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Überzeugte Seehofer-Fans müssen am Mittwoch auf "ihren" Horst verzichten

Helden der Dreiländerhalle

Meilenhofen
erstellt am 13.02.2018 um 17:14 Uhr
aktualisiert am 12.03.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Meilenhofen (DK) Andreas und Stilla Spreng aus Meilenhofen im Landkreis Eichstätt sind seit Jahren eine feste Größe beim Politischen Aschermittwoch der CSU in Passau. In diesem Jahr bejubeln sie die Doppelspitze. Pech, dass Horst Seehofer abgesagt hat.
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Irgendwann im Laufe des Gesprächs kommt die Rede auf Martin Schulz, die traurige Gestalt der deutschen Sozialdemokratie. Und da muss Andreas Spreng (82) dann doch feststellen, dass ihm dieser Mann richtig leidtut. Wie der nun gerade ganz tief unten angekommen sei. „Tragisch.“ Sprengs Gattin Stilla (79) mahnt: Das möge jetzt aber bitte nicht so aussehen, als wären die Sprengs SPD-Sympathisanten. Nein, keine Sorge. Auf diese Idee kann man auch mit sehr viel Fantasie keinesfalls kommen. Andreas und Stilla Spreng aus Meilenhofen in der Gemeinde Nassenfels, Landkreis Eichstätt, sind die innigsten Anhänger der CSU.

In ihrem Esszimmer steht ein Zinndeckelkrug mit Franz Josef Strauß-Porträt, im Wohnzimmer, gleich neben der Tür, hängt ein Porträt von Horst Seehofer – ein Gruß zu Andreas Sprengs 80. Geburtstag. Und heute, beim Politischen Aschermittwoch der CSU in der Passauer Dreiländerhalle, stellen die beiden wie immer unter Beweis, dass es in Bayern keine glühenderen Anhänger von Horst Seehofer gibt. Das ist in diesem Jahr ein bisschen schwieriger als zuvor. Und das liegt nicht nur daran, dass Seehofer gestern in letzter Minute wegen Grippe seinen Auftritt abgesagt hat.

Die Sprengs sind berühmt dafür, dass sie jedes Jahr in Passau auftauchen und mit einem politischen Transparent oder Schild bekunden, was ihnen gerade wichtig ist in ihrer Partei. Zum zehnten Mal, ein kleines Jubiläum, führt an diesen beiden kein Weg vorbei in Passsau. Das Duo aus dem Schuttertal hat auf wundersame Weise Kultstatus erreicