Berlin

"Das Anderssein bleibt sichtbar"

Das Berliner Theater RambaZamba und seine behinderten Schauspieler haben längst Kultstatus – Morgen gastieren sie in München

26.11.2013 | Stand 02.12.2020, 23:23 Uhr

 

Berlin/München (DK) Fangen wir an: Ein junger Mann wird in die Nervenklinik eingeliefert und erlebt – die normale Welt der Verrückten oder die Normalität einer verrückten Welt? Oder so: „Nie mehr Pfennigabsätze!“, jubelt Eurydike. Oder lieber so: Ein Hotel wird überfallen und die Besetzerinnen (lauter Frauen mit Down-Syndrom) stellen mächtige Forderungen: Sie möchten den männlichen Gästen eine Befruchtung abpressen. Oder vielleicht doch so: Ein Sturm verschlägt eine Truppe Schauspieler auf Prosperos Insel – und nun müssen sie Shakespeare spielen auf Leben und Tod. Vier Möglichkeiten, eine Geschichte zu beginnen. Die Geschichte des Berliner Theaters RambaZamba, das eben Stücke spielt wie „Mit 200 Sachen ins Meer“, „Orpheus ohne Echo“, „Am liebsten zu dritt“ oder „Lost Love Lost“. Oder auch – wie morgen Abend im Münchner Marstall – die „Jahreszeiten“. Das Besondere an diesem Theater: Auf der Bühne stehen professionelle Schauspieler mit geistiger Behinderung.

1990 erfanden die Schauspielerin Gisela Höhne und der Regisseur Klaus Erforth dieses Theater – für ihren Sohn Moritz. Denn der kam 1976 mit dem Down-Syndrom zur Welt. „Ich konnte dadurch nicht mehr spielen“, erklärt Gisela Höhne (64), Leiterin des Theaters RambaZamba. „Das war ein schmerzlicher Abschied vom Theater, aber es ließ sich einfach nicht vereinbaren.“ Anfang der 80er Jahre begann sie dann, Theaterwissenschaften zu studieren. „Ich kann gar nicht genau begründen, warum, das hat ja oft auch mit Ahnung zu tun.“ Und als Moritz mit vier Jahren immer noch nicht sprach, kam sie auf die Idee, mit und für ihn Theater zu machen. „Das hat sehr gut funktioniert. Da gab es so viel Fantasie, so viel Kreativität, so viel Poesie, dass ich einfach Lust bekam, das alles zu verbinden: meine Profession und alles, was ich über die Arbeit mit solchen Kindern gelernt hatte.“

Aber: Gisela Höhne hatte keine Lust auf Laienspiel. „Ich wollte es ernst meinen. Ich wollte kein armes Theater mit ein bisschen Krepppapier. Ich wollte eine echte Bühne. Kostüme. Licht. Aufführungen.“ Und so gründete sie 1990 mit Klaus Erforth unter dem Namen „Sonnenuhr“ einen Kunstverein für Menschen mit geistiger Behinderung. „Wir hatten eine Idee, einen Verein, einen Termin im Deutschen Theater – und die Freiheit, etwas auszuprobieren.“

Schon die erste Inszenierung, „Prinz Weichherz“ – nach einem Text des Dichters Georg Paulmichl, war gleich ein Paukenschlag. „Es war eine besondere Ästhetik, ein Theater der Assoziationen, der Brüche, ganz surreal, das ergab sich einfach aus der Geschichte. Die wurde so erzählt, wie sie in der Fantasie der Spieler entstand“, erinnert sich Gisela Höhne. „Und plötzlich wurden Menschen sichtbar, die die ganze Zeit versteckt waren.“

Ohne die Wende, da ist sich die Theaterfrau sicher, wäre das nicht möglich gewesen. Der Zirkus „Bimbo“, den sie 1988 mit und für geistig behinderte Kinder gegründet hatte, war „in der DDR gerade noch geduldet“ worden, erklärt sie. „Natürlich hatte sich auch im Osten das Verhältnis zu behinderten Menschen gebessert. Die konnten ja nicht ganz daran vorbei. Man konnte sie ja nicht ständig verstecken, nur weil sie nicht aussahen wie das sozialistische optimistische Menschenbild. Trotzdem gab es große Vorbehalte gegen unseren Zirkus.“ Die Wende brachte auch hier eine neue Freiheit.

