Dienstag, 20. November 2018
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Vorwürfe der Staatsanwaltschaft legen nahe, dass Rupert Stadler in der Diesel-Affäre nachlässig agierte

Kann sich der Audi-Chef halten?

Ingolstadt
erstellt am 12.06.2018 um 19:26 Uhr
aktualisiert am 29.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Mit Wundenlecken ist es sicher nicht getan. Die jüngsten Vorwürfe gegen Audi-Chef Rupert Stadler und seinen Vorstandskollegen Bernd Martens wegen Verdachts des Betrugs und der mittelbaren Falschbeurkundung werfen viele Fragen auf, vor allem eine: Wie geht es weiter mit Stadler, wie lange lässt er sich als Vorstandsvorsitzender in Ingolstadt noch halten?
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Was 2017 mit einer Durchsuchung im Ingolstädter Audi-Werk begann, fand nun mit einer Razzia bei Audi-Chef Rupert Stadler seinen vorläufigen Höhepunkt. Der Ausgang der Affäre ist offen.
Was 2017 mit einer Durchsuchung im Ingolstädter Audi-Werk begann, fand nun mit einer Razzia bei Audi-Chef Rupert Stadler seinen vorläufigen Höhepunkt. Der Ausgang der Affäre ist offen.
Foto: Richter/Archiv
Ingolstadt
Lange Zeit hatte es in der Diesel-Affäre geheißen: Was wusste der Audi-Chef über die Betrugssoftware in den Autos? Die illegale Technik arbeitet mit unzulässigen Abschaltvorrichtungen, um die Grenzwerte beim Schadstoffausstoß auf dem Prüfstand einzuhalten, während sie auf der Straße oft drastisch überschritten werden. Als der Skandal im September 2015 in den USA aufflog, beteuerte der Vorstandsvorsitzende stets, von nichts gewusst zu haben. Geschasste Audi-Mitarbeiter sagten hingegen, Stadler habe seit Jahren von diesen Manipulationen gewusst. Er bestreitet das.

Die Staatsanwaltschaft München II hatte bisher nur gegen Unbekannt innerhalb des Vorstandskreises ermittelt, konkret wegen des Verdachts der Aufsichtspflichtverletzung, ein eher lapidares Vergehen. Der aktuelle Vorstoß geht nun in ganz andere Richtung und kann Stadler wirklich gefährlich werden: Was hat der Audi-Chef seit 2015 getan, um zu verhindern, dass weiter Fahrzeuge mit manipulativer Abgas-Regelung auf den europäischen Markt kommen? Nicht genug, glauben die Strafverfolger.
So kam es jetzt zum Vorwurf des Betrugs und der mittelbaren Falschbeurkundung, letzterer ein recht sperriger Begriff aus dem Strafrecht. Der entsprechende Paragraf soll die inhaltliche Richtigkeit von öffentlichen Urkunden schützen. Strafbar macht sich, wer bewirkt, dass ein Amtsträger etwas Unwahres beurkundet oder speichert. Im Fall Audi respektive Rupert Stadler und Bernd Martens geht es um die Typgenehmigungen für neue Modelle.

"Da die Unternehmensspitze durch die Vorgänge in den USA von der illegalen Abgas-Technik wusste, hätte sie alles daran setzen müssen, dass solche Fahrzeuge auch in Europa nicht mehr verkauft werden", sagte eine mit den Ermittlungen befasste Quelle gegenüber unserer Zeitung. Das sei jedoch nicht oder nicht in ausreichendem Maße passiert. Die Staatsanwaltschaft hatte am Montagvormittag die Privaträume von Rupert Stadler und Bernd Martens in Ingolstadt und München durchsucht. Die Sortierung des sichergestellten Materials auf Beweismittel dauerte gestern weiter an.
 
Deutsche Autohersteller, darunter Audi, hatten ihre Typgenehmigungen zuletzt bevorzugt bei der Luxemburger Behörde "Société nationale de certification et d'homologation" beantragt, deren Genehmigungen dank EU auch für Deutschland gelten. Dort soll es wohl zu den von der Strafverfolgungsbehörde vermuteten Falschbeurkundungen gekommen sein.
 
Das Kraftfahrt-Bundesamt hat bisher einen Rückruf für 216.000 Audi-Diesel quer durch die Modellpalette angeordnet. Wie gestern berichtet, mussten die Ingolstädter Autohersteller zuletzt rund 60000 aktuelle Diesel-Autos zurückrufen, weil noch immer illegale Technik verbaut worden war. Rupert Stadler wird daher nicht nur dem Staatsanwalt Rede und Antwort stehen müssen - der Audi-Aufsichtsrat als Kontrollgremium wird ihm wohl ebenfalls die eine oder andere heikle Fragen stellen.
 
Horst Richter