Der Regisseur schweigt zum Projekt ebenso wie seine geheimnisvollen Mitstreiter einer Stiftung, deren Gründer der russische Unternehmer Sergey Adoniev ist. Er handelte zuerst mit Zucker, dann mit Mobilfunk-Netzen und wurde damit reich. Auch die Berliner Festspiele als Veranstalter haben sich bisher nur kryptisch geäußert. So viel weiß man inzwischen: 800 Mauerstücke, jedes Segment mit einem Gewicht von 2,75 Tonnen, sollen auf Straßen und Fußwegen verlegt werden. Die genaue Strecke ist noch nicht bekannt. Der „Dau“-Besucher kann ein Visum für ein Zeitfenster kaufen: zwei Stunden für 15 Euro, ein Tagesvisum 25, ein Drei-Tage-Visum 45 Euro. Die Anwohner in dem ummauerten Areal erhalten die Ehrenstaatsbürgerschaft und dürfen kostenlos rein- und rausgehen.
Die Veranstalter wollen das „Dau“-Areal rund um das Kronprinzenpalais am 12. Oktober eröffnen. Dort sollen Aktionen stattfinden und Filme des russischen Regisseurs gezeigt werden. Das Projekt soll bis zum 9. November laufen. Ein denkwürdiges Datum, denn es ist nicht nur der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, sondern auch der Jahrestag des Mauerfalls von 1989.
In Berlin gibt es permanent Großveranstaltungen wie den Marathon an diesem Wochenende. Am Sonntag ist die ganze Stadt durch die Sperrungen völlig lahmgelegt. Und die wichtige Ost-West-Achse, die Straße des 17. Juni, ist als Veranstaltungsmeile fast jeden Monat temporär für den Verkehr gesperrt. Der Berliner nimmt es stoisch hin, dass er sich häufig in seiner Stadt nicht bewegen kann. Aber gegen die Mauer formiert sich Protest.
Kulturell engagierte Bürger, darunter die Förderin des Holocaust-Mahnmals Lea Rosh, wandten sich in einem offenen Brief an die Politik.  „Als die Mauer gebaut wurde, standen wir daneben: entsetzt, hilflos. Als die Menschen in der Bernauer Straße aus ihren Häusern auf die ausgebreiteten Tücher sprangen, standen wir daneben: entsetzt, hilflos. Als die ersten Toten an der Grenze beweint wurden, weinten wir mit den Müttern und Vätern. Das Elend blieb. Das Entsetzen blieb. Die Tränen auch. Wir wollen keine Mauer mehr sehen. Drei Jahrzehnte hat sie das Leben in Berlin bestimmt, im Osten wie im Westen. Sie war bitterer Ernst. Wer von ihr umgeben war, war gefangen, er kam nicht heraus. Sie war kein Eventspielzeug.“ Menschen einer Stadt, die in wenigen Jahrzehnten zwei Diktaturen erlebt hatten, bräuchten keine Belehrung darüber, was eine Diktatur bedeutet. Und die russischen Initiatoren von „Dau“ sollten sich lieber bei Putin für inhaftierte Regimegegner einsetzen. „Dann können sie wahrscheinlich die Knasterfahrung am eigenem Leib erleben“, schreiben die Unterzeichner eindrücklich. 
Und wie reagiert die Politik? Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD), Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) wollten nach erster Zustimmung nicht mehr zurückrudern. Zu Beginn sprach Grütters sogar von einem „Weltereignis“, später relativierte sie, dass das Projekt natürlich auch eine Zumutung sein könne „für den einen oder anderen“.  Müller bezeichnete die Idee „gewöhnungsbedürftig, aber grundsätzlich spannend und interessant“. Selbst der linke Kultursenator begrüßte das Mauerprojekt.
Bei diesem Projekt geht es aber nicht um die Freiheit der Kunst, sondern um Politik. Berlin darf nicht über Wochen Flächen zur Verfügung stellen, damit ein Spektakel unter dem Titel „Freiheit“ aufgeführt wird. Der Bezirk Mitte und die Senatsverkehrsverwaltung müssen bis zum 28. September über die Sondernutzungserlaubnis für die betroffenen Straßen entscheiden. Die Verantwortung für das Projekt trägt jetzt die Verwaltung. Und die Politik hat sich aus ihrer Verantwortung gestohlen.