Eichstätt

Lobbyarbeit für die Armen

Der Jesuitenpater Jörg Alt über Ungleichheit und Steuergerechtigkeit

06.10.2017 | Stand 02.12.2020, 17:24 Uhr

Der Jesuit Jörg Alt bei der Diskussion über seinen Vortrag. Rechts: Moderatorin Kolping-Bundesleiterin Julia Mayerhöfer. - Foto: Kommer

Eichstätt (EK) Mit schonungsloser Offenheit konfrontierte der Jesuitenpater Jörg Alt aus Nürnberg die Zuhörer mit Daten, Fakten und Thesen zur Steuerungerechtigkeit in Deutschland.

Auf Einladung von Kolping (Verband und Erwachsenen-Bildungswerk) sprach der Sozialethiker und Hochschulseelsorger in Eichstätt über die Vermögensungleichheit in Deutschland.

Alt legte zeigte die zunehmende Polarisierung zwischen Arm und Reich schonungslos offen: Die relative Belastung durch direkte und indirekte Steuern sowie Sozialabgeben sei bei Armen und Reichen gleich. Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis analysierte Alt das Ergebnis der Bundestagswahl. Alle Parteien einer möglichen schwarz-gelb-grünen Koalition treten für Steuersenkungen ein. Bei der Gegenfinanzierung dieser Maßnahme wollen aber nur Bündnis 90/Die Grünen eine steuerfinanzierte Umverteilung; die beiden anderen Partner gehen davon aus, dass die aktuellen Überschüsse im Staatshaushalt genügen.

Es sei, so Alt, zu befürchten, dass mit diesen Maßnahmen einer kommenden Regierung die Schere zwischen Reich und Arm nicht geschlossen werden könne. Sehr aufschlussreich war der Blick hinter die Kulissen der Medienlandschaft zu diesem Thema. Am Beispiel der Erbschaftssteuer zeigte der Sozialethiker die Aktivitäten der Lobbyisten auf, die Berichterstattung zu diesem Thema "massiv in die gewünschte Richtung zu lenken". Kritisch setzte sich Alt auch mit der Frage auseinander, ob der Markt als sozial-ökonomischer Reform-Motor taugt.

Während der Jesuitenpater auf eine gemeinwohlorientierte Politik in europäischem Kontext setzt und damit einen Hoffnungsschimmer im Saal verbreitete, wurde es bei der Diskussionsrunde und der Frage nach den Konflikten in der Welt eher düster: "Wir steuern auf immer mehr gewalttätige Auseinandersetzungen zu." Doch bei dieser Erkenntnis stehen zu bleiben und die Hände in den Schoss zu legen, wäre nach Alt erst die wirkliche Sünde. Auf die Frage "Was können wir tun" wurde der Jesuitenpater sehr deutlich: "Jeder steht in Strukturen und kann diese nutzen! Jeder kann wie Sie bei Kolping Position beziehen und Lobbyarbeit für die Armen leisten.\"

Erst nach langem Applaus konnte Kolping-Diözesanvorsitzende Eva Ehard dem Referenten für die aufrüttelnde, aber auch ermutigende Botschaft danken und ihn mit fair gehandelten Produkten und einem Kolping-Kalender für 2018 zum schon bereitstehenden Zug entlassen.

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