Vor

Angedacht

19.01.2018 | Stand 02.12.2020, 16:56 Uhr

Vor Kurzem bin ich einer 90-jährigen Frau in einem Altenheim begegnet. Diese Begegnung wirkt in mir nach, und diese Nachwirkung möchte ich hier weitergeben. Diese für ihr hohes Alter geistig erstaunlich fitte Frau erzählte in einem Gespräch mit mir von ihrer Vertreibung aus Ostpreußen.

Sie war damals eine junge Frau, die mit ihrem frischgeborenen Kind wegen des Krieges fliehen musste. Die Erlebnisse in einem Viehwaggon, wo sie mit vielen anderen Menschen und auch jungen Mütter gen Westen fuhr, kommen im Alter verstärkt zurück. Die Not, das Elend, das Sterben von Kleinkindern, weil ihre Mütter keine Muttermilch mehr hatten. . .

Mit großen Augen mich anschauend sagte sie: "Damals habe ich meinen Glauben an Gott verloren! Wo war er denn bei all diesem Leid" Darauf sagte ich nichts. Ich bat sie darum, weiterzuerzählen. Mit Tränen in den Augen erzählte sie dann davon, dass sie zwei Babys von anderen Müttern mitstillte. . . Schweigen und Tränen.

Ich nahm ihre Hand, sah ihr tief in die Augen und erlaubte mir zu sagen: "Gott hat Ihnen die Kraft gegeben, dies zu tun. So etwas habe ich noch nie gehört, und ich danke Ihnen von Herzen für diese Hilfe, die Sie für andere mitten in Ihrer eigenen Not geleistet haben."

Stille, Tränen, ein Lächeln. Wir verabschiedeten uns dann bald voneinander. Es musste gar nicht mehr erwähnt werden, dass Gott genau da in dieser Situation des größten Leides anwesend war.

In unseren Altenheimen, in den Geriatrien, in den Krankenhäusern und Hospizen sind verborgene Schätze von Menschen mit ihren Lebensgeschichten. Diese Schätze können uns Heutigen zur Fundgrube werden. Wir können mit unseren heutigen Problemen viel von diesen Mitmenschen lernen.

Christoph Kreitmeir,

katholischer Klinikgeistlicher

am Klinikum Ingolstadt

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