Ingolstadt

Mit einem Fischerboot übers Mittelmeer

Flüchtlinge und ihre Helfer erzählen auf der "Kopf.Kino"-Bühne in der Eventhalle ihre Geschichten

13.11.2015 | Stand 02.12.2020, 20:33 Uhr

Einen langen Weg hat Ismail Uwair (links) hinter sich. Mit der Hilfe von Levent Özkiran erzählte der 19-jährige Syrer in der Eventhalle von seinen Erlebnissen - Foto: Stephan

Ingolstadt (DK) Wie es ist, mit 360 Menschen auf einem Fischerboot über das Mittelmeer zu flüchten und ob ein Schachturnier helfen kann, Grenzen zu überwinden – davon erzählten Flüchtlinge und ihre Helfer am Donnerstagabend auf der Bühne in der Eventhalle in Ingolstadt im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kopf.Kino“.

Normalerweise treten in diesem Programm Referenten auf, die Impulse für Karriere und Privates geben sollen. Initiator Sven Neuenfeldt wollte in dieser Sonderausgabe – in der am Ende 400 Euro an Spenden für soziale Einrichtungen zusammenkamen – unter dem Motto „Worte schaffen Wirklichkeit“ aber einen Beitrag für ein „besseres, kulturübergreifendes Verständnis“ leisten. Und dies ist laut Ingrid Gumplinger, der Integrationsbeauftragten der Stadt, sehr wichtig: „Ich kann die Ängste verstehen“, sagte sie vor etwa 60 Zuhörern. „Viele fragen sich: ,Es kommen so viele Menschen zu uns, so viel Platz haben wir doch gar nicht.’“ Eine Lösung dafür zu finden, sei nicht Aufgabe der Stadt. „Wir sollten uns aber auf die konzentrieren, die bleiben dürfen, und sie dabei unterstützen, sich etwas aufzubauen.“ Denn sowohl die Werte als auch die Talente, die die Neuankömmlinge mitbringen, seien eine Bereicherung. „Wir brauchen Zuwanderung“, betonte Gumplinger. „Schon allein wegen des Fachkräftemangels.“

Wie diese Unterstützung aussehen kann, davon berichtete Flüchtlingshelfer Levent Özkiran. „Jeder kann seine Fähigkeiten einbringen und gemeinsame Projekte organisieren, in denen man sich begegnen kann“, sagte der 27-Jährige. Kochen, Nähen, Fußball- oder Schachturniere würden sich da beispielsweise anbieten. „Das Wichtigste ist es, die Leute kennenzulernen.“

Einer von ihnen ist Ismail Uwair. Seit 14 Monaten wohnt er in Deutschland. Die Sprache beherrscht er mittlerweile gut, und gestern war der 19-Jährige aus Syrien bereit, von seiner Flucht zu erzählen – auf der er so viel erlebt hat wie viele im ganzen Leben nicht. Uwair ließ die Zuhörer daran teilhaben, wie er 2012 mit seiner Familie über Jordanien nach Ägypten floh, wo er sich entschied, alleine weiterzureisen – aus Angst, nach Syrien zurückgeschickt zu werden: „Das wäre der Tod.“ 2000 Dollar bezahlte er für die Überfahrt übers Mittelmeer nach Italien – auf einem Fischerboot, das für 30 Personen ausgelegt war, aber von der „Schleppergang“ mit 360 Flüchtlingen besetzt wurde. „Es war sehr heiß, am Ende gab es kein Essen und kein Trinken mehr“, erinnerte er sich. Auch die erste Zeit in München und Ingolstadt sei nicht die schönste gewesen: „Man kommt irgendwohin, schläft neun Monate, dann ist es genehmigt“, erzählte er trocken über die Dauer seines Asylverfahrens.

Nun hat Ismail Uwair es geschafft, in Deutschland anzukommen: Laut Neuenfeldt hätte er einen Ausbildungsplatz bekommen, sich aber für die Schule entschieden: „Du wirst studieren, du gehst deinen Weg.“ Um das zu erreichen, hat Uwair wichtige Unterstützung erhalten, wie er erzählt: „Ich habe jemanden gefunden, der mir gesagt hat: ,Du bist da, ich bin da, das ist das Wichtigste.’ Und da habe ich gewusst: Es ist schön, hier zu leben.“

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