Triathletin Kristin Liepold

"Eine richtige Genugtuung"

Nach Kind und Berufseinstieg: Die Köschingerin Kristin Liepold hat sich wieder für Hawaii qualifiziert

15.10.2021 | Stand 13.12.2021, 3:35 Uhr
Beim Ironman in Klagenfurt war der Sattel am Rad von Kristin Liepold zu hoch eingestellt - weshalb sie rund 90 Kilometer auf ihren Schuhen treten musste. −Foto: Imago Images

Kösching - Wenn Kristin Liepold am Sonntag in Port Alcudia auf Mallorca bei ihrem letzten Langdistanz-Triathlon des Jahres an den Start geht, dann tut sie dies vergleichsweise entspannt.

"Natürlich ist ein Platz auf dem Podium irgendwie immer im Hinterkopf, aber hauptsächlich geht es für mich darum, mit einem ordentlichen Wettkampf einen guten Saisonabschluss hinzulegen", sagt die Profiathletin. Die 37-jährige Köschingerin kann sich eine solch moderate Herangehensweise ohne Weiteres leisten, schließlich hat sie ihr wichtigstes persönliches Ziel des Jahres bereits erreicht: Liepold hat wieder die Qualifikation für die WM geschafft - und wird im Oktober 2022 zum inzwischen sechsten Mal beim Ironman auf Hawaii an den Start gehen.

Kurze Rückblende: Beim Gespräch im April dieses Jahres - mitten in der wettkampffreien und durch die Pandemie von vielen Unsicherheiten geprägten Zeit - hatte sich Liepold so ernsthaft wie noch nie Gedanken über die Zeit nach der Karriere gemacht. "Hawaii steht nicht ganz oben auf meiner Liste", hatte die gebürtige Geraerin seinerzeit im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt. In ihrem persönlichen Ranking standen eher die Familie mit Töchterchen Mira (3) und die inzwischen begonnene Lehrerausbildung auf den vorderen Positionen. Geradelt und gelaufen ist sie zwar weiterhin, blieb somit auch im Training, aber zum Beispiel zum Schwimmen fehlten durch die Mehrfachbelastung immer wieder die Zeit oder der Antrieb. "Das liegt an mir. Dafür bin ich vom Kopf her im Moment wohl nicht genug Profi-Triathletin", hieß es damals.

Doch das war nur eine Phase, wie mittlerweile klar ist. Den beruflichen Einstieg hat Liepold längst hinter sich gebracht, unterrichtet inzwischen zehn Sportstunden pro Woche Schüler von der fünften bis zur neunten Klasse an verschiedenen Schulen in Ingolstadt - und hat nun auch wieder den Freiraum und die Energie für ein geregeltes Triathlon-Training. Wenn auch mit einem anderen Zeitplan als früher.

"Montag bis Mittwoch bin ich jeweils vormittags in der Schule, da kann ich dann eben nur am Nachmittag trainieren. In der zweiten Wochenhälfte versuche ich dann zwei Einheiten pro Tag hinzubekommen", erzählt Liepold. Auf 15 bis 20 Trainingsstunden kommt sie so pro Woche. "Wenn alles klappt", wie sie mit einem Lächeln erklärt. Auch ihr Wettkampfprogramm hat Liepold komprimiert. Nicht zehn, wie früher, sondern vielleicht nur drei bis fünf Rennen plant sie nun pro Saison. Außerdem achtet sie darauf, dass ihr Töchterchen nicht zu kurz kommt. "Bei Mira wollte ich keine Abstriche machen", sagt sie deutlich.

Zu Beginn war diese Neuausrichtung gar nicht so einfach zu bewältigen, erzählt Liepold, die nun einem streng getakteten Zeitplan folgen muss. "Die größte Herausforderung ist, die notwendigen Erholungszeiten zu bekommen. " Alltagsbelastungen, wie zum Beispiel die Stehzeiten während ihres Unterrichts, spielen da plötzliche eine wichtige Rolle.

Der Wiedereinstieg in den Wettkampfmodus war dann auch gar nicht ohne. Knieprobleme und die Nachwirkungen der zweiten Corona-Impfung kamen hinzu und zwangen sie, die Mitteldistanz-Rennen auf Lanzarote und in Rapperswil abzusagen beziehungsweise vorzeitig abzubrechen. Doch schon mit dem ersten Langdistanz-Rennen im schweizerischen Thun folgte das Happy-End.

Zwei Jahren waren seit ihrem letzten Rennen über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,2 Kilometer Laufen vergangenen, Corona hatte Wettkämpfe schließlich lange Zeit nahezu unmöglich gemacht. "In Thun war das Ambiente dann sensationell. Das Streckenprofil und die Landschaft sind einmalig, dazu waren noch Zuschauer an der Strecke - das war schon unglaublich. Alle Athleten die ich gesprochen habe, meinten: ,Das ist genau das, was wir zwei Jahre lang vermisst haben'", erzählt Liepold, die sich von den Umständen zu einem beachtlichen dritten Platz anstacheln ließ. Nicht zuletzt ihre Gesamtzeit von 9:10,25 Stunden belegt, dass sie wieder auf Top-Niveau unterwegs ist. Den abschließenden Marathon lief sie in 2:59,58 Stunden.

Doch das Wichtigste: Mit dem Platz auf dem Podium sicherte sie sich erneut die Qualifikation für die Profi-WM auf Hawaii. "Das war die Bestätigung, dass ich immer noch zur erweiterten Weltspitze gehöre - das ist schon eine richtige Genugtuung", sagt Liepold.

Entsprechend locker nahm sie wenige Wochen später die kleinen Patzer beim Langdistanz-Rennen in Klagenfurt, wo ihr der zu hoch eingestellte Sattel im Grunde den Wettkampf ruinierte. "Das entsprechende Werkzeug war auf die Schnelle nicht herzubekommen, ich hatte schon nach 15 Kilometern richtig schwere Beine", erinnert sich Liepold mit einem Lachen. Den abschließenden Marathon (3:02,25) habe sie dennoch "irgendwie hinbekommen" und mit Platz sechs im Endklassement sei sie "gut bedient" gewesen. Dass eigentlich mehr drin gewesen wäre, spielt mit einem Hawaii-Ticket in der Tasche offensichtlich nicht mehr die große Rolle.

Das gute Gefühl, dass sie auch nach der privaten Neuausrichtung immer noch Wettkämpfe auf Profi-Niveau bestreiten kann, dürfte ihr auch beim anstehenden Saisonabschluss auf Mallorca helfen. Zum erlesenen Kreis der Hawaii-Starter zu gehören, ist für Triathleten nun mal mit Nichts zu vergleichen. Deshalb hält sich Liepold auch offen, ob sie nach dem Kona-Start 2022 vielleicht noch die eine oder andere Profi-Saison dranhängt. "Jetzt mache ich erstmal dieses Rennen, und dann schauen wir mal", sagt sie mit einem breiten Grinsen. Man kann erahnen, was sie im Hinterkopf hat.

DK

Norbert Roth

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