Dass dieser Schlag  überhaupt möglich war, verdankt die Polizei der im Juli 2017 in Kraft getretenen Reform des „Gesetzes zur Vermögensabschöpfung“. Wie bei den sehr effektiven Anti-Mafia-Gesetzen in Italien ist dabei die Umkehr der Beweislast essenziell: Verdächtige müssen belegen, dass sie ihr Vermögen legal erwirtschaftet haben – der Staat muss nicht mehr das Gegenteil beweisen. Politiker, Staatsanwälte und Ermittler in Berlin hoffen inständig, dass die Beschlagnahmung starke Wirkung in der arabischen Community hat. Allein zehn bis 15 Großfamilien sind im Berliner Bezirk Neukölln einschlägig bekannt. 
Familienministerin Franziska Giffey (SPD) hat in ihrer Zeit als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin schon vor Jahren bundesweit auf die Gefahr der Großfamilien aufmerksam gemacht. „Durch die Machenschaften dieser kriminellen Großfamilien wird  die Entwicklung einer Stadt, die Entwicklung eines Bezirks erheblich gestört und dem muss Einhalt geboten werden“, sagte sie. Seit Jahren drangsalieren Mitglieder von 20 arabischen Familienclans die Hauptstadt. Diese Namen kennt fast jeder Berliner: Al-Zein, Miri, Omeirat, Abou Chaker, Remmo.  Sie haben Straßen aufgeteilt, bedrohen Nachbarn, machen Geld mit Drogen, Schutzgelderpressung, Menschenhandel, Betrug und haben im Knast das Sagen. 
 
Diesen Familien  gehören jeweils bis zu 500 Mitglieder an. Natürlich ist nicht jeder von ihnen kriminell.  Die Clans haben hoch dotierte Anwälte, die ihre Mandanten gern als „Originale“ bezeichnen. Doch kaum einer dieser  Juristen bestreitet, dass die Clans Deutschland als „Beutegesellschaft“ sehen.
 
Das hat auch mit den Familienbiographien zu tun. Die meisten Familien lebten in Südostanatolien nahe Syrien. Dort wurden sie im frühen 20. Jahrhundert vertrieben. Viele landeten in Beirut im Libanon, wo sie oft nur geduldet waren und keine Arbeitserlaubnis erhielten. Die moralische Instanz und ökonomische Absicherung war nur die Familie. Als die Familien in den 80er-Jahren vor dem dortigen Bürgerkrieg flüchteten, kam ein Großteil ungewollt nach Deutschland. Und auch hier war ihr wichtigstes Kapital der eigene Zusammenhalt. Kriminalität wurde zur Haupteinnahmequelle von Clans, da sie als Staatenlose einen ungeklärten Aufenthaltsstatus hatten und nicht arbeiten durften. 
 
Zu den Konstanten eines Clans gehört, dass Mitglieder regelmäßig Gefängnisstrafen absitzen müssen. Auf einer von den Innenministern geführten Liste stehen Namen von Mehrfachtätern, die man gern abschieben möchte. Nur: Eine Ausweisung ist schwierig, weil viele aus dem Libanon kommen und schon dort als staatenlos galten. Außerdem hat mehr als die Hälfte der Mitglieder eines Clans einen deutschen Pass. 
Polizeibeamte sehen einen Teil dieser „Klienten“ auf Straßen im Berliner Westteil bei illegalen Autorennen wieder. Seit der Gesetzesverschärfung im Oktober 2017 stoppte die Polizei in Berlin 150 Autorennen, also etwa 18 pro Monat  – eine Verdreifachung im Vergleich zu den Vorjahren. Einsamer Spitzenreiter ist   der Kurfürstendamm. Als Reaktion auf den tödlichen Raserunfall in der Nacht zum 1. Februar 2016 auf der Tauentzienstraße, der Verlängerung des Ku’damms, wurde das Strafgesetzbuch so verschärft, dass Rennen auch ohne Unfall nicht mehr nur Ordnungswidrigkeiten sind. In dieser Woche startete der neue Prozess gegen die zwei Ku’damm-Fahrer Hamdi H. und Marvin N., die erfolgreich gegen das erste Urteil – schuldig des gemeinschaftlichen Mords –  Revision eingelegt hatten. Egal, wie die Justiz urteilt: Solche Raser sollten ihren Führerschein lebenslang verlieren. Und richtig ist die Strategie der Polizei, die aufgemotzten Autos zu beschlagnahmen. Denn das spüren diese Raser  dort, wo es besonders weh tut.