Scheyern

Zitherspiel statt Zitterspiel

Ungewohnte Klänge in der Kapitelkirche in Scheyern

08.07.2016 | Stand 02.12.2020, 19:34 Uhr

Begeisterndes Zitherkonzert in Scheyern: Aus Bozen in Südtirol stammt Mara Vieider, zweite Preisträgerin beim internationalen Wettbewerb für Zither 2015. Sie trat mit weiteren Musikerinnen in der Kapitelkirche auf. - Foto: Steininger

Scheyern (PK) "Zither moves" lautete der Titel des letzten Sommerkonzerts 2016 des Klosters Scheyern. Und tatsächlich erlebten die Zuschauer, die nicht vom Hype des Fußballspiels infiziert waren, eine Stunde bewegter und bewegender Klänge.

Für diese Klänge sorgten die Zithern, die man eher in volkstümlicher Umgebung erwartet als in der Kapitelkirche. Deren vergleichsweise nüchterner Renaissance-Stil bietet aber optisch wie auch akustisch einen passenden Rahmen für Konzerte der besonderen Art.

Mit Claudia Höpfl, Mara Vieider und Karmen Zidar Kos hatte sich ein Trio junger Musikerinnen aus Bayern, Südtirol und Slowenien zu einem Programm zusammengefunden, das durch drei Jahrhunderte Musikgeschichte führte.

Dabei nutzten sie Diskant-, Alt- und Basszithern wie auch eine "Cetra nova", die in ihrem Klang einer Laute ähnelt. Diese Konzertzithern mit ihren fünf Griffbrettsaiten und bis zu 37 Freisaiten eignen sich für fast jede Musikliteratur, insofern man das musikalische Handwerk beherrscht. Und das ist bei den drei jungen Damen absolut der Fall. Alle studieren an der Münchener Musikhochschule, sind Preisträger bei verschiedenen Wettbewerben und haben ihr Können schon in diversen Produktionen bewiesen. Das war hör- und erlebbar, solistisch, in wechselnden Duetten und im Trio.

Letzteres startete verheißungsvoll mit dem Titel "Sweet Music" ins Programm: gefällige Moll-Melodik mit einem gemeinsamen Dur-Akkord am Ende. Weiter ging's mit Mara Vieider als Solistin mit der dreisätzigen "Partie für Zither", mit prägnanten Taktwechseln. Bis zu drei unterschiedliche Solo-Stücke hatten die drei Musikerinnen zu bewältigen, darunter das reizvolle Walzerintermezzo "Chanteclair" von Anton Stelzl mit Claudia Höpfl an den Saiten oder die Fantasie über "La Malinconia" in der gefühlvollen Interpretation von Karmen Zidar Kos.

Das Programm war nicht etwa chronologisch nach Kompositionsjahren aufgebaut, sondern bot ein völlig gegensätzliches Spektrum, bedingt durch wechselnde Instrumentierung, historische wie moderne Kompositionen und der variablen personellen Zusammensetzung der Duette. So stand dem "The Queen's Goodnight" des Komponisten Thomas Robinson, geboren im Jahr 1560, ein "Dessert Call" gegenüber. Das stammt aus der Feder des Komponisten Jakob Lakner, Jahrgang 1988. Also britisch-höfische Musik kontra moderne Tonkunst mit teils dissonanten Tonfolgen.

Dabei zeigte sich, dass die Zither weit mehr vermag, als man von ihr landläufig gewohnt ist: Sie ist ebenso ausdrucks- wie klangvoll und nicht zuletzt auch eindrucksvoll. Alle drei Musikerinnen überzeugten durch ihr überwiegend virtuoses Spiel mit den vielen Saiten, die stellenweise auch an eine Harfe erinnerten oder an eine Laute. Den Schlusspunkt bildete der "Radetzky Marsch" von Johann Strauss, ein klassischer Mega-Hit aus alten Zeiten.

Das war ein Konzerterlebnis der anderen Art, das die Zuhörer mit großem Beifall bedachten. Die waren auch nicht bereit, die Kapitelkirche ohne Zugabe zu verlassen. Die wurde auch gewährt - alpenländisch und mit strahlenden Mienen der Interpretinnen.

"Das Leben ist für manche ein Spiel, und manchmal bestimmt ein Spiel das Leben", sagte Pater Lukas in seiner Begrüßung. Denn offenbar hatten viele ein Public Viewing der Partie Deutschland gegen Frankreich im Biergarten dem Konzertbesuch vorgezogen, denn nur rund 40 Zuhörer hatten sich in der Kapitelkirche eingefunden. Die aber erlebten ein wunderbares Zitherspiel, das Zitterspiel der Nationalelf konnte man zu Hause trotzdem noch weitgehend verfolgen.

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