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"Uns fehlen momentan noch die praktischen Erfahrungen"

Ingolstadt
erstellt am 14.03.2018 um 19:17 Uhr
aktualisiert am 29.03.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Rolf-Dieter Erbe von der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienst-Akademie spricht im Interview mit dem DONAUKURIER über die neuen Herausforderungen durch alternative Antriebe.
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Herr: "Uns fehlen momentan noch die praktischen Erfahrungen"
Rolf-Dieter Erbe. - Foto: privat
Ingolstadt

Herr Erbe, die neuen Antriebstechniken stellen die Feuerwehren vor neue Herausforderungen. Wie sehen die aus?

Rolf-Dieter Erbe: Wir haben veränderte Gefahren. Benzin ist ja auch eine Gefahr, aber die kennen wir - damit können wir umgehen. Jetzt haben wir Flüssiggas, Erdgas, Wasserstoff, wir haben Hybrid- und Elektrofahrzeuge. Diese neuen Energiequellen bergen neue Gefahren, und darauf müssen wir entsprechend reagieren.

 

Wie bereiten sich die Feuerwehren darauf vor?

Erbe: Es gibt in der Grundausbildung einen Hinweis auf diese Gefahren. Aber da sind viele Sachen nur rein theoretisch betrachtet, weil uns die praktischen Erfahrungen fehlen. Wir bauen auf die Zusammenarbeit mit der Automobilindustrie und der Unfallforschung über reale Einsatzerfahrungen.

 

Müssen sich die Insassen von solchen Fahrzeugen denn Sorgen machen, dass Feuerwehren und Rettungskräfte auf bestimmte Situationen nicht vorbereitet sind?

Erbe: Nein, wir sind grundsätzlich vorbereitet und fahren auch alternative Antriebe - privat und dienstlich.

 

Tatsächlich gibt es aber Probleme bei Unfällen.

Erbe: Es treten immer Probleme mit der Technik auf, wenn es Defekte gibt oder Technik nicht bestimmungsgemäß benutzt wird. Dazu gehören eben auch Unfälle. Aber man muss den Nutzen und den Schaden abwägen. Wir wollen erreichen, dass die Technik so sicher wie möglich ist - aber eine absolute Sicherheit wird es nie geben, niemals. Uns fehlen momentan die praktischen Erfahrungen, wenn es außerhalb der üblichen Crashtests ein Auto zerlegt.

 

Die Autobauer geben den Feuerwehren Rettungsdatenblätter zur Hand. Klappt es damit?

Erbe: Auf diesen Rettungsdatenblättern steht ganz komprimiert, was wir wissen müssen, welche Sicherheitseinrichtungen ein Fahrzeug hat, welche Probleme uns erwarten durch Versteifung und Verstärkung. Diese hochfesten Stähle, die verbaut sind, sind ja ein Problem, wenn man ein Auto aufschneiden muss. Dann die Antriebsart und wie man alles deaktivieren kann. Das sind wertvolle Hilfen, die uns innerhalb weniger Minuten die richtigen Informationen geben.

 

Wie sieht es denn aus, wenn eine Batterie bei einem Unfall Feuer fängt?

Erbe: Wir haben von anderen Feuerwehren gehört, dass man erheblich mehr Wasser braucht. Wir benötigen zwei- bis dreimal so viel Vorrat, weil man länger kühlen muss. Es gibt Einzelfälle, wo Batterien über Stunden brennen, und wir kommen nicht an sie heran, weil sie gekapselt sind. Da ist die Automobilindustrie gefordert, uns Zugänge zu schaffen, die sich bei Wärme öffnen, sodass wir in die Batterien Wasser geben können.

 

Kann es mit Hochvolt-Batterien bei Unfällen zu gefährlichen Stromschlägen kommen?

Erbe: Die Hersteller sagen, Elektrofahrzeuge seien eigensicher: Das heißt, sie schalten sich automatisch ab. Die Autos sind so konstruiert, dass ein, zwei oder sogar drei Fehler nicht dazu führen können, dass ein Mensch gefährdet ist. So ein Elektrofahrzeug ist ein eigener Stromkreis: Wenn man ein Kabel berührt, kann man überhaupt keinen elektrischen Schlag bekommen. Erst wenn zwei offene Kabel mit unterschiedlichem Potenzial berührt werden. Aber diese Kabel kann man auch gar nicht berühren, denn sie sind ummantelt. Wenn dieser Mantel beschädigt wird, gibt es nochmals eine Sicherung. Es ist nicht komplett ausgeschlossen, dass man einen elektrischen Schlag bekommt, aber wahnsinnig unwahrscheinlich.
 

 Trotzdem wird überlegt, Feuerwehren mit Elektroschutzhandschuhen auszurüsten.

Erbe: Das kam aus der Schweiz. Wir haben anfangs gesagt, dass wir die nicht brauchen. Aber wenn Fachleute und Automobilindustrie das empfehlen, werden wir es umsetzen.
 

 Aber Sie sagen, dass die Rettungskräfte verunsichert sind.

Erbe: Ein Beispiel: Es gibt Möglichkeiten, Elektrofahrzeuge zu deaktivieren. Aber das funktioniert nicht immer gleich - das ist nicht genormt. Die Prinzipien sind ähnlich, aber es gibt nicht bei allen Fahrzeugen eine Trennstelle für die Feuerwehr an der Motorhaube unten links, sondern irgendwo. Wenn das Unfallauto auf dem Dach liegt, nachts bei Regen im Schlamm, und man muss diese Stelle finden, ist das ein Problem. Der Feuerwehrmann lernt aus der Erfahrung - es ist momentan aber alles Theorie. Es verunsichert den Autofahrer und den Feuerwehrmann, wenn man nicht richtig aufgeklärt wird und die falschen Schlagzeilen in den Medien kommen. Es darf nicht sein, dass sich jemand aus Verunsicherung nicht mehr traut, an ein Unfallfahrzeug zu gehen, um Erste Hilfe zu leisten.

 

Das Gespräch führte Suzanne Schattenhofer.

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