Donnerstag, 18. Oktober 2018
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WLTP-Probleme bei Audi: Unternehmensleitung im heftigen Streit mit dem Betriebsrat

Krach um Schichtstreichungen

Ingolstadt
erstellt am 10.10.2018 um 17:58 Uhr
aktualisiert am 18.10.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Bei Audi brennt die Luft: Wegen der extremen Probleme bei der Umstellung auf den neuen WLTP-Abgastestzyklus will die Unternehmensleitung offenbar eine Schicht streichen - ohne Rücksprache mit dem Betriebsrat. Angeblich plant die Führung des Ingolstädter Autobauers, ihren Wunsch im Notfall mit juristischen Mitteln durchzusetzen. Die Arbeitnehmervertretung schäumt - und wählt deutliche Worte.
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?WLTP-Desaster?: Der Betriebsrat findet zur aktuellen Situation in der Produktion bei Audi deutliche Worte.
"WLTP-Desaster": Der Betriebsrat findet zur aktuellen Situation in der Produktion bei Audi deutliche Worte.
Audi
Ingolstadt
Das Problem ist seit Monaten bekannt: Wie alle anderen Hersteller muss auch Audi sämtliche Modelle nach dem neuen WLTP-Standard (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure) zertifizieren. Ein Prüfverfahren, das den Verbrauch und den Abgasausstoß von Fahrzeugen ermittelt.   Weil der Ingolstädter Autobauer aber damit meilenweit zurückliegt, können bestimmte Modellvarianten aktuell nicht produziert werden. Die Folge: Die Bänder sind nicht ausgelastet. Nun will die Unternehmensleitung wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit nach Informationen unserer Zeitung  ab November eine Wechselschicht an der A4/A5-Linie streichen.
 
Wie es in einer internen Betriebsrats-Mitteilung an die Mitarbeiter heißt (die unserer Zeitung vorliegt), sei mit den Arbeitnehmervertretern dabei keine Rücksprache gehalten worden. Weil die Unternehmensleitung anscheinend zugleich mit juristischen Mitteln gedroht hat, ist der Betriebsrat verärgert und wählt drastische Worte: Es seien Verträge gebrochen worden, die Leitung habe ihr Wort gegenüber der Belegschaft nicht gehalten. „Eine weitere Zusammenarbeit, auf Basis eines solchen Vorgehens, ist für den Betriebsrat nicht mehr vorstellbar.“
 
Wie weiter in der Mitteilung zu lesen ist, prüfe der Betriebsrat nun seinerseits die Rechtmäßigkeit des Vorgehens des Unternehmens. Außerdem trete man nun konsequent dafür ein, „dass Managementfehler, die zum WLTP-Desaster führten, nicht auf dem Rücken der Belegschaft ausgetragen werden“. Die Vorgehensweise sei ein „krasses kulturelles Fehlverhalten“, das Seinesgleichen suche.
 
Nach Informationen unserer Zeitung hatte es im Zuge der WLTP-Probleme bereits vor drei Monaten Drosselungen an den Bändern gegeben. Vertraglich war damals trotz der Schwierigkeiten zunächst vereinbart worden, am Drei-Schicht-System festzuhalten (Wechselschicht mit Dauernachtschicht), um Kurzarbeit zu vermeiden. Die getroffenen Regelungen gelten teilweise bis Ende 2019. In dem Papier steht allerdings auch, dass  – falls die Maßnahmen nicht ausreichend seien –  „Personal/-Werkleitung und Betriebsrat unverzüglich Verhandlungen über weitere Maßnahmen aufnehmen“. Ziel sei: „wirtschaftliche Belange einerseits und berechtigte Interessen der Mitarbeiter andererseits wieder in Einklang zu bringen“. Offenbar gab es aber bislang eben keine Verhandlungen, deshalb ist der Ärger beim Betriebsrat nun groß.
Auf  Anfrage unserer Zeitung    erklärt Audi-Betriebsratschef Peter Mosch: „Wir haben bestehende Verträge zur Produktionsfahrweise und daran gilt es sich zu halten.“ Wenn das Unternehmen aufgrund massiver Veränderungen der Rahmenbedingungen erneut Handlungsbedarf sehen sollte, müsse  die Unternehmensleitung auf die Arbeitnehmervertreter zukommen, sagt Mosch. „Anders geht es gar nicht.“ 
Das Unternehmen erklärt auf unsere Nachfrage zu dem Streit, es handele sich um ein „Missverständnis“.  „Irrtümlich wurde innerhalb  der Produktion eine Fahrweisenvariante als angeblich konkrete Änderung der Fahrweise kommuniziert, bevor Unternehmen und Betriebsrat sich auf ein Modell verständigt hatten“, heißt es in einer Mitteilung. Der Ingolstädter Werkleiter Albert Mayer wird mit folgendem Satz zitiert: „Leider ist es bei dieser Kommunikation zu einem Missverständnis gekommen, was zu Unsicherheiten in der Mannschaft führte.“ Um die dazu erforderlichen Maßnahmen umzusetzen, würden sich Unternehmen und  Betriebsrat regelmäßig austauschen – unter anderem auch zur Fahrweise im kommenden Jahr. Die aktuellen Diskussionen verliefen dabei „intensiv und konstruktiv“ und man spreche dabei verschiedene Szenarien durch. „Endgültige Entscheidungen wurden bisher aber noch keine getroffen“, betont Mayer.
 
Nach Informationen unserer Zeitung gibt es allerdings keine Verhandlungen zwischen Unternehmensleitung und Betriebsrat. Das erklärte Ziel sei, gemeinsame Vereinbarungen zum Wohle der Audi-Belegschaft zu treffen. Jene Erklärung des Unternehmens, die unserer Zeitung per Mail zugesandt wurde, landete zeitgleich auch  im Audi-Intranet „MyNet“.
 

Kommentar von Stefan König

Dicke Luft bei Audi
 

Audi kommt nicht zur Ruhe. Vor zwei Wochen auf der Betriebsversammlung hat der Betriebsrat seine Forderung nach einem Neustart untermauert, nun hängen schon wieder Gewitterwolken über dem Werk. Und wieder hat sie das Unternehmen selbst verursacht. Dass die Arbeitnehmer für Fehler des Managements büßen müssen, damit hat sich die Belegschaft wohl oder übel schon abgefunden. Dass nun aber auch im Schnellschuss weitere Einschnitte beschlossen wurden, ohne mit den Arbeitnehmervertretern zu sprechen, ist eine offene Provokation. Der Wegfall einer Schicht ist schließlich keine Lappalie.

Da hilft es auch nichts , wenn gestern von Seiten des Unternehmens schnell beschwichtigt worden ist. Aber selbst wenn es nur ein Missverständnis war, so bleibt die Frage, wer bei so einem sensiblen Thema ungehindert den Holzhammer ausgepackt hat. Personalleitung? Werkleitung? Produktionsleitung? Eigentlich ist die Antwort darauf zweitrangig, denn die Folge ist verheerend: Wieder hat das Unternehmen ein Stück Vertrauen verspielt, diesmal das seiner Mitarbeiter.

Dabei sind die Herausforderungen der Zukunft wie E-Mobiltät und Digitalisierung eh schon gewaltig, da sollte eigentlich die Zeit der internen Querelen vorbei sein. Das Unternehmen benötigt seine Energie an anderer Stelle. Die Folgen des WLTP-Desasters werden Audi nämlich noch eine Zeit lang belasten. Die letzten Absatzzahlen haben einen Vorgeschmack gegeben. Daher ist es um so wichtiger, flexible Fahrweisen bei der Fertigung zu planen. Dazu können auch unpopuläre Entscheidungen, wie der Wegfall einer Schicht, zählen. Dies muss indes im Dialog mit den Betroffenen beziehungsweise deren Vertretern geschehen. Dass die Audianer auch in schwierigen Zeiten zusammenhalten, haben sie doch immer wieder bewiesen.
 
Sebastian Oppenheimer
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