Ingolstadt

Flucht in den Fußball

Ein Team aus Flüchtlingen will für den MTV Ingolstadt antreten

13.02.2015 | Stand 02.12.2020, 21:39 Uhr

Ingolstadt (DK) 27 Kinder und Jugendliche, die vor Krieg und Gewalt nach Deutschland geflohen sind, spielen regelmäßig Fußball beim MTV. Die multikulturelle Mannschaft haucht damit der Jugendabteilung des Ingolstädter Sportvereins neues Leben ein. Ab der nächsten Saison will sie auch im Ligabetrieb antreten.

Das Amtsdeutsch nennt sie „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“. Gemeint sind Kinder und Jugendliche, die sich, von Krieg und Terror bedroht, aufmachen, um sich woanders eine Zukunft aufzubauen. Oder einfach nur zu überleben. 54 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren hat ihre Flucht nach Ingolstadt geführt. Einer von ihnen ist Mahamud Abdirahman. Er floh aus Somalia, schlug sich alleine über Äthiopien, den Sudan und Libyen an die Küste des Mittelmeers durch. In einem „kleinen Plastikboot“ habe er mit vielen anderen die Überfahrt nach Europa gewagt, erzählt er. „25 Menschen sind dabei in unserem Boot gestorben“, berichtet der 17-Jährige.

Seit vier Monaten ist Abdirahman in Deutschland, seit vier Wochen in Ingolstadt. Er wohnt – wie 33 Jugendliche, die ein ähnliches Schicksal teilen – in der Jugendherberge neben dem Gelände des MTV mit Blick auf den zuletzt schneebedeckten Kunstrasenplatz. Als ihn seine Mitbewohner gefragt haben, ob er nicht auch einmal mit ihnen zum Fußballspielen gehen will, war er sofort begeistert. „Bei uns in der Schule haben früher alle Fußball gespielt“, erzählt er. Zuletzt habe das freilich aufgehört. „Die Leute in Somalia haben anderes im Kopf als Fußball.“

In Sicherheit lebt die Begeisterung für den Sport bei den Flüchtlingen aber schnell wieder auf, und so kicken auf dem Feld regelmäßig Jugendliche aus Somalia, Gambia, Afghanistan, Syrien und anderen Ländern. Das Haus Miteinander, wo ebenfalls einige der jugendlichen Flüchtlinge untergebracht sind, hatte im Herbst vergangenen Jahres beim MTV angefragt, ob die Flüchtlinge auf dem Gelände Fußball spielen dürfen, berichtet Georg Pegelhoff, der Leiter der Fußballjugend bei dem Verein. „Wir wollten gerne helfen und haben sofort ja gesagt“, berichtet Pegelhoff.

Wann immer es geht, trainieren die Jugendlichen auf dem Platz des MTV. Sie rutschen in Turnschuhen, manchmal nur in Socken über den Platz und machen die schwierigen Platzverhältnisse mit doppeltem Einsatz wett. Auch wenn einige traumatisiert sind und Gewalt erlebt haben, läuft alles friedlich ab. „Sie gehen wirklich sehr nett miteinander um. Alle verstehen sich gut“, versichert Pegelhoff.

Das bestätigt auch Benjamin Dacic. Der 13-Jährige hat zuletzt in Oberhaunstadt gespielt, ist jetzt aber mit seinem Bruder zu der Multikulti-Truppe des MTV gewechselt. „Es macht richtig Spaß“, berichtet er. Dabei kommt Benjamin neben seinen Aufgaben als einer von zwei Torwarten im Team auch die Rolle des Übersetzers zu. Der Trainer, ein Kroate, spricht kein Englisch und so muss der 13-Jährige taktische Anweisungen und organisatorische Hinweise an das Team weitergeben. „Manche haben hier zum ersten Mal mit einem Ball gespielt“, berichtet Benjamin. „Daheim hatten sie Lumpen zu einer Kugel zusammengeklebt.“

Beim MTV ist mittlerweile ein Plan gereift: Die begeisterten ausländischen Sportler sollen die Jugendfußball-Abteilung des MTV mit neuem Elan erfüllen. In der nächsten Saison soll die Mannschaft im Wettbewerb der A-Jugenden antreten. Wie bei den B- und den C-Junioren hat sich der Verein zuletzt mangels Spielern nicht mehr am Ligabetrieb beteiligen können. Derzeit werden die vereinsinternen Voraussetzungen dafür geschaffen, mit den Flüchtlingen eine offizielle Mannschaft anzumelden.

Um den Plan in die Tat umzusetzen, sind die Fußballer und ihr Verein aber auf Hilfe angewiesen. Wer Fußballschuhe – auch gebraucht –, Trainingskleidung und Bälle entbehren kann, findet hier dankbare Abnehmer. Sollte es genügend finanzielle Mittel geben, wäre vielleicht sogar ein zweites Team mit jüngeren Spielern möglich, die dann im Wettbewerb der B-Jugend starten. Auch ein fahrbarer Untersatz wäre hilfreich, wenn die Mannschaft im Saisonbetrieb zu Auswärtsspielen aufbrechen muss. Spenden können nach der Faschingspause unter der Woche ab 17 Uhr bei den Trainern des MTV abgegeben werden. Und wer Lust bekommen hat, mitzuspielen, ist jederzeit willkommen. „Wir haben durchaus noch Platz für zwei, drei Mitspieler“, erklärt Pegelhoff.

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