Neuburg

Der Geruch von Schwefel

Alexander Suleiman und Bin Huang im Neuburger Kongregationssaal

05.08.2013 | Stand 02.12.2020, 23:49 Uhr

Sensible Klangkünstler: Alexander Suleiman am Cello wird begleitet von Tomoko Nishikawa - Foto: Hammerl

Neuburg (DK) Die Studenten der Neuburger Sommerakademie könnte man um ihre Dozenten beneiden. Zumindest für die drei Virtuosen, die am Sonntagvormittag bei einem Matineekonzert im Kongregationssaal eine Kostprobe ihrer Fähigkeiten gaben: der in Ingolstadt aufgewachsene Cellist Alexander Suleiman, die japanische Pianistin Tomoko Nishikawa und die Geigerin Bin Huang aus Schanghai.

Besonders die Chinesin spielt, als wenn sie nicht von dieser Welt wäre. Die technische Perfektion, mit der sie drei Capricen von Nicolo Paganini vortrug, darunter die berühmte Nr. 24, wirkt schon fast rekordverdächtig. Wie geölt rasen ihre Finger über die Saiten, erklimmen mühelos die höchsten Lagen, Terz- und Oktavläufe, Arpeggien, Flageolett – alles kein Problem für Bin Huang. Sie steht dabei so locker auf der Bühne, als wenn sie Telemann spielen würde. Aber vielleicht ist das auch ein wenig das Problem ihrer Interpretation. Paganinis höllisch schwere Stücke verbindet man immer ein wenig mit Überspanntheit, mit Irrsinn, mit Teufelspakt. Bin Huangs Darstellung kam da ein wenig zu „normal“ über die Bühne, zu wenig zupackend, zu wenig geheimnisvoll. Da fehlte einfach der Geruch von Schwefel.

Diesen etwas zu introvertierten Zugang zur Musik teilt sie mit Alexander Suleiman. Auch er spielt auf einem bewunderungswürdigen Niveau. Die G-Dur-Suite von Johann Sebastian Bach interpretiert der Cello-Professor aus Kalifornien technisch makellos, geschmackvoll und mit vollem, schönem Ton. Und bekam für diese Darstellung doch nur freundlichen Beifall. Denn Suleiman agiert zu zurückhaltend. Ein guter Konzertvortrag ist immer auch ein sublimes Gespräch mit dem Publikum. Aber Suleiman schien allenfalls mit sich selbst zu sprechen und das offenbar auch nur im Flüsterton. So klang alles ein wenig zu glatt, zu beiläufig, zu wenig expressiv.

Obwohl Suleiman über erstaunliche Fähigkeiten der tonlichen Differenzierung verfügt. Besonders deutlich wird das, wenn er etwa die kurze Romanze von Debussy vorträgt. Erst bei den romantischen Werken des Abends, etwa der schwelgerischen „Unbedeutenden Romanze“ von Franz Hummel, Robert Schumanns wunderbar weichgezeichneter „Träumerei“ und ganz besonders bei Rodion Schtschedrins „Im Stile von Albeniz“ schien Suleiman gleichsam zu erwachen, raffte sich zu großen musikalischen Gesten auf, die auch beim Publikum im Saal ankamen. Zum Höhepunkt geriet am Ende Astor Piazollas „Le Grand Tango“ – weil hier Suleiman endlich entfesselt spielte, den Mut hatte zu ruppigen, schmutzigen, anarchischen Tönen. Und weil er so hinreißend mitfühlend begleitet wurde von Tomoko Nishikawa.

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