Dienstag, 19. Juni 2018
Lade Login-Box.

Privatwohnung von Audi-Chef Rupert Stadler durchsucht

Privatwohnung von Audi-Chef Rupert Stadler durchsucht

München
erstellt am 11.06.2018 um 11:06 Uhr
aktualisiert am 15.06.2018 um 10:25 Uhr | x gelesen
München (DK/dpa) Die Staatsanwaltschaft München II hat ihre Ermittlungen im Zusammenhang mit der Diesel-Affäre ausgeweitet. Das teilte die Staatsanwaltschaft am Montag mit. Es werde nun auch gegen Audi-Chef Rupert Stadler und ein weiteres derzeitiges Vorstandsmitglied ermittelt. "Wir kooperieren", hieß es aus Audi-Kreisen.
Textgröße
Drucken
 


Die Diesel-Affäre hat nun endgültig die Chefetage der Audi AG in Ingolstadt erreicht. Im Fokus der Ermittlungsbehörden stehen neuerdings auch Vorstandsvorsitzender Rupert Stadler und Beschaffungsvorstand Bernd Martens. Die beiden Manager werden seit dem 30. Mai als Beschuldigte in dem Verfahren geführt, wie die Staatsanwaltschaft München II gestern mitteilte. Erfahren haben sie das erst gestern, als  Razzien in ihren Privaträumen stattfanden. Der Kreis der Tatverdächtigen im Abgas-Skandal erhöht sich damit auf 20.
Audi-Chef Rupert Stadler
Gegen Audi-Chef Rupert Stadler ermittelt nun die Staatsanwaltschaft.
Armin Weigel
München

Der Vorwurf gegen Stadler und seinen Vorstandskollegen lautet auf „Betrug und mittelbare Falschbeurkundung“, wobei es „um das Inverkehrbringen von mit manipulativer Abgassteuerungssoftware ausgestatteten Diesel-Kraftfahrzeugen auf dem europäischen Markt“ geht, heißt es in einer Erklärung der Behörde.  Im Fall Martens nannte sie den Namen des Beschuldigten  nicht und sprach nur von „einem weiteren Mitglied des derzeitigen Vorstands“. Nach unserer Zeitung vorliegenden Informationen aus Ermittlerkreisen handelt es sich um Bernd Martens, jenen Mann, der im Auftrag des Vorstands die „Diesel-Task-Force“ im Unternehmen leitet. 
 
Die Audi-Zentrale in Ingolstadt erhielt diesmal keinen unangemeldeten Besuch. Für drei private Objekte der beiden neuen Beschuldigten – zwei in Ingolstadt und eines in München – gab es jedoch Durchsuchungsbeschlüsse des Amtsgerichts München, tatsächlich durchsucht wurden aber nur zwei. Es handelt sich zum einen um Rupert Stadlers Villa im alten Ingolstädter Westviertel, wo er noch nicht allzu lange wohnt. Die Polizei erschien gegen 9.30 Uhr auch an seiner früheren Anschrift im Süden Ingolstadts, wo aber nur noch der Sohn des Audi-Chefs lebt – jedenfalls „niemand Relevantes in unserem Verfahren“, wie Stephan Necknig von der Staatsanwaltschaft München II gestern gegenüber unserer Zeitung sagte. Zur selben Zeit tauchten Polizisten und Staatsanwälte an Bernd Martens’ Meldeadresse an einer idyllischen Straße mitten in München  auf, um eventuelles Beweismaterial zu sichern. 
 
Die Durchsuchungen gingen dem Vernehmen nach zügig über die Bühne. „Von uns waren drei Kollegen im Einsatz, von der Polizei zwei oder drei Handvoll Leute“, sagte Stephan Necknig von der Staatsanwaltschaft. Es seien Datenträger und Unterlagen sichergestellt worden, die nun ausgewertet werden müssen. Mit einem schnellen Ende des Verfahrens sei nicht zu rechnen, der Gesamtkomplex werde sich wohl noch bis kommendes Jahr hinziehen. Im Fall eines inhaftierten Beschuldigten – es geht um den früheren Motorenentwickler Wolfgang Hatz – wolle man wegen der Umstände bis in spätestens fünf Monate einen Abschluss finden.
 
