Berlin hat einige zu Gedenkstätten erhobene Mauerreste erhalten. Ein unter Denkmalschutz stehendes Stück Hinterlandmauer, knapp 100 Meter entlang des Schiffbauerdamms, wurde vom Künstler Ben Wagin zum Kunst- und Erinnerungsort "Parlament der Bäume" verwandelt. Alles in Sichtweite der Politiker, die den 88-Jährigen gut kennen. Er duzt ausnahmslos jeden, der mit ihm spricht. Wagin kennt man auch in Bayern. Er ist als "Baumpate" bekannt geworden und hat von Moskau bis Vilshofen 50000 Ginkgobäume gepflanzt.

Der älteste Ginkgo (Ginkgo biloba) in Berlin wurde zwischen 1880 und 1890 gepflanzt. Er befindet sich im Gutspark Britz. Und auch die anderen 433000 Straßenbäume werden theoretisch nach dem Gerichtsurteil zum Diesel-Fahrverbot nicht mehr so viele gefährliche Stickoxide aufnehmen müssen. Ab Mitte 2019 wird es für elf Streckenabschnitte auf acht Straßen in Berlin Fahrverbote für ältere Diesel-Pkw und Lkw geben. Jetzt ist der rot-rot-grüne Senat gefragt: Bis Ende März muss der Senat den Luftreinhalteplan aktualisieren. Erst danach können die Verbotsschilder aufgestellt werden. Das Chaos ist vorprogrammiert. Etwa 200000 Diesel-Fahrzeuge müssen diese acht Hauptstraßen umfahren und in kleinere Nebenstraßen ausweichen. Dort werden sie dann im Stau stehen und noch mehr Abgase ausstoßen.

Und wer soll das kontrollieren? Die Berliner Polizei sagt, sie habe dafür keine Kapazitäten und bräuchte 3000 Beamte zusätzlich. Diese Forderung ist in der mit 58 Milliarden Euro verschuldeten Stadt ein Wunschtraum. Auch die Frage, nach welchen Kriterien die Beamten Autos kontrollieren sollen, ist völlig unklar. Man kann ja nicht jedem Fahrzeug ansehen, ob es ein Diesel ist und noch dazu ein sauberer. Zum Ärger der von Fahrverboten betroffenen Kommunen verweigert die Bundesregierung die blaue Plakette für Autos, die die Abgas-Norm einhalten.
Berlin wird sich wohl an Hamburg orientieren. In der Hansestadt sind zwei Streckenabschnitte für Diesel-Autos bis Abgas-Norm Euro 6 gesperrt. Polizisten auf Motorrädern und in Streifenwagen geleiteten bei einer ersten Kontrolle drei Wochen nach Inkrafttreten des Diesel-Fahrverbots Ende Mai Fahrzeuge an Kontrollpunkte und erwischte 173 "Sünder". Autofahrer zahlen bei einem Verstoß 20 Euro, Lkw-Fahrer 75 Euro.

Allein in Berlin wären laut Industrie- und Handelskammer rund 88000 Betriebe von Fahrverboten betroffen. Die IHK hat in einer Umfrage ermittelt, dass 40 Prozent der Unternehmen eine Einschränkung der Geschäftstätigkeit und 12 Prozent sogar eine Geschäftsaufgabe befürchten. Das darf die Politik nicht ignorieren. Und deshalb muss es Ausnahmen für gewerblich genutzte Fahrzeuge geben. Doch ein Regelwerk gibt es noch nicht. Und es ist nicht damit zu rechnen, dass der Senat einen Ausnahmekatalog so rechtzeitig vorlegt, dass die Unternehmen bis zu einem Stichtag ihre Ausnahmegenehmigungen erhalten. Das gilt auch den veralteten Fuhrpark der Polizei. Damit wären die Sicherheitsbehörden nur noch bedingt einsatzbereit. Niemand in Berlin würde es wundern, wenn dann zu Einsätzen gegen die organisierte Kriminalität oder kriminelle arabische Clans die 20 Beamten der Fahrradstaffel hetzen müssten.

Man kann verstehen, warum die Berliner keine Frohnaturen sind. Im diesjährigen Glücksatlas der Deutschen Post landet die Hauptstadt unter 19 untersuchten Regionen nur auf Platz 16. Die glücklichsten Deutschen sind die Schleswig-Holsteiner, die unglücklichsten die Brandenburger. Warum die Franken auf Platz vier aber glücklicher als der Rest von Bayern auf Platz acht sind, dürfen nach der Wahl Söder und Seehofer ausdiskutieren.