Mittwoch, 21. November 2018
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Wie Volkswagen-Digitalstratege Johann Jungwirth den Autokonzern umkrempeln will

"Neuerfindung des Automobils"

München
erstellt am 07.07.2016 um 19:29 Uhr
aktualisiert am 05.08.2016 um 04:33 Uhr | x gelesen
München (DK) Johann Jungwirth hat einen Traum: Er würde in Deutschland am liebsten Anzug und Dresscodes abschaffen. Volkswagens Digitalstratege arbeitete zuvor bei Apple und versucht nun, dem Wolfsburger Autokonzern den Geist des Silicon Valley einzuhauchen. Er trägt kein Sakko und keine Krawatte, als er gestern in München auf einem Kongress der Fachzeitschrift "Automobil Produktion" die Bühne betritt. "Ich bin Jay-Jay", sagt Jungwirth, denn seine Initialen (JJ) sind gleichzeitig sein Spitzname. "Und man muss mich nicht siezen." Das fällt selbst der Moderatorin nicht ganz leicht - und vermutlich dürften sich auch viele VW-Mitarbeiter, die die Ära Winterkorn miterlebt haben, damit schwertun.
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Ob nun lockere Kleidung und die kollektive Einführung des Duzens im Konzern die Transformation beschleunigt, sei mal dahingestellt. Volkswagens Chief Digital Officer (CDO) - so nennt sich Jungwirths Position im Fachjargon - hat jedenfalls die Zeichen der Zeit erkannt. "Die Digitalisierung hat uns mit voller Breitseite erwischt", sagt der Mann, der mit Vorliebe Apple-Gründer Steve Jobs zitiert. Und weil das so ist, sucht die Ingolstädter VW-Tochter Audi derzeit ebenfalls nach einem CDO. Jungwirth sieht im selbstfahrenden Auto eine Revolution, weshalb er es auch in einer Reihe mit der Erfindung der Dampfmaschine, der Eisenbahn und des Computers nennt. "Es ist das erste Mal seit 130 Jahren, dass wir von der Neuerfindung des Automobils sprechen können", sagt Jungwirth. Nicht mehr der Motor werde das "Herz des Autos" sein, sondern das SDS - das Self Driving Device. Also die Technik, die das Auto von ganz alleine fahren lässt. Bei VW werde man völlig neue Fahrzeugkonzepte entwickeln, ohne Lenkrad und Pedale, möglicherweise ohne Tür auf der Fahrerseite. Das Auto werde zur Wellnesslounge oder zum Fitnessraum. Und er betont den enormen Effekt auf die Sicherheit: "Das vollautonome Auto nimmt keine Drogen, regt sich nicht auf und schläft nicht ein."

Laut Jungwirth wird man in Zukunft durch das Teilen von Mobilität - also beispielsweise durch Robotaxis - nur noch einen Bruchteil der Anzahl an Fahrzeugen brauchen. Schließlich steigt man aus und das Fahrzeug wird eben nicht geparkt, sondern fährt weiter und holt den Nächsten ab. Im Publikum, das vor allem aus Gästen der Automobilzulieferer besteht, sieht man bei dieser Aussage so manches entsetzte Gesicht. Doch Jungwirth beruhigt: Weil die vorhandenen Autos praktisch permanent in Betrieb seien, müsste man sie auch dementsprechend häufiger austauschen. Etwa sieben- bis zehnmal schneller als es heute der Fall sei. "Die Produktionskapazität geht eher nach oben."

Die Beziehung zum Kunden soll in Zukunft deutlich persönlicher werden. Es dürfte wohl nicht mehr besonders lange dauern, bis VW-Käufer beziehungsweise Nutzer eine Art Kundenkonto bekommen - ähnlich der Apple-ID. So muss der Kunde bestimmte Einstellungen oder auch Musik und Filme nicht immer neu herunterladen, sondern hat diese in jedem Fahrzeug sofort wieder verfügbar.

In der Fragerunde will einer der Zuhörer wissen, wie Jungwirth den tödlichen Unfall des Tesla-Fahrers mit aktiviertem "Autopilot"-Modus einschätzt. "Ich bin mir sicher, dass uns das nicht zurückwirft", sagt Jungwirth. Und betont, dass sämtliche aktuell erhältlichen Fahrzeuge nur mit Assistenzsystemen ausgestattet seien. "Diese Fahrzeuge können nicht selber fahren", sagt der VW-CDO. "Wir tragen selber die Verantwortung."

Einer der Gäste will zum Schluss von Jungwirth wissen, wie er Menschen überzeugen wolle, die dem automatisierten Fahren kritisch gegenüberstünden. Denn gerade die Deutschen sind besonders skeptisch: Eine Untersuchung der Boston Consolting Group hat kürzlich ergeben, dass in China rund 80 Prozent dem automatisierten Fahren positiv gegenüberstehen - in Deutschland sind es gerade einmal 30 Prozent. Jungwirth versucht es, anhand eines Produkts seines Ex-Arbeitgebers zu erklären: dem iPhone. "Es hat einen Markt geschaffen, wo noch gar keiner war."

Von Sebastian Oppenheimer
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