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Mein Leben mit Amerika

erstellt am 11.09.2011 um 11:06 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 12:26 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Der 11. September berührt nicht nur die große Politik. Eric Metzler, stellvertretender Chefredakteur des DONAUKURIER, macht sich Gedanken, warum er aus seinem eigenen Verhältnis zu den USA einfach nicht schlau wird.
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Die Amerikaner sind die Guten. Prinzipiell und für die Ewigkeit. Das war so ziemlich das erste Naturgesetz, das mir vermittelt wurde. Wann immer mein Großvater mit einer Tafel Schokolade zu uns nach Hause kam, setzte er sein unwiderstehliches Lächeln auf und sagte: „Nimm. Haben die Yankees für Dich abgeworfen“. Die Erzählungen von der Luftbrücke; die netten Soldaten, die nach dem Krieg bei Opa unterm Dach wohnten: So und nur so habe ich Amerika als kleiner Junge kennen und mögen gelernt.
 

Der Tag, der die Welt veränderte - DK-Leser erinnern sich

 
In den Jahren darauf war mir Amerika lange egal – abgesehen von den Western, den ersten Kinoerlebnissen mit John Travolta und den Nächten, die ich mit Muhammed Ali durchgemacht habe. Erst vor dem Abitur wurden die Amerikaner für mich zum handfesten Thema – genauer gesagt die Mittelstreckenraketen, die im Nachbardorf aufgestellt wurden, um den Russen die Stirn zu bieten. Ich demonstrierte gegen die Nachrüstung, ging gegen die Amerikaner auf die Straße – und somit gegen meinen Bruder, dessen Job von den Aufträgen der stationierten Westmacht abhing. Wir haben uns stundenlang verheddert zwischen Friedensbewegung und Existenzgrundlage, zwischen amerikanischer Bedrohung und amerikanischen Wohltaten. Was für ein Zwiespalt.
 
DK 9/11
Das Titelbild der Wochenendausgabe des DONAUKURIER.
DK
Vielleicht war unser Familienkrieg der Nährboden für die antiamerikanischen Erreger, die mich während des Zivildienstes befielen: Der Umgang mit den Schwarzen und Schwachen, der Einmarsch in Vietnam; an all dem hatten sich die 68er längst vor meiner Politisierung abgearbeitet. Aber für unsere rauchseligen Runden blieb immerhin ein dankbares Feld für linke Parolen und wohlfeile Posen. Es war so wunderbar wild und ungefährlich, den Imperialisten alles Übel dieser Welt anzudichten und selbst in die Rolle des Guten zu schlüpfen – die Rolle, die Opa zufolge eigentlich denen gehörte, die wir verdammten.
 
Mit Mitte 20 flog ich das erste Mal in die Vereinigten Staaten und kam geläutert zurück. Was immer ich auf dem Hinflug an Vorbehalten mitnahm, bis zur Rückkehr war alles wie weggeblasen. Bis heute weiß ich nicht, ob es die vollen Städte waren oder die unendlichen Weiten, die mich umgedreht haben. Ich kann nichts dafür. Wie Millionen Urlauber zuvor bin ich einfach nur mit dem Leihwagen umher gereist – und wie Millionen Andere bildete ich mir in meinem Dodge ein, eine Vorstellung davon mit nach Hause zu nehmen, wie frei und unangreifbar sich jeder fühlen muss, der in einem so fantastischen Land leben darf. In dieser Stimmung habe ich mich mit Amerika über viele Jahre und Reisen hinweg eingerichtet. Okay, irgendwann nervt diese oberflächliche Freundlichkeit. Ja, immer und überall Fast Food muss nicht mehr sein. Und nein, Reagan, Bush und ich werden nie Freunde. Aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mehr als einmal überlegt, bei der jährlichen Verlosung eine Green Card zu gewinnen und drüben auf Bill Gates oder Steve Jobs zu machen.
 
 
 
Als die Türme fielen, lebte ich schon eine Weile in Berlin; einer Stadt, die einem die Amerikaner näher bringt als jede andere in unserem Land. Die Menschen, die ihre Nachkriegsgeschichte unter dem Brennglas erlebt haben, sind Jahrzehnte danach immer noch dankbar, komme, was wolle. Der Wiederaufbau, das Überwinden der Blockade, generell das Vom-Leibe-Halten des „Iwan“ – hier auf der Insel galt der wichtigste Alliierte weniger als Besatzer, umsomehr als Beschützer. Das erklärt, warum dieser 11. September in Berlin die Bürger und die Politiker noch mehr erschüttert hat als anderswo. Es hatte den besten Freund getroffen. Und die Menschen, die man jeden Tag auf dem diplomatischen Parkett, in der American Academy oder der Kulturszene trifft.
 
Kurz nach den Anschlägen führte ich ein Interwiew mit John Kornblum, dem früheren US-Botschafter. „Nichts wird mehr sein wie bisher“, sagte er, und damals konnte er sicher selbst noch nicht wissen, was er meinte. Heute sind wir klüger – und unglücklicher. So sehr ich den Schmerz der Amerikaner nachfühlen kann, so schwer fällt es mir, das neue Amerika zu nehmen, wie es ist. Es fühlt sich kalt an, arrogant zuweilen und unbelehrbar – tut mir leid, wenn mein Verständnis von Humanität weder bei Guantanamo noch den Besatzungskriegen in Irak und Afghanistan mitkommt. Aber von der großen Politik einmal abgesehen: Früher fühlte ich mich in den USA willkommen; heute muss ich für ein Visum, für den Zutritt zum Flieger und für die Befragung am Schalter des Immigration Service auftreten wie ein Duckmäuser. Die USA weiß alles über mich; wo ich herkomme, was ich mitnehme, wen ich besuche, worüber ich schreibe. Und schlimmer noch: Die USA haben es geschafft, die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit auch in unserem Land auszuhebeln.
 
Es fällt schwer, auseinanderzuhalten, was die Verbündeten aus eigenem Antrieb oder aus mangelnder Souveränität heraus tun, um das Unmögliche möglich zu machen: Dem Terror mit Gesetzen beizukommen.
 
DK
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