.

Durch ein selbst gemachtes Video auf der Onlineplattform YouTube ist mittlerweile auch das Fernsehen auf die junge Frau aufmerksam geworden, die in einer Großfamilie auf einem Bauernhof aufgewachsen ist: Für eine Reportage hat sie der Sender ProSieben im Frühling auf eine Reise in die USA begleitet. Reisers Auftritt in Forstern – mit Tubaspielerin und Schlagzeuger an ihrer Seite – ist locker, lustig, unkompliziert. Hier stehen drei Freunde auf der Bühne, möchte man meinen, die schon lange zusammen Musik machen. Einfach so, aus Spaß an der Freud, mit ein paar Euro Verdienst.

Doch ganz so leicht ist es nicht, wie die hübsche Brünette später erzählt. Ihre Kollegen auf der Bühne sind zwar Bekannte, aber in erster Linie Musiker, mit denen sie Verträge gemacht hat und die sie bezahlen muss. Ebenso wie die Anfahrten zu den einzelnen Auftrittsorten, die Werbung für die Veranstaltung, die Techniker und Bühnenoutfits. Von der Gage bleibt da am Ende kaum mehr was übrig. Hinzu kommen Reisers Ausgaben für Gesangsstunden und Workshops, ihre Instrumente und professionellen Fotos für die Homepage mariareiser.de. Denn inzwischen singt sie hauptberuflich: „Ich investiere alles Geld in die Musik.“

Die macht Reiser bereits, seit sie acht Jahre alt ist. Sie spielt Gitarre und Klavier, was sie ganz traditionell an der Musikschule Mainburg gelernt hat. 2001 ließ sie sich dort auch in klassischem Gesang ausbilden, 2003 in Popmusik. Später belegte sie Jodelkurse in der Schweiz. Und seit einer Weile nimmt sie auch Schlagzeugunterricht. Bereits mit 24 Jahren hat sie ihre erste Band Mondenkind gegründet, mit der sie unter anderem beim Tollwood-Festival in München und im Open Flair im Ingolstädter Klenzepark auf der Bühne stand. Damals noch mit einer zweiten Sängerin an Bord, einigen Titeln auf Englisch, vor allem aber mit „sonniger, deutscher Popmusik“ – eben so, wie es Silbermond oder die Söhne Mannheims zu dieser Zeit gerade vorgemacht haben. „Bereits da hab’ ich aber immer wieder g’sagt: Zu diesem Lied würd’ jetzt gut a Blasmusik passen“, erinnert sich die Sängerin. Ein paar Jahre später fängt sie schließlich an, die Songtexte in ihrer „Muttersprache“ zu schreiben. „Das Bairische hat mir immer schon gefallen. Eines Tages hab’ ich mich dann gefragt: Warum verstell’ i mi eigentlich so?“

Und dann sind da noch Reisers Ausflüge in die große weite Welt, wo sie sich nicht nur von exotischen Kulturen inspirieren lässt, sondern sie ihren ungewöhnlichen Musikstil auch vor einem völlig fremden Publikum in der Praxis testet. Finanziert hat sie sich die Reisen überwiegend mit Jobs in der Filmbranche. Als gelernte Modellbauerin und Modelleurin – sie hat unter anderem einen Abschluss der Kunst- und Designschule Selb in der Tasche – arbeitet sie etwa bei Blockbustern wie „10000 BC“, „Speed Racer“, „Iron Man 2“, „Pandorum“ sowie bei den Bully-Herbig-Filmen „Periode 1“und „HuiBuh“ mit.

