Augsburg

Eine Medea aus reiner Energie

Ángel Rodriguez hat für das Theater Augsburg einen klugen und fesselnden Ballettabend gestaltet

22.04.2015 | Stand 02.12.2020, 21:23 Uhr

Der Bühnenvorhang bedrängt und verschluckt die Tänzer: Szene mit Yun-Kyeong Lee als Medea - Foto: Schölzel

Augsburg (DK) Dieser Blick kann einen bis in den Schlaf verfolgen. In diesen Augen spiegeln sich die großen Emotionen des ganzen Abends ein zweites Mal. Denn was Yun-Kyeong Lee auf der Bühne tanzt, wiederholt sich in ihrem Gesicht. Das ist nur einer von vielen spannenden Aspekten, die die jüngste Ballettpremiere in Augsburg zu einem grandiosen Erfolg machten.

Medea. Ein Name, der wie Donnerhall durch die Theatergeschichte geistert. Mehr Raserei, mehr Liebe, mehr Wut sind in keinem zweiten Stück so intensiv vereint. Choreograf Ángel Rodriguez nimmt diesen Donnerhall zutiefst ernst und verleiht ihm zugleich eine eigene kluge Interpretation. Das beginnt damit, dass der Spanier, der zum ersten Mal in Deutschland für ein Stück verantwortlich zeichnet, weder auf den Fundus musikalischer Bearbeitungen des Stoffs zurückgreift, noch auf schon existierende Choreografien. Stattdessen suchte er zwischen klassischem und modernem Repertoire, zwischen instrumentaler und vokaler Bearbeitung nach Musik, die das jeweils auf der Bühne herrschende Gefühl am besten transportieren soll. Dass zwischen diesen enormen Wechseln im musikalischen Genre keine Brüche wahrzunehmen sind, ist dem Arrangement von Jèsus Rubio Garcia-Noblejas zu verdanken.

Doch am Ende liegen die Fäden alle in Ángel Rodriguez‘ Hand, der sogar die Kostüme selbst entworfen hat und das Bühnenbild von Andrea Kuprian-Maier gestalten ließ. Mit ihr zusammen schaffte er auf der Brechtbühne einen großen Raum, mit wenigen Requisiten, die bespielt und variiert werden können. Besonders gelungen ist der mal weiße, mal schwarze Vorhang, der die Tänzer nicht nur verschwinden lässt, sondern bedrängt, verschluckt und wieder aus sich herausstößt. Zusammen mit dem Licht sorgt das für faszinierende Bilder, wie das Licht überhaupt eine wichtige Rolle im emotionalen Wahrnehmungsraum dieses Theaterabends spielt.

Dessen Tänzer zeigen auf der musikalisch wechselvollen Reise eine durchgehende, stringente, hoch konzentrierte Bewegungssprache, die einen festen konzeptionellen Rahmen bildet. Sie tanzen als Spiegel, als Erinnerung und als Chor die Gefühlswelt von Jason und Medea. Dieses Paar wiederum unterscheidet sich erheblich von den vielen Entwürfen, die es auf der Bühne schon erlebt hat. Ángel Rodriguez hat eine Medea geschaffen, die kein Opfer zu großer Liebe ist, keine Furie in wilder Raserei, keine Verzweifelte am Rande der Vernunft. Die Augsburger Medea ist stark, konzentriert, entschlossen, schiere Energie. Es wirkt, als könne sie mit diesen Attributen alles tun. Der Betrug Jasons aber, dem sie erst ihre Privilegien als Königstochter opferte und in die Ferne folgte, dem sie dann zwei Kinder gebar und der sie nun für Glauca – eines anderen Königs Tochter – verlassen möchte, zwingt sie, diese ganze Kraft in den Dienst der Rache zu stellen.

Yun-Kyeong Lee scheint auf diese Rolle gewartet zu haben. Sie tanzt sie mit so viel Energie und Präzision, mit einer solchen ans Raubtierhafte grenzenden Intensität, dass das Publikum keinen Augenblick bezweifelt, was es auf der Bühne sieht: Diese Medea kann mit der Kraft ihres Willens töten. Ihr gegenüber steht ein Jason, dem solcher Furor vor allem fremd ist. Joel Di Stefano meistert diese ihm auferlegte Zurückhaltung ebenso gut wie Laura Armendariz ihre Glauca, in der – ebenso wie in Medea – der Funke der Ebenbürtigkeit angelegt ist.

Die musikalische und mit ihr die tänzerische Vielfalt vor dunkel-schimmerndem Bühnenhintergrund lassen viel Spielraum für Assoziationen. Man kann sich an Filme und Tanzstile erinnert fühlen und mit der Hauptfigur über das Wasser in die Ferne eigener Erinnerungen blicken. Bis einen die Augen dieser Medea zurückzwingen. Ángel Rodriguez ist mehr als ein guter Ballettabend gelungen: Er zeigt in Augsburg ein rundum einleuchtendes Konzept von der eigenen hochinteressanten Interpretation einer der größten Tragödienfiguren der Weltliteratur bis zum eigens dafür zusammengestellten Musiktableau. Das setzt sich in der Leistung des Ensembles fort und beschert dem Publikum einen hochemotionalen und aufregenden Abend, der völlig zu Recht mit großem Beifall aufgenommen wurde.

Weitere Vorstellungen am 26. und 30. April sowie am 3., 16., 21., 22. Mai. Kartentelefon: (08 21) 3 24 49 00

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