Überlebenslieder

Das Stadttheater Ingolstadt eröffnet die Freilichtsaison im Turm Baur mit einem ganz besonderen Abend

21.06.2020 | Stand 02.12.2020, 11:08 Uhr
Eine echte Entdeckung: Linda Ghandour singt eine atemberaubende Version von "Muddy Waters". −Foto: Klenk

Ingolstadt - Sie spielen wieder: Nach drei Monaten Corona-bedingter Zwangspause wagte das Stadttheater Ingolstadt am Freitagabend einen Neustart nach dem Lockdown.

Just an dem Tag, an dem ursprünglich die Freilichtpremiere das Ende der Spielzeit einläuten hätte sollen. "Soul Kitchen" nach dem gleichnamigen Film von Fatih Akin wird auf nächste Saison verschoben. Stattdessen gibt es im Innenhof des Turm Baur "Lieder im Freien", launige, zarte, trotzige. Ein bisschen wie "Sleepless", allerdings ohne diese schwärmerisch-träge Leichtigkeit, die sich unterm Sternenhimmel immer so schnell einzustellen pflegte. Dieses Open Air fühlt sich ganz anders an. Irgendwie existenziell.

"Es ist ja nichts normal", sagt Tobias Hofmann zu Beginn. Deshalb hat der musikalische Leiter ein buntes Programm aus Liedern zusammengestellt, "die uns gerade wichtig sind". Von Edit Piaf ("Milord" - was für ein Auftritt von Theresa Weihmayr) und Herbert Grönemeyer ("Mehr geht leider nicht"), Operetten- ("Juliska") und Schlagerseliges ("Das bisschen Haushalt. . . "), Wildromantisches wie den "Eisenhans" aus dem neuen Programm von Teresa Trauth und Wehmütiges der Band Sonne Mond und Sterne, das Paula Gendrisch und Michael Amelung mit melancholischem Funkeln der Nacht anvertrauen. Folk-Rock-Klassiker wie Paul Simons "Sound of Silence" (Sara Schulze-Tenberge) und natürlich solche, die der Krise trotzen: Mit "I Will Survive" hatte Gloria Gaynor in den 70er-Jahren einen Welthit gelandet. Vor Kurzem hatte die mittlerweile 70-jährige Soul-Diva einen Clip verbreitet, in dem sie mit eben jenem Song gegen Corona ansingt und sich dabei die Hände wäscht. Dazu twitterte sie: "Es braucht nur 20 Sekunden, um zu überleben. "

Und genau diesen Hit zelebriert das Ensemble in wechselnder Besetzung eigensinnig und bestimmt, inbrünstig und frenetisch: "I Will Survive", "ich werde überleben": Manuela Brugger, Péter Polgár und Renate Knollmann beginnen, Richard Putzinger, Peter Reisser, Andrea Frohn und Jan Gebauer setzen es fort. Denn: Nach den neuen Corona-Vorschriften darf immer nur eine bestimmte Anzahl von Personen auf der Bühne sein. Dabei müssen die Künstler nicht nur Sicherheitsabstand wahren, sondern darüberhinaus eigene Mikros mitbringen. Aber: Sie spielen auch mit dieser Situation. Da wird "I Can't Get No) Satisfaction" von Olivia Wendt kurzerhand umgedichtet in "I Can't Get No Disinfection", Tobias Hofmann, mit Gundula-Gause-Perücke und Blümchenshorts, macht Klopapier-Witze, und Renate Knollmann beklagt in ihrer umwerfenden Whitney-Houston-Nummer "Wanna Dance With Somebody (Who Loves Me)" eben die Unmöglichkeit von Nähe. Wie so oft kann man nur stauen über die Musikalität dieses (Schauspiel! )Ensembles. Wie ausdrucksstark sie singen. Wie perfekt sie harmonieren. Mit welcher Leidenschaft sie ihre Lieder präsentieren. Und wie sie aus den Nummern kleine Minidramen bauen.

20 Lieder stehen an diesem Abend auf dem Programm, die von Tobias Hofmanns fabelhafter Combo getragen werden. Beifall gibt es zuhauf. Zu Beginn schon aus reiner Freude, dass die Schauspieler wieder da sind. Und auch zwischen den Nummern wird begeistert geklatscht und gejohlt. Eine echte Entdeckung aber ist Linda Ghandour, Neuzugang im Jungen Theater, die eine atemberaubende Version von "Muddy Waters" ins grün-blaue Dunkel raunt.

Berührend ist auch der Soul-Klassiker "Lean On Me" des kürzlich im Alter von 81 Jahren verstorbenen Bill Withers. 1972 erschienen, erfährt der Song gerade als eine Art inoffizielle Hymne in diesen Pandemie-Zeiten eine Renaissance. Und Peter Reisser, Péter Polgár, Richard Putzinger und Michael Amelung schaffen mit ihrer Interpretation einen Gänsehautmoment. Aber wenn Enrico Spohn im Stars-and-Stripes-Outfit mit Netzstrümpfen, Hotpants und High Heels den Titelsong aus "Fame" (I'm Gonna Live Forever) schmettert, fühlt man sich ebenso gut unterhalten wie bei Benjamin Damis Reinhard-Mey-Klassiker "Über den Wolken", den er auch noch im himmelblauen Wolken-Anzug vorträgt.

Überhaupt die Kostüme! Ausstatterin Katrin Busching hat vergnüglich im Fundus gestöbert und herausgesucht, was kracht und schrillt und Spaß macht. Blumentops und kurze Petticoats, Pailletten-Jackets und Schlangenlederschuhe, edle Abendgarderoben und mondäne Hüte, Gestreiftes und Gepunktetes, blondes Langhaar und braune Lockenungetüme. Endlich wieder Theater!

Trotz der Ausnahmesituation, trotz Abstandsregeln und Maskenpflicht: Es ist ein rundum schöner Abend. Auch weil der Regen sich rechtzeitig verzogen hat und die Mücken noch nicht sehr kampfeslustig sind.

Es ist ein Abend mit viel Lachen und Herzklopfen und guter Musik. Und der Erkenntnis: Ohne Theater geht es nicht.

DK

ZUM STÜCK
Theater: Stadttheater Ingolstadt, Turm Baur
Regie: Tobias Hofmann
Ausstattung: Katrin Busching
Vorstellungen: bis 10. Juli
Wetterhotline: (0841) 3054 7299.

URL: https://www.donaukurier.de/archiv/ueberlebenslieder-1954775
© 2022 Donaukurier.de