Oberstimm

"Eine wohl eher lückenhafte Aufsicht"

Interessengemeinschaft arbeitet Rodung in der Oberstimmer Schacht akribisch auf - "Planungen hoffnungslos veraltet"

08.06.2020 | Stand 02.12.2020, 11:13 Uhr
Ein Teil der Oberstimmer Schacht gut ein halbes Jahr nach der Rodung. −Foto: Schmidtner

Manching - Ein Treffen kam wegen Corona nicht zustande: Deswegen tauschten die Untere Naturschutzbehörde (UNB) im Landratsamt Pfaffenhofen und die 25 Mitglieder umfassende Interessengruppe Oberstimmer Schacht ihre Argumente schriftlich aus.

 

Die gemeinsame Stellungnahme der Gruppe aus Anliegern und Naturschützern zeichnet ein neues Bild der Vorgänge im der Schacht, stellt die weiteren Pläne der UNB in Frage und mündet in einen fünfteiligen Appell. Wie mehrfach berichtet, waren die massiven Rodungen in dem Naturschutzgebiet auf große Proteste gestoßen.

Widersprüche ergäben sich bereits bei den Zielen der Umgestaltung: "Pflege" der Natur darf in den Augen der Interessensgruppe niemals zu solcher Zerstörung führen. Anstatt mit Gewalt vergangene Zustände zurückholen zu wollen, hätte man der Schacht mit Respekt begegnen und einen Ausgleich aller dort vorhandenen Lebensformen anstreben sollen, anstatt nur ausgewählte FFH-Ziele herauszugreifen. Danach fehlten im 2018 zusammengestellten Bild des Naturschutzgebietes sämtliche Vogelarten und Säugetiere. Und der Zankapfel Nr. 1, der erwachsene Pionierwald, hätte laut forstlichen Gutachten sehr wohl erhalten bleiben sollen, so die Interessengruppe in einer Mitteilung. Dies sorgte schon 2017 für Diskussionen "und wurde schließlich unter fragwürdigen Umständen, hinter verschlossenen Türen anders entschieden und noch anders umgesetzt". Wenigstens einzelne Biotopbäume wären nach dem Wunsch der UNB stehengeblieben. Doch dies erwies sich als fromme Theorie - für die Interessengruppe ein Beispiel dafür, dass sich die auftraggebende Behörde streckenweise selber in der Opferrolle wiederfand. Dass Pfaffenhofen mit seinem dürftigen Waldanteil von unter 25 Prozent auf Platz 60 von 71 Landkreisen weit hinten in Bayern liegt und deswegen seine Bäume besonders schützen müsste, wurde bis hinauf in die Regierung von keinem Planer gesehen.

Deutliche Kritik äußert die Interessengruppe an der Informationspolitik und fordert statt der fehlenden Öffentlichkeit eine breitere Mitsprache der Bevölkerung. Mit zwei erfahrenen DB-Mitarbeitern in der Gruppe und offiziellen Angaben des Verkehrsbetriebes im Rücken habe sich der Kahlschlag als "völlig überzogen" dargestellt. "Als größeres Sicherheitsrisiko erschien vielmehr die personelle Besetzung der Verantwortlichen", so die Interessensgruppe. So sei der ehrenamtliche Gebietsbetreuer mit seiner Aufgabe offensichtlich überfordert gewesen und habe aus Angst vor persönlicher Haftung lieber alles fällen lassen, anstatt Probleme zu melden oder sich Unterstützung zu holen. Hinzu kam die Vergabe des Fällungsauftrags gegen Holzwert und eine "wohl eher lückenhafte Aufsicht". Diese Kombination wird als Ursache dafür angenommen, dass die Schneise immer breiter wurde und insbesondere 38 wertvollen Eichen verschwanden.

Wesentliche Daten der Planung sind nach Ansicht der Interessensgruppe "hoffnungslos veraltet". Dennoch habe die UNB auf ihrer Grundlage in der Schacht gehandelt: So seien vom einst großflächigen Moor heute nur noch zehn Quadratmeter übrig - auf der Website zum Naturschutzgebiet stellt dieses halbe Prozent der Fläche dennoch bis heute das entscheidende Schutzziel dar. Orchideen gibt es nachweislich seit 40 Jahren keine mehr. Und der Schneidriedbestand wurde auf rein lokale Bedeutung heruntergestuft. Dies alles ist seit Jahren bekannt und in den Planungsunterlagen von 2018 bereits als dringend aktualisierungsbedürftig vermerkt, wurde von der UNB aber nicht angenommen. "Und dabei wissen sämtliche Naturschutzverwalter bisher nicht einmal, dass der so hervorgehobene Kamm-Molch in den Tümpeln nicht natürlich vorkommt, sondern einst von Anliegern eingesetzt wurde. "

Den größten Aktualisierungsbedarf sieht die Interessensgruppe jedoch im Klimaschutz, der weder rückblickend (z. B. Austrocknung der Böden) noch vorausschauend (z. B. Klimafolgenabschätzung durch Baumverlust) berücksichtigt wurde.

Vor dem Hintergrund ihrer Befunde setzt die Interessensgruppe ein großes Fragezeichen hinter die künftigen Planungen für das Naturschutzgebiet, die viele weitere Baumfällungen vorsehen: Auf der Ostseite des Bahngleises, zu drei Seiten des Sees sowie in Form einer breiten Schneise im Herzen des westlichen Geländeflügels. Auch der restliche Birkenwald an der Südspitze soll noch fallen. "Insgesamt geht es ab diesen Herbst also wieder um Hunderte von Bäumen", so die Interessensgruppe. Die Stellungnahme, die stellvertretend für die Unterstützer Peter Bernhart (BN), Hans Dittrich, Annette Hartmann (BN), Hubert Henfling, Manuel Hummler (FFF), Simon Möhle (FFF) und Thomas Winter unterzeichnet haben, mündet in fünf Appelle an Pfaffenhofens Landrat Albert Gürtner und die Untere Naturschutzbehörde (siehe Kasten).

Wie das Landratsamt auf Anfrage erklärt, nehme sich Landrat Gürtner der Sache an. Bereits für nächste Woche sei geplant, dass er sich selbst ein Bild vor Ort macht. Ebenfalls werde sich der Naturschutzbeirat nochmals ausführlich der Thematik annehmen. Wie berichtet, hat auch der Markt Manching dringend einen Ortstermin mit allen Beteiligten empfohlen.

DK

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