Deutschland wird ärmer
Chefvolkswirt der Commerzbank: Ukraine-Krieg sorgt für sinkenden Wohlstand

28.04.2022 | Stand 23.09.2023, 1:45 Uhr |

Mit einem Fünf-Euro-Schein kommt man beim Einkaufen nicht mehr weit: Und die Inflation soll andauern, so der Chefvolkswirt der Commerzbank. Symbolbild: dpa

Der Ukraine-Krieg ist eine Zeitenwende. Nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich. Was auf Deutschland in der näheren Zukunft zukommt, darüber haben wir uns mit dem Chefvolkswirt der Commerzbank, Dr. Jörg Krämer, unterhalten.

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Ukraine-Krieg, 7,3 Prozent Inflation, eine mögliche Energieknappheit – macht Ihnen das Angst?

Ich bin besorgt, denn wir haben es mit ausgeprägten Risiken zu tun. Man sieht das beim Ifo-Geschäftsklima. Da sind die Geschäftserwartungen zuletzt förmlich eingebrochen, in der deutschen Industrie befinden sich auf Niveaus, bei denen wir früher Rezessionen beobachtet haben. Ja, ich bin besorgt.

Stehen wir am Anfang einer Zeitenwende – mit sinkendem Wohlstand und großer Unsicherheit?


Ich glaube schon. Es ist zu einer politischen Frontstellung gekommen zwischen dem Westen und dem Osten – damit meine ich Russland und China. Insbesondere die enge wirtschaftliche Verflechtung zwischen dem Westen und China passt nicht zu der zunehmenden politischen Frontstellung. Da zeichnet sich eine wirtschaftliche Entflechtung, eine De-Globalisierung ab. Das wird schwierig für die eng mit China verflochtene deutsche Wirtschaft. All das trägt Züge einer Zeitenwende.

Die EU setzt auf eine Lokalisierung von Produktionen – Medikamente und Halbleiter zum Beispiel. Ist das sinnvoll?


Das ist eigentlich keine Aufgabe der EU, man sollte das nicht von oben diktieren. Denn dann wird das schnell zur Abschottung, bei der wir alle verlieren. Dennoch müssen die Unternehmen reagieren und ihre Lieferketten überdenken. Schließlich haben die Unternehmen haben in der Corona-Pandemie schmerzlich erfahren, wie unzuverlässig die Lieferketten sind. Außerdem schottet sich China zunehmend ab. Deshalb geben rund ein Drittel der Unternehmen in Umfragen an, Produktion wieder zurückzuholen in die EU, nach Deutschland oder gar ins eigene Unternehmen.

Auch der chinesische Absatzmarkt könnte gefährdet sein. Ein Drittel der Autos deutsche Hersteller werden in China verkauft. Ist das gefährlich?


China verfolgt eine Autarkiepolitik. Daher ist es ein großes Risiko, dass die deutsche Wirtschaft und besonders die Autoindustrie sehr stark auf China ausgerichtet ist.

Lebensmittel, Energie, Autos – alles wird momentan massiv teurer. Ist irgendwann eine Entspannung in Sicht?


Natürlich werden Energiepreise nicht weiter mit einer Rate von 40 Prozent steigen. Deshalb wird die Inflation im weiteren Verlauf des Jahres etwas sinken. Aber ich sehe keinen durchgreifenden Rückgang der Inflation. Ich glaube, die Inflation ist gekommen, um viele Jahre zu bleiben – leider.

In welcher Höhe?

Sie wird im Durchschnitt der kommenden Jahre deutlich über den zwei Prozent liegen, die die EZB uns verspricht. Dafür gibt es mehrere Ursachen: Zum einen die EZB selbst. Sie schielt immer auf hoch verschuldete Länder wie Italien. Diese drängen auf niedrige Zinsen, um ihre Staatsschulden einfacher bedienen zu können. Deshalb geht die EZB äußerst zögerlich vor. Dazu kommt die De-Globalisierung. Mehr Produktion in Europa kostet Geld. Obendrein sinkt in Europa, Nordamerika und China der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter. Arbeit wird knapper, was für steigende Arbeitskosten und mehr Inflation spricht. Hinzu kommt die Klimapolitik. Die steigenden Preise für CO2 müssen die Unternehmen ebenso an ihre Kunden weitergeben wie die hohen Kosten für den klimagerechten Umbau ihrer Produktion.

Sehen Sie auch Krisenprofiteure, welche die Preise stärker anheben, als sie eigentlich müssten?


Wir haben das vielleicht phasenweise in der Autoindustrie gesehen, die wegen der hohen Nachfrage ihre Margen vorübergehend ausweiten konnte. Das war aber die Ausnahme. Denn die meisten Unternehmen stehen wie die privaten Haushalte unter Druck, weil sie mehr für importierte Rohstoffe und Vorprodukte bezahlen müssen.

Ökonomen warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale. Arbeitnehmer fürchten noch viel mehr eine Preisspirale ohne Lohnzuwächse, weil sie sonst verarmen. Verlieren Ökonomen die Interessen von Lohnempfängern aus dem Blick?


Viele Ökonomen neigen dazu, die Welt zu stark aus der Adlerperspektive zu betrachten. Wenn es solche Kaufkraftverluste für die Beschäftigten gibt, dann ist es doch die Aufgabe von Gewerkschaften, zumindest einen teilweisen Ausgleich auszuhandeln. Wichtig ist nur, dass sie nicht übertreiben und in einen Verteilungskampf gehen. Denn als Ganzes wird Deutschland durch die teureren Rohstoffe unvermeidlich ärmer. Das drückt sowohl die Gewinne der Unternehmen als auch für die Realeinkommen der Beschäftigten.

Gibt es demnächst wieder Sparzinsen?


Das müssen sie Frau Lagarde (Anmerkung: die EZB-Präsidentin) fragen. Wir erwarten, dass die EZB in der zweiten Jahreshälfte ihre Zinsen ein wenig anhebt. Aber wenn es zu einer Energiekrise käme, würde die EZB selbst marginale Zinsschritte sofort wieder absagen.

Wann hat die EZB den richtigen Zeitpunkt zum Handeln verschlafen?


Im Spätsommer des letzten Jahres war die kommende Inflation relativ klar zu sehen. Davor habe ich auch persönlich gewarnt. Spätestens dann hätte die EZB loslegen sollen.

Was bedeutet all das für den Sparer, den Anleger, den Schuldner? Welche Entwicklung erwarten Sie bei den Zinsen?


Wir haben im Euroraum ein ausgeprägtes Inflationsproblem. Das gilt auch für USA. Dort haben wir bereits Erhöhungen des Leitzinses gesehen, und weitere massive Schritte werden folgen. Das schlägt zum Teil durch auf Europa. Die Tendenz zu höheren Kapitalmarktzinsen dürfte in den kommenden Monaten anhalten.

Ist es zurzeit klug, Aktien zu kaufen oder noch eine Immobilie zu erwerben?


Bei Immobilien kann man keine generelle Aussage treffen, dazu sind die Märkte zu lokal. Allerdings erwarte ich für den Durchschnitt der Häuserpreise, dass der rasante Anstieg der Immobilienpreise ausläuft. Einen Einbruch der Immobilienpreise sehe ich aber nicht. Denn wir haben trotz hoher Bewertungen keine Blase wie damals in Spanien oder in den USA. Zu Aktien: Das Umfeld ist schwierig. Aktien leiden unter steigenden Zinsen und Konjunktursorgen. Aber trotzdem gehört die Aktie für langfristig denkende Anleger weiter dazu. Denn irgendwann werden Inflation und Zinsen wieder sinken. Spätestens dann kommt die Stunde des Sachwertes Aktie.

Das ist Jörg Krämer

Werdegang:
Jörg Krämer studierte Volkswirtschaftslehre in Bonn und Münster. 1992 trat er in die Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft ein. Ab 1996 war er für die Investmentbank Merrill Lynch, ab 1997 für das Investmentunternehmen Invesco tätig, wo er 2000 zum Chefvolkswirt ernannt wurde. 2005 wurde Krämer Chefvolkswirt der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank AG. 2006 wechselte Krämer als Chefvolkswirt zur Commerzbank AG.

Positionen:
In der wirtschaftspolitischen Debatte vertritt Krämer liberale, ordnungspolitische Positionen. (Quelle: Wikipedia)