Aus dem Hause Audi war gestern nur die übliche Stellungnahme zu hören: „Wir kooperieren mit den Behörden.“ Aus vorstandsnahen Etagen gab es dann doch den einen oder anderen persönlichen Kommentar, meistens lief es auf eine Frage hinaus: „Was soll das bringen, nach so langer Zeit wieder und wieder Razzien durchzuführen? Wenn einer etwas zu verbergen hätte, wäre das doch längst beiseite geschafft“, fasste ein langjähriger Mitarbeiter die Stimmung zusammen.

Die Nerven liegen mittlerweile also doch blank, das Thema schwebt wie ein böser Geist über dem Ingolstädter Unternehmen. Rupert Stadler hatte bisher stets betont, mit den Abgasmanipulationen nichts zu tun und erst nach dem 15. September 2015 davon erfahren zu haben, als der Betrug in den USA aufflog. „Ich bin mit mir im Reinen und kann in den Spiegel sehen“, hatte er nicht nur einmal im Gespräch mit unserer Zeitung betont. Gleichwohl gab es seit Bekanntwerden der Diesel-Affäre immer wieder Vorwürfe, er sei womöglich doch früher eingeweiht gewesen, was die Betrugssoftware in Diesel-Fahrzeugen betrifft. Deren Programmierung hatte dafür gesorgt, dass Abgaswerte auf den Prüfständen eingehalten, im täglichen Straßenverkehr aber teils erheblich überschritten wurden. Die gestrige Durchsuchung legt nahe, dass die Ermittler die Rolle Stadlers inzwischen weit kritischer sehen, bisher war nur gegen Unbekannt  im Vorstand ermittelt worden, ob Versäumnisse bei der Aufsichtspflicht vorliegen.  Gibt es Belege, dass der Audi-Chef doch mehr wusste, als er nach außen zugibt?
 
Die Keimzelle der Machenschaften scheint jedenfalls bei Audi in Ingolstadt zu liegen, nicht bei Volkswagen. Welche Rolle spielte etwa ein früherer Motorenentwickler der Ingolstädter, der inzwischen nach Wolfsburg beordert wurde und jetzt dort die Aggregate-Entwicklung leitet? Seine Privaträume in Ingolstadt und sein Domizil in Wolfsburg waren bereits im Februar, wie von unserer Zeitung exklusiv berichtet, nach belastendem Material durchsucht worden. Razzien gab es damals auch bei den  Ex-Vorstandsmitgliedern Ulrich Hackenberg und Stefan Knirsch. 
 
Jetzt ist also auch Beschaffungsvorstand Bernd Martens in den Strudel der Affäre gezogen worden – ausgerechnet jener Mann, der bei Audi alle Teams aus verschiedenen Geschäftsbereichen koordinieren  sollte, die den Abgas-Skandal aufarbeiten. Wie weit die Ingolstädter Autobauer noch immer davon entfernt sind, zeigt nicht zuletzt die Nachricht von Anfang Mai, dass es selbst bei aktuellen A6- und A7-Modellen weiter Probleme mit unzulässigen Abschaltvorrichtungen bei Dieselmotoren gibt – fast drei Jahre nach Bekanntwerden der Affäre.
 

ERMITTLUNGSVERFAHREN

 
Ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren sagt noch nichts   darüber aus, ob  der Tatverdächtige sich tatsächlich schuldig gemacht hat. Es wird von der Staatsanwaltschaft eingeleitet, wenn sie Kenntnis von Tatsachen erhält, die den Verdacht begründen, dass eine Straftat begangen wurde. Die Behörde sammelt daraufhin Beweise und Belege, um den Anfangsverdacht zu erhärten oder zu entkräften. Am Ende aller Erhebungen steht die Entscheidung, ob Anklage erhoben oder das Verfahren eingestellt wird. In Betrugsfällen ziehen sich die Ermittlungen erfahrungsgemäß meist lange Zeit  hin.
 

 

Horst Richter
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!