1993 fand der Verein, dessen Kernstück neben den Werkstätten das Theater wurde, in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg einen eigenen Spielort. Die Presse jubelte: „Die andere Avantgarde ist da.“ Denn hier gab und gibt es „andere“ Stücke. Auch Stoffe der Weltliteratur wie „Woyzeck“, „Orpheus“, „Alice“ oder Texte von Kafka. „Ich wollte, dass unsere Schauspieler mit den großen Themen umgehen und nicht in eine Schublade mit Kindertheater gesteckt werden. Sie sollen ihre Sicht mit einbringen und sich mit Themen auseinandersetzen, die mit ihnen zu tun haben. Warum machen wir ,Medea‘? Es hat zu tun mit ihrer eigenen Kinderlosigkeit. Sie haben keine Kinder und werden keine bekommen. Sie sind Außenseiterinnen. Üppige Frauen, die eine große Tragik in sich tragen und sich so nach einem Freund sehnen. Aber sie kriegen keinen. Das war ein Thema, das in ihnen geschlummert hat – und deshalb war es gesellschaftsrelevant“, erklärt Gisela Höhne.

Längst hatte RambaZamba den alten Namen „Sonnenuhr“ abgelöst. „Ich dachte irgendwann, ,Sonnenuhr‘ klingt irgendwie so nett und friedlich, das kann doch nicht unser Theater sein. Zumal hier das anarchische Prinzip der Verkehrung herrscht: Bei mir sind die Könige die Menschen mit Behinderung – und die haben genauso viel Pathos, Tiefe und Größe. Aber sie haben eine andere Sicht auf die Dinge. Die von unten. Deshalb musste ein wilder Name her“, erzählt Gisela Höhne. Dann entdeckte sie auf einem Lkw, der durch Berlin fuhr, den Namen „Rambazamba“ – und ihr Theater hatte einen neuen Namen.

37 Schauspieler spielen derzeit bei RambaZamba (neben behinderten seit jeher auch nicht behinderte) – dazu kommen freie Musiker, Choreografen, Bühnen-, Kostüm- und Maskenbilder. „Gerade die Kostüm- und Maskenbildnerin versteht es, aus allen eine innere Schönheit herauszuholen“, merkt Gisela Höhne an. Aber: „Das Anderssein bleibt sichtbar.“ Etwa 30 Inszenierungen haben die verschiedenen Gruppen des Theaters bisher geschaffen. Und viele Regisseure zeigen großes Interesse, mit dem Ensemble zu arbeiten, weiß Gisela Höhne. Trotzdem: „Das ist nicht so easy. Da reicht es nicht aus, ein spannendes Konzept zu haben. Man muss die Schauspieler erst mal kennenlernen. Man muss sie beobachten, muss erkennen: Was interessiert sie? Womit zünde ich sie an? Denn wenn sie nicht spielen, kann ich einpacken. Sie spielen, wenn sie etwas interessiert, wenn ich sie überzeugt habe, dass es Wert ist, sich aufzuregen, zornig, traurig, glücklich zu sein. Das muss ein Regisseur leisten. Und das ist mühevoll.“ Es braucht Geduld und Zähigkeit auf beiden Seiten.

In der Regel dauert der Probenprozess ein halbes Jahr, manchmal auch länger. Das hängt davon ab, ob es Text gibt. Daneben wird Repertoire gespielt. Derzeit laufen acht Stücke gleichzeitig. Und mit „Philoktet“ ist ein neues gerade in Arbeit. Mit „Jahreszeiten“ ist RambaZamba morgen, Donnerstag, im Rahmen der Grenzgängertheatertage im Münchner Marstall zu sehen. Basierend auf berühmten Musikstücken wie Strawinskis „Sacre du Printemps“ und Vivaldis „Jahreszeiten“ widmet sich das Tanztheaterstück den Metamorphosen des Lebens. Gastspiele sind für RambaZamba nichts Ungewöhnliches – und führten die Schauspieler bereits nach Lissabon, Rom, Paris, Oslo, Rotterdam oder Wien.

Für seine Arbeit hat das Theater schon viele Preise eingeheimst. Nun kommt ein weiterer dazu: Am 27. März 2014 erhält Gisela Höhne den Caroline-Neuber-Preis der Stadt Leip-zig. Eine Auszeichnung, über die sie sich besonders freut, „weil es ein Theaterpreis ist. Ich mache keine Sozialarbeit und keine Therapie. Wenn das dabei passiert, habe ich nichts dagegen. Aber das ist nicht mein Ziel. Ich wollte immer Künstler und Schauspieler fördern.“

Das ist ihr gelungen. Inszenierungen von RambaZamba sind frech und komisch, rätselhaft und poetisch, stürmisch und schräg, erschütternd und hemmungslos, berührend und – wahrhaftig. RambaZamba ist nicht einfach nur gut gemeint, RambaZamba ist gut gemacht.

URL: https://www.donaukurier.de/archiv/das-anderssein-bleibt-sichtbar-4435984
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