Montag, 23. Juli 2018
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Rund 18.000 Mitarbeiter im Werk Ingolstadt betroffen

Probleme durch WLTP: Audi verlängert Werksferien auf den B-Linien um zwei Wochen

Ingolstadt
erstellt am 09.07.2018 um 15:25 Uhr
aktualisiert am 13.07.2018 um 11:35 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Beim Ingolstädter Autobauer Audi werden die Folgen der WLTP-Probleme nun konkret: Am Standort Ingolstadt werden die vierwöchigen Werksferien (30. Juli bis 24. August) auf den B-Linien - dort werden der A4 und der A5 produziert - um weitere zwei Wochen verlängert. Das hat das Unternehmen am Montag in einer Mitteilung im Intranet bekanntgegeben, die unserer Zeitung vorliegt.
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Die Umstellung auf den neuen Abgasttest-Zyklus WLTP (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure) bereitet derzeit nahezu der gesamten deutschen Autobranche Probleme. Das  ab 1. September verpflichtende Testverfahren soll Verbräuche und Emissionswerte von Neufahrzeugen realistischer bestimmen. Allerdings ist die Zertifizierung der Autos nach WLTP äußerst aufwendig: Sowohl die Hersteller als auch die Behörden kommen derzeit kaum hinterher. Entsprechende Prüfstandskapazitäten sind derzeit Mangelware.
 
Nachdem Volkswagen schon vor einigen Wochen bekanntgegeben hatte, dass wegen der WLTP-Probleme nach den Werksferien  die Bänder tageweise still stehen, gab nun die Konzernschwester Audi  gestern ebenfalls erste Maßnahmen bekannt: So werden  am Standort Ingolstadt  die vierwöchigen Werksferien (30. Juli bis 24. August) auf den B-Linien    – dort werden der A4 und der A5 produziert – um  weitere zwei Wochen verlängert. Die Mitarbeiter wurden in einer  Mitteilung im Audi-Intranet informiert.
 
Darin heißt es auch, dass vom 6. bis 31. August eine Schicht auf der A-Linie (A3 und Q2) entfallen wird. Nach Informationen unserer Zeitung sollen dabei wechselweise Spät- und Nachtschicht gestrichen werden. Zusätzlich komme es im September an den B-Linien „vereinzelt“ zu produktionsfreien Tagen, einzelne Schichten würden entfallen. Auch in den der Produktion vorgelagerten Bereichen – etwa Presswerk, Lackiererei, Karosseriebau und Modulfertigung – könne es zu „abweichenden Fahrweisen“ kommen. Insgesamt sind von den Maßnahmen rund 18 000 Mitarbeiter im Werk Ingolstadt betroffen.
 
Die zusätzlichen freien Tage sollen in „ausgewogenem Verhältnis“ über die Arbeitszeitkonten der Mitarbeiter sowie durch Zeitgutschriften des Unternehmens getragen werden. Das hätten Unternehmen und Betriebsrat vereinbart. „Die Folgen der WLTP-Umstellung dürfen nicht alleine auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen werden“, wird die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Werk Ingolstadt, Rita Beck, in der Mitteilung zitiert. Man habe sich nun mit dem Unternehmen auf eine Lösung „im Sinne der Beschäftigten“ verständigt.
 
Genauere Informationen dürften die Audianer dann vermutlich morgen auf der  Betriebsversammlung bekommen.
 

Kommentar von Sebastian Oppenheimer

Teurer Stillstand
Es gab schon bessere Zeiten für Audi: Der Diesel-Skandal hat das Image der Marke mit den vier Ringen deutlich angekratzt. Als dann auch noch vor drei Wochen im Zuge der Abgas-Affäre Unternehmenschef Rupert Stadler wegen Verdunkelungsgefahr in Untersuchungshaft genommen wurde, erreichte der Ingolstädter Autobauer in der öffentlichen Wahrnehmung einen neuen Tiefpunkt. Doch: Die Negativ-Nachrichten wollen nicht abreißen. Gestern verkündete  Audi  die Folgen der  Umstellung auf den WLTP-Abgastest-Zyklus für die Produktionsmannschaft in Ingolstadt: Unter anderem werden auf den B-Linien   die Werksferien um zwei Wochen verlängert, auf der A-Linie wird wochenlang eine Schicht gestrichen.
Das ist natürlich ärgerlich, speziell für alle Audianer, die ihren Urlaub für dieses Jahr schon genommen haben – sie machen mit der Zwangspause dann kräftig Minusstunden.
 
Besonders gefürchtet sind solche Stillstände in der Fertigung bei den Mitarbeitern der Nachtschicht. Die verdienen deutlich mehr als die Kollegen der Tagschicht – und haben nicht selten dementsprechend üppige Kredite etwa für ein Haus abzubezahlen. Gerüchten zufolge wurde deshalb auch hart zwischen Betriebsrat und Unternehmen um die Nachtschichten gerungen. Am Ende gab es offenbar einen Kompromiss: Spät- und Nachtschicht auf der A-Linie entfallen im Wechsel. Das ist zwar  gut für die Nachtschichtler – dürfte das Unternehmen aber am Ende  teuer zu stehen kommen. Denn: Die Hälfte der Zeit, in der die Bänder stillstehen, bezahlt quasi Audi. Sprich: Wer eine 35-Stunden-Woche hat, bekommt für jeden Ausfall-Tag 3,5 Stunden gutgeschrieben. 
 
Die schlechte Nachricht: Das WLTP-Problem dürfte den Autobauer noch länger beschäftigen. Derzeit sucht man nach großen Parkflächen für nach WLTP-Vorgaben gefertigte, aber noch nicht endgültig zertifizierte Fahrzeuge. Und dass man viele Audis gerade nicht bestellen kann und  wohl  auch die Lieferzeiten deutlich anwachsen werden, dürfte ebenfalls finanzielle Spuren hinterlassen.
 
Sebastian Oppenheimer
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