Samstag, 15. Dezember 2018
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Testfahrt mit dem Audi e-tron

Der sanfte Riese

Ingolstadt
erstellt am 05.12.2018 um 21:02 Uhr
aktualisiert am 12.12.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Für sein erstes Elektroauto hat sich Audi viel Zeit gelassen und viel versprochen. Nun gab es die Möglichkeit zu einer ersten Testfahrt mit dem e-tron. Das Gesamtkonzept des Autos kann überzeugen - im Detail zeigen sich aber auch ein paar Schwächen.
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Auffällig unauffällig: Audis erstes Elektroauto e-tron unterscheidet sich optisch nur marginal von den anderen SUVs aus Ingolstadt. Ein besonderes Merkmal sind etwa die Lichtlinien unterhalb der Scheinwerfer.
Auffällig unauffällig: Audis erstes Elektroauto e-tron unterscheidet sich optisch nur marginal von den anderen SUVs aus Ingolstadt. Ein besonderes Merkmal sind etwa die Lichtlinien unterhalb der Scheinwerfer.
Fotos: Audi
Ingolstadt
Auf dem Audi e-tron lastet ein enormer Druck: Das Auto soll die Marke revolutionieren wie einst der quattro-Antrieb. Lange haben sich die Ingolstädter für ihr erstes Elektroauto Zeit gelassen - dafür aber hoch und heilig versprochen, dass ihr E-Auto alles besser macht als die bisher erhältlichen Konkurrenz-Modelle. Die Ansprüche sind nicht zuletzt aufgrund des Preises hoch: 79900 Euro kostet der e-tron in der Basisversion - immerhin sind dann schon das große Navi-System sowie die Luftfederung mit adaptiven Dämpfern an Bord. Dennoch dürfte man mit weiteren Extras relativ schnell an der 100000-Euro-Marke kratzen. Auf einer ersten Ausfahrt hatten wir nun die Gelegenheit, die Versprechungen im Bezug auf Reichweite und Fahreigenschaften einem Realitätscheck zu unterziehen.

Wer im e-tron Platz nimmt, findet sich schnell zurecht - ganz besonders dann, wenn man vorher schon einmal einen Audi gefahren ist. Der Startknopf sitzt in der Mittelkonsole. Drückt man ihn bei betätigtem Bremspedal, dauert es einen kurzen Moment, dann erwachen die Displays zum Leben - begleitet von einem Sound, der der Intro-Melodie von Michael Jacksons "Earth Song" ähnelt. Dennoch wartet man ganz automatisch auf das Anspringen des Motors - doch der E-Antrieb schweigt selbstverständlich still.
Testfahrt mit dem Audi e-tron

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Vorwärts- und Rückwärtsgang wählt der Fahrer per Gangwahlhebel in der Mittelkonsole, wie man es im Prinzip von Automatik-Autos kennt. Allerdings sitzt der Hebel selbst fest - die Gänge wählt man mittels einer durch Daumen und Zeigefinger betätigten Schaltwippe am linken Rand des Hebels. Drückt der Fuß nun aufs Gaspedal, setzt sich der e-tron sehr sanft in Bewegung. Schon nach den ersten Kilometern zeigt sich: Das Auto ist extrem gut gedämmt, im Innenraum geht es sehr leise zu. Das "Surren" der E-Motoren ist zwar zu hören, hält sich aber selbst bei voller Beschleunigung dezent im Hintergrund. Auf den Geräuschkomfort haben die Sound-Techniker von Audi großen Wert gelegt. Einen Großteil der "Stille" verdankt das Fahrzeug seiner Aerodynamik - es erzeugt kaum Windgeräusche.

Versteckte Ladeluke: Geladen wird der e-tron an einer Buchse vor den vorderen Türen. Unter anderem sitzt der Monitor viel zu tief.
Versteckte Ladeluke: Geladen wird der e-tron an einer Buchse vor den vorderen Türen. Unter anderem sitzt der Monitor viel zu tief.
Fotos: Audi
Ingolstadt



Zur Vermeidung der Windgeräusche tragen unter anderem die neuen Kamera-Rückspiegel bei. Sie sind optional erhältlich und kosten 1540 Euro Aufpreis. Leider zeigte sich auf der Testfahrt, dass die Geräuschoptimierung und vielleicht noch eine "glattere" Optik des Fahrzeugs die einzig positiven Faktoren der neuen Technik sind. Die neuen Außenspiegel haben gleich mehrere Schwächen. Das von den Kameras aufgenommene Bild wird auf 7-Zoll-Oled-Displays in den Türverkleidungen angezeigt. Leider ist das einfach zu tief. Man schaut automatisch immer aus dem Fenster, wo nun aber statt der Rückspiegel die Kameras sitzen. Der Blick muss anschließend zu weit nach unten schweifen und lenkt vom Fahren ab.

Zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang wird mittels einer Schaltwippe an einem großen Ganghebel gewählt.
Zwischen Vorwärts- und Rückwärtsgang wird mittels einer Schaltwippe an einem großen Ganghebel gewählt.
Fotos: Audi
Ingolstadt


Doch nicht nur die Position, auch der Einbauwinkel der Monitore stört: Dieser ist zu flach und irritiert das Auge - schließlich ist ein "normaler" Rückspiegel fast im 90-Grad-Winkel angebracht. Dadurch fällt es einem sehr schwer, den Verkehr hinter einem richtig einzuschätzen. Dazu kommt: Auf den Bildschirmen lässt sich vor allem bei starker Sonneneinstrahlung nicht viel erkennen. Mit polarisierter Sonnenbrille ist es dann schon fast ganz aus. Sollte man die Kamera-Rückspiegel weiterverfolgen, muss dringend grundlegend nachgebessert werden. Ansonsten kann man Käufern nur raten, sich den Aufpreis zu sparen und auf die althergebrachten Spiegel zu setzen.

Sehr gut gefällt dagegen das neue Virtual Cockpit, das nun viel weniger stark eingebaut ist, ja fast schon frei steht und dennoch hervorragend ablesbar ist - auch bei starker Sonneneinstrahlung und mit Sonnenbrille. Auch die restliche Innenraum-Qualität ist - sowohl was Material als auch Verarbeitung angeht - auf Topniveau.

Rein elektrisch: Der Audi e-tron

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Wie bei vielen Automatikfahrzeugen befinden sich im e-tron Schaltwippen hinter dem Lenkrad - doch anstatt durch die Gänge schaltet man sich im e-tron durch drei verschiedene Rekuperationsstufen. Der Fahrer kann auswählen, wie stark das Auto Energie zurückgewinnt. Bemerkbar macht sich das, sobald man den Fuß vom Gas nimmt. Ist die höchste Stufe eingestellt, verzögert der e-tron ohne Druck aufs Bremspedal von alleine - und füllt so seine Akkus schneller wieder auf. Doch selbst in der höchsten Stufe fällt die Verzögerung weit weniger drastisch aus, als etwa bei Jaguars E-SUV i-Pace - der lässt sich die meiste Zeit fast komplett ohne Bremspedal fahren. Ist die niedrigste Stufe eingestellt, fährt sich der e-tron im Prinzip wie ein herkömmliches Auto, gewinnt dabei aber eben auch nur wenig Energie zurück.

Glaubt man den Audi-Ingenieuren, dann ist die Rekuperation im e-tron alles andere als eine Spielerei: Die Technik trägt angeblich bis zu 30 Prozent zur Reichweite des Fahrzeugs bei. Tatsächlich zeigte sich bei der Fahrt auf einen Berg, dass bei der Abfahrt mehr als die Hälfte der für die Auffahrt verbrauchten Kilometer wieder auf der Reichweitenanzeige landeten.

Die Reichweite für den mit einer 95-kWh-Batterie ausgestatteten e-tron gibt Audi mit rund 400 Kilometern nach dem neuen WLTP-Zyklus an. Nach einer mehrstündigen Testfahrt (mit Ladepause zwischendurch) kristallisierte sich aber eher eine realistische Reichweite zwischen 300 und 350 Kilometern heraus. Der Stromverbrauch lag bei rund 30 kW auf 100 Kilometern - bei moderater Fahrt und sommerlichen Temperaturen. Hier macht sich das Leergewicht von rund 2,5 Tonnen dann doch bemerkbar. Die Reichweite ist sicherlich akzeptabel - doch denkt man nur wenige Jahre zurück, hatte der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler für das Auto eine realistische Reichweite von 500 Kilometern versprochen. Davon ist man nun offenbar doch ziemlich weit entfernt. Spannend wird auch, wie sich das Auto im Winter bei Minusgraden schlägt.

Die Kamera-Außenspiegel preist Audi als große technische Neuerung an ? in der Praxis konnten wir der neuen Technik leider nichts Positives abgewinnen.
Die Kamera-Außenspiegel preist Audi als große technische Neuerung an - in der Praxis konnten wir der neuen Technik leider nichts Positives abgewinnen.
Fotos: Audi
Ingolstadt

Interessant ist, wie "leichtfüßig" sich der e-tron fährt - sein stattliches Gewicht merkt man ihm kaum an. Insgesamt ist der e-tron in erster Linie ein entspannter Cruiser. Beim Anfahren gibt sich der Ingolstädter deutlich sanfter als viele andere E-Autos, dennoch gelingt der Sprint auf 100 km/h in unter sechs Sekunden. Die Höchstgeschwindigkeit haben die Ingenieure auf 200 km/h limitiert, sonst würden die Akkus zu schnell leergesaugt - aber der e-tron animiert auch nicht wirklich zum Rasen.

Obwohl sich der Durchschnittskäufer des e-tron wohl kaum abseits befestigter Straßen bewegen wird, gab es bei der Testfahrt die Gelegenheit, das Auto durch einen Offroad-Parcours zu steuern. Auch hier schlug sich der e-tron angesichts seines Gewichts erstaunlich gut.

Eigentlich hätte der e-tron noch in diesem Jahr auf den Markt kommen sollen - das hat dann am Ende leider doch nicht ganz geklappt. Der Vorverkauf für das Fahrzeug soll nun im Januar 2019 starten. Wann genau die ersten Autos bei den Händlern stehen - darauf will man sich bei Audi nicht genau festlegen. Man spricht vom 1. Quartal nächsten Jahres - das wäre dann spätestens im März.

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Sebastian Oppenheimer
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