Es ging damals um Semmeln, genannt Schrippen in Berlin. Thierse regte sich über das Angebot in vielen Bäckereien auf, in denen nicht mehr Schrippen, sondern nur noch Weckle oder Wecken bestellt werden können. "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche", sagte er. Das gilt seit dieser Woche erst recht für Boris Palmer.

Der 46-jährige Grünen-Politiker ist seit 2007 Mini-Oberbürgermeister der kleinen 88579 Einwohner zählenden Stadt Tübingen im Schwäbischen. Boris Erasmus Palmer klagte über Berlin: "Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands." Dass er sich selbst siezt, zeugt von einer Persönlichkeit, die schon des Öfteren auffällig geworden ist.

Erst kürzlich wollte Palmer in Tübingen als oberster Chef des kommunalen Ordnungsdienstes nach einem Streit mit einem Studenten dessen Personalien feststellen. Nun hat er eine Anzeige wegen Nötigung. Und seit seiner Klage über Berlin spotten Parteikollegen über ihn. Er solle woanders die Kehrwoche zelebrieren und sich als Hilfssheriff blamieren, grollte Palmers Parteifreundin, die Berliner Wirtschaftssenatorin Ramona Pop. Und Jürgen Trittin sprach vom "schwäbischen Wutbürgermeister". Am 26. Mai sind im Ländle Kommunalwahlen. Ob Palmer wohl denkt, dass das Draufhauen auf Berlin Stimmen bringt? Getroffene Hunde bellen.

Wer nach Berlin kommt, wird auch den Platz besuchen, der Weltgeschichte geschrieben hat: Am Checkpoint Charlie standen sich einst russische und amerikanische Panzer gegenüber. Hier flüchteten Menschen über die Grenze, hier verbluteten Menschen - auf der Flucht erschossen. Es ist ein symbolträchtiger Ort für den Kampf der beiden Systeme Diktatur und Demokratie. Aus der Kreuzung an der Friedrichstraße wurde ein Rummelplatz mit Touristen, Historienschauspielern und viel Krimskrams. Im Jahr 1992 wurde das ehemals landeseigene Areal für 38,2 Millionen Euro verkauft und wechselte seitdem mehrfach den Besitzer.

Derzeit hält die Firma Trockland Kaufoptionen für die Grundstücke. Die Finanzverwaltung schloss mit diesem Investor eine geheim gehaltene Absichtserklärung. Vorgesehen waren ein "Hard Rock"-Hotel sowie ein Museum, das zu Dritteln im Keller liegt und von Berlin gemietet werden sollte.

Diese Firma aber hat direkte Linien zu einem Despoten aus Turkmenistan. Saparmurat Nijasow, genannt "Turkmenbaschi", Vater aller Turkmenen, herrschte bis zu seinem Tod despotisch über den Wüstenstaat. Verwandte des Turkmenbaschi halten auch Anteile an Trockland: Witwe, Tochter, Schwiegersohn und Enkel.

Als diese Recherchen kürzlich veröffentlicht wurden, war das Geschrei in der Berliner Politik natürlich groß. Blöd nur, dass der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) sich kürzlich noch für den Investor aussprach. Plötzlich hieß es aus der Senatskanzlei, man sei eigentlich gar nicht glücklich mit diesem Investor. Und so hatte Rot-Rot-Grün eine Idee: Man einigte sich auf die Umgestaltung des Checkpoint Charlie.

Das geplante Museum zur Geschichte der deutschen Teilung soll ein eigenständiger Bau werden und zwar genau dort, wo der Investor das "Hard Rock"-Hotel hätte bauen wollen. Und gegenüber soll ein verkehrsberuhigter Stadtplatz entstehen. Die wirtschaftlich nutzbare Fläche würde sich für den Investor um 6000 Quadratmeter verringern. Ob Trockland-Chef Heskel Nathaniel unter diesen Umständen an dem Projekt festhalten will, ist noch offen.

Trockland würde es wohl verschmerzen können. Die Gruppe ist gut im Geschäft. Sie soll wohl die Steuerung des Bauprojekts "Upside Berlin" mit den Wohntürmen "Max" (86 Meter) und "Moritz" (95 Meter) übernehmen. Projektentwickler ist übrigens der türkische Investor Fikret Tayfun Demirören, der die Freundschaft des großen Demokraten Recep Tayyip Erdogan genießt.