"Mangelwirtschaft wie in der DDR"

Zimmereien leiden unter Lieferproblemen für Konstruktionsvollholz - Langsam steigen Waldbauern-Erlöse

11.04.2021 | Stand 15.04.2021, 3:33 Uhr
  −Foto: Auer

Hilpoltstein - So etwas hat die Zimmererbranche noch nicht erlebt: Die Auftragsbücher sind voll - aber das Konstruktionsvollholz ist Mangelware.

Schon seit Monaten zieht der US-Markt massenhaft deutsches Bauholz vom Markt ab. Ein Holzschädling vernichtet riesige kanadische Wälder, aus denen sonst das Bauholz käme, die Amerikaner - und auch China - bedienen sich deswegen plötzlich in Deutschland. Die Globalisierung schlägt also voll durch: auch im Landkreis Roth. Doch des einen Leid ist des anderen Freud: Jetzt bekommen auch die Waldbauern mehr Geld, jedoch nicht ansatzweise in dem Umfang, in dem der Preis für das getrocknete Konstruktionsholz steigt.

Fototermin bei der Zimmerei Rehm in Weinsfeld: Auf dem Hof stapeln sich Konstruktionsholz und Dämmplatten _ in Mengen wie noch nie. Denn Firmenchef Christian Rehm entschied um Weihnachten herum, im großen Stil fürs ganze kommende Jahr auf Vorrat zu bestellen - und schaffte es, bei seinen langjährigen Lieferanten "mit viel Nachtelefonieren" mit seinen Wünschen durchzudringen. Für eine Firma mit zehn Mitarbeitern braucht's da schon Nerven, zumal die Preise happig sind: "Beim Konstruktionsvollholz hat sich der Preis seit August verdoppelt. " Aber: "Der Preis ist nicht mehr ausschlaggebend - Hauptsache, du kriegst die Ware", schildert der Zimmerer-Meister. Er selbst hat dank jahrzehntelanger Treue und vertrauensvollen Beziehungen zu seinen Lieferanten die entscheidenden Pluspunkte und deswegen im Moment keine Probleme, dennoch kreist jetzt jede Planung schon Monate vor der Umsetzung erst einmal um die Beschaffung des erforderlichen Materials. Das stand früher auf Zuruf binnen 14 Tagen bereit. Selbst mit besten Kontakten, so schildert Rehm, gilt: "Eine Bestellung ist heute mit mindestens fünf Telefonaten verbunden. Das kostet Zeit und Nerven. "

Eine weitere Schwierigkeit: Die Lieferprobleme reichen weit übers Holz hinaus und betreffen zum Beispiel auch Maschinen, Schrauben, Dachplatten. Auch da stockt der Nachschub. "Wenn sich da nichts tut, wird es viele Zimmerer geben, die Kurzarbeit anmelden", befürchtet Rehm, dem als Vergleich bereits die "Mangelwirtschaft wie manchmal in der DDR" einfällt.

Auch Helmut Heine, der Obermeister der Zimmerer-Innung Schwabach-Roth-Hilpoltstein, nennt die Probleme auf dem Markt für Konstruktionsvollholz (KVH) "ganz gravierend". "Der Materialpreis steigt unwahrscheinlich in die Höhe. " Was den Zimmerern vor allem zu schaffen macht: Mitten in einer Zeit des Bau- und Auftragsbooms gibt es nun laut Heine "für übliche Sachen verhältnismäßig lange Wartezeiten von sechs bis acht Wochen". Holz mit Standardquerschnitten sei früher immer problemlos auf Lager gewesen - jetzt hätten die Händler zum Teil "gewisse Probleme, das zu beschaffen".

Den Hauptgrund sieht der Obermeister im massiv angestiegenen Export: "Seit Mitte letzten Jahres sind Unmengen von Holz nach Amerika geliefert worden - das ist es, was es für uns so schwierig macht. " Von einer Krise will Obermeister Heine dennoch bisher nicht sprechen: "Es lässt sich verwalten. "

Wichtig sei bei steigenden Preisen allerdings, dass die Handwerksbetriebe in den Verträgen mit ihren Kunden sogenannte "Stoffpreisgleitklauseln" vereinbaren - damit die Teuerung des Materialpreises auch später noch berücksichtigt werden kann. "Ein schmaler Grat", wie der Obermeister einräumt. "Aber man tut gut daran, auf Nummer sicher zu gehen. "

Einer der ganz Großen beim Bezug von Bauholz im Landkreis Roth ist das Unternehmen Luxhaus in Georgensgmünd. Es errichtet jährlich etwa 250 Fertighäuser in Holztafelbauweise für das gesamte südliche Deutschland, dazu Luxemburg und Mallorca. Die Auftragslage ist prächtig, doch die Sorge groß. Geschäftsführer Dirk Adam teilte auf Anfrage mit: "Es gibt derzeit erhebliche Schwierigkeiten bei der Beschaffung, weil auch langfristige Lieferverträge mit langjährigen Partnern nur bedingt erfüllt werden. Die Bereitstellung des Produktionsmaterials erfordert dadurch deutlich mehr Aufwand. " Das Unternehmen habe seine Termine dennoch bislang "zu 100 Prozent halten" können.

Schmerzhaft ist zudem die Entwicklung der Einkaufspreise: "Wir beobachten derzeit eine Preissteigerung um 50 bis 100 Prozent beim Holz und 20 bis 50 Prozent bei anderen Materialien", erklärt der Geschäftsführer und betont die Belastbarkeit dieser eigentlich unfassbaren Entwicklung: "Es handelt sich hierbei um validierte Zahlen, auch wenn man es selbst kaum glauben kann. Als Konsequenz daraus werden wir zum 1. Mai eine Preiserhöhung von 3,9 Prozent vornehmen. "

Von der neuen Holz-Knappheit profitieren - wenn auch in überschaubarer Dimension - nach und nach auch die privaten Waldbesitzer. Hans Stromberger, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft (FBG) Heideck als Selbsthilfeorganisation der Waldbauern, hat eben erst mit den verschiedenen Sägewerken die Verträge für das zweite Quartal ausgehandelt. Wie er auf Anfrage sagt, steigen die Preise für Fichte und auch Kiefer um 10 bis 15 Euro je Festmeter. Das spiegele zwar "nicht adäquat" den Anstieg der Schnittholzpreise wieder. Aber: "Wir merken eine leichte Aufwärtsbewegung". Dazu muss man allerdings wissen, dass die Rundholzpreise seit Jahren katastrophal im Keller sind. Der Borkenkäfer hat gewaltige Mengen an "Käferholz" verursacht, aus dem nördlichen Franken und noch weiter nördlich davon sowie aus Tschechien drückt immer noch Käferholz aus dem vergangenen Sommer auf den Markt. Aber irgendwann ist auch das vorüber, und dann geht FBG-Geschäftsführer Stromberger davon aus, dass mit der Nachfrage nach frischem Holz die Preise weiter anziehen. "Die Absatzlage bei den Sägern ist so gut wie noch nie. " Alles hängt aber davon ab, wie sich die Witterung im Frühling und Frühsommer darstellt: Wenn es genug regnet, ist das Borkenkäferproblem beherrschbar. "Ansonsten befürchte ich im Juli bei uns größere Käferholzmengen. " In Nordbayern werde das Käferproblem aber "auf jeden Fall weitergehen".

Den Waldbauern rät Hans Stromberger mit Blick auf den momentanen "Preis im mittleren Niveau", schwache und kränkelnde Bäume beherzt "vorzeitig" zu ernten, aber alles "mit Umsicht und im vertretbaren Maß". Der Holzmarkt sei mit seinen Bedrohungen durch Käferbefall und Stürme "ein Lotteriespiel - wie bei den Aktien". Wie an der Börse setzt die FBG deshalb auch bei ihren Abnehmern auf eine möglichst breite Palette: vom Großsägewerk Binder in Kösching bei Ingolstadt über Sägewerke etwa in Augsburg, Regensburg und Wilburgstetten bis zu den örtlichen Sägereibetrieben.

Harald Schiller, Leiter des Forstbetriebs Allersberg der Bayerischen Staatsforsten, sieht gleichfalls aktuell einen Preisanstieg für Rundholz um 10 bis 15 Euro je Festmeter. Die meisten großen Verträge der Staatsforsten laufen allerdings noch bis zur Jahresmitte - danach werde es sicher einen deutlichen Preisanstieg geben. Nach fünf mageren Jahren mit teils indiskutablen Preisen scheint im südlichen Mittelfranken wieder die "magische Marke" von 100 Euro für Fichte im Leitsortiment "BC 2b"erreichbar . In den Wintermonaten lag er hier bei rund 80 Euro. "Ich bin zuversichtlich", sagt der Forstbetriebsleiter. Dass sich über den US-Markt "in letzter Zeit ein Fenster geöffnet" habe, sieht er als "Lichtblick". Am Holzeinschlag des Allersberger Forstbetriebs wird sich dadurch allerdings zumindest in den nächsten Monaten nichts ändern: Der findet ganz überwiegend im Winter statt, das Pensum ist bereits erledigt. "Wir sind eigentlich ausverkauft. "

HK

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