Aber egal, ob sich Reiser dabei gerade in Deutschland, Indien oder Südafrika befindet: Die Gitarre ist immer mit im Gepäck.Während ihres sechsmonatigen Aufenthalts in den USA 2008/2009 tingelt sie durch die Staaten, singt in verschiedenen Bars oder einfach nur auf der Straße oder am Strand. Ein ganz besonderes Erlebnis ist für sie der Auftritt im Hofbräuhaus in Las Vegas, wo sie 500 feierndenMenschen unter anderem von der „Kellnerin“ berichtet, die „das B’steck z’spat b’stellt hod“ (auf hochdeutsch: Die Kellnerin hat das Besteck zu spät bestellt). Natürlich in Liedform.

Jetzt aber steht zunächst einmal das Debüt-Album auf dem Plan. „Bayern goes World“ soll im Frühjahr 2012 fertig sein. Um die Produktionskosten zu decken, hat Maria Reiser einen Kredit aufgenommen. Denn das „frisst an Haufen Geld“, wie die 31-Jährige sagt. Ein Tag im Studio koste zwischen 150 und 300 Euro, die Pauschale für den Produzenten variiert – je nach seinem Bekanntheitsgrad und seiner Erfahrung – zwischen 2000 und 30.000 Euro. Die Studiomusiker nehmen pro Mann wiederum zwischen 100 und 300 Euro in der Stunde. „10.000 Euro für die komplette Albumproduktion im Studio wäre durchaus ein günstiger Preis“, weiß sie. Nachdem alle Aufnahmen im Kasten sind, muss allerdings auch noch das Pressen auf CD bezahlt sowie das CD-Cover entworfen werden. Um Letzteres kann sie sich durch ihren beruflichen Hintergrund allerdings selbst kümmern, und damit Kosten sparen. Die erste Single „Mo’s Wong“ aus ihrem Album gibt es bisher im MP3- Format zum Herunterladen im Internet – dort ist auch ein Musikclip von ihr zu finden, der von Profis in Los Angeles gedreht worden ist.

Damit ihre Lieder künftig im Radio gespielt werden dürfen, braucht Reiser allerdings auch noch ein Musik-Label. Das gründet sie unter dem Namen „Brezel-Records“ gerade selbst, was wegen der zahlreichen rechtlichen Anforderungen wiederum eine Menge Arbeits- und Organisationsaufwand erfordert. Ohne Steuerberater, auf Musik spezialisierte Rechtsberater und einen zuverlässigen Manager – diese Aufgabe hat ihr Freund übernommen – ist das für einen selbstständigen Künstler nicht zu schaffen. Und auch ohne umfangreiches Wissen über die unterschiedlichen Vertragsvarianten in der Musikbranche geht es nicht: „Sonst wird man schnell ausgenutzt.“ Auch ohne Kontakte hat man als ambitionierter junger Musiker kaum eine Chance, weiß Reiser. Kennengelernt hat sie in den vergangenen Jahren zwar sehr viele Menschen, die ihr beim steinigen Weg nach oben unter die Arme greifen können: Regisseure, Schauspieler, andere Musiker. Momentan fehlt es der jungen Künstlerin allerdings vor allem an Sponsoren, die sie zum einen finanziell entlasten und zum anderen ihren Bekanntheitsgrad erhöhen können. Aber das ist ein Teufelskreis: „Firmen unterstützen einen nur, wenn man schon etwas vorweisen kann, wie CDs zumBeispiel. Aber das geht halt nur, wenn man das Geld dafür schon hat.“

Was der Karriere auch helfen würde, sind Zugpferde. Und da weiß die 31- Jährige ganz genau, wen sie am liebsten auf einer Tour begleiten würde: LaBrassBanda. Mit dem wilden, bayerischen Blasmusik-Quintett ist sie Anfang November bereits in Berlin aufgetreten–als Vorband, vor etwa 1000 Menschen. „Das hat wahnsinnigen Spaß gemacht. Das sind mega lockere Jungs“, schwärmt Reiser. Sonst noch Wunschkandidaten? Da muss sie überlegen. „Na gut“, meint sie lachend: „Bei Seeed oder Peter Fox würd’ i jetz auch ned Nein sagen.“
 

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