Fußball-Nationalteam
Was wird aus Voss-Tecklenburg? Lage bei DFB-Frauen vertrackt

19.09.2023 | Stand 22.09.2023, 19:41 Uhr |

Martina Voss-Tecklenburg - Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist erkrankt. - Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Für die deutschen Fußballerinnen geht es jetzt um das Olympia-Ticket. Die Lage für den Verband ist angesichts des Fehlens der Bundestrainerin ganz schwierig. Ihre Vertreterin will nicht Chefin werden.

Die knifflige Suche nach einem Bundestrainer für die Männer scheint sich in Gesprächen mit Julian Nagelsmann einer Lösung zu nähern - die Situation beim Frauen-Nationalteam ist durch die Erkrankung von Martina Voss-Tecklenburg völlig vertrackt.

Die Frage, wann und ob die Cheftrainerin überhaupt in ihr Amt zurückkehrt, will der Deutsche Fußball-Bund derzeit nicht beantworten. Das Thema werde man aus Respekt vor der Bundestrainerin nicht öffentlich kommentieren. So teilte es eine Verbandssprecherin schon zu Beginn einer Pressekonferenz auf dem DFB-Campus mit.

«Wir haben eine Fürsorgepflicht, und die Fürsorgepflicht ist es in der Zwischenzeit, dass Martina wieder gesund wird. Das ist unser Ziel. Alles andere folgt dann danach», erklärte Joti Chatzialexiou, Leiter Nationalmannschaften. Dessen eigene künftige Rolle beim DFB ist ebenso ungeklärt. Voss-Tecklenburgs Vertreterin Britta Carlson, bisher ihre Co-Trainerin, muss nur wenige Wochen nach dem WM-Debakel bei den nun anstehenden Nations-League-Spielen liefern, wo es um die so wichtige Olympia-Tickets geht. Die 45-Jährige will aber selbst grundsätzlich nicht Nationaltrainerin werden. Sie könne sich vorstellen, irgendwann mal Cheftrainerin zu sein - «aber das eher auf Vereinsebene. Das kommt für mich auf nationaler Ebene nicht infrage.»

Über die Nations League nach Paris

Zuvor hatte DFB-Präsident Bernd Neuendorf Gerüchten um eine bevorstehende Ablösung Voss-Tecklenburgs widersprochen und gesagt: «Ich bitte um Verständnis, Martina Voss-Tecklenburg ist krank. Das gebietet der Respekt und die Fürsorge, dass wir darüber nicht spekulieren.» Zuletzt hatte es Berichte gegeben, wonach sich Spielerinnen über mangelhafte Kommunikation und taktische Defizite im Trainerteam um Voss-Tecklenburg bei der WM in Australien beklagt hätten. Dort waren die deutschen Frauen um Kapitänin Alexandra Popp überraschend in der Vorrunde gescheitert. 

Während die deutsche Männer-Auswahl die nächste Herausforderung mit der Heim-EM erst im nächsten Jahr vor sich hat, geht es für die Frauen schon in diesem Herbst um die Olympia-Qualifikation für Paris 2024. Die Auswahl startet an diesem Freitag (18.00 Uhr/ARD) in Viborg gegen Dänemark in die Nations League. Am 26. September (18.15 Uhr/ZDF) geht es in Bochum gegen Island. Weiterer Gegner in der Gruppe 3 der Liga A ist Wales. Nur die Gruppenersten kommen in die Endrunde, wo die beiden einzigen europäischen Olympia-Plätze ausgespielt werden.

Die 55 Jahre alte Voss-Tecklenburg selbst äußerte sich bisher nicht über ihren Gesundheitszustand. Ihr Ehemann Hermann Voss-Tecklenburg hatte der «Bild»-Zeitung gesagt: «Die WM in Australien hat sie sehr mitgenommen. Sie ist schon krank aus Australien wiedergekommen, sie war mental und körperlich angeschlagen.»  

WM-Aus noch nicht aufgearbeitet

Ex-Nationalspielerin Carlson, die seit 2018 Co-Trainerin der Frauen-Auswahl ist, widersprach Spekulationen, wonach es zwischen ihr und Voss-Tecklenburg nach dem WM-Aus gekracht habe: «Unser Verhältnis hat sich nicht verändert.» Sie hatte vergangene Woche ausdrücklich Sky-Informationen von sich gewiesen, wonach sie unter den Nationalspielerinnen eine Umfrage durchgeführt habe, ob diese weiter mit Voss-Tecklenburg zusammenarbeiten wollen: «Die Behauptung ist vollkommen haltlos und stellt meine langjährige Integrität als Co-Trainerin infrage.» Sie habe in Absprache mit der Bundestrainerin vertraulich mit Spielerinnen gesprochen, deren Ansichten in die WM-Analyse einfließen sollen.

Dass die Aufarbeitung des bislang einmaligen Vorrunden-Ausscheidens durch das Fehlen Voss-Tecklenburgs bisher nicht abgeschlossen werden konnte, erschwert die sportliche Situation enorm. Selbst Chatzialexiou sprach von einem «Rucksack». Dazu kommt: Der avisierte, nur für die Frauen zuständige Sportdirektor lässt - trotz der emsigen Postenvergabe derzeit beim DFB - noch auf sich warten. Chatzialexiou konnte sich dafür angesichts der Krise in den Auswahlteams der Männer und Frauen zuletzt nicht empfehlen. Seine eigene Zukunft sei im Moment auch «nicht relevant», sagte er.  

Carlson wird so oder so nur eine Übergangslösung sein, an deren Ende ein größerer Umbruch im Trainerteam der Frauen stehen könnte. Voss-Tecklenburg ist aber auch im Krankenstand weiter Bundestrainerin. Schließlich war Neuendorf der Cheftrainerin nach dem Desaster der Vize-Europameisterinnen in Australien - aus der Ferne - flugs zur Seite gesprungen. Ihr Vertrag läuft bis 2025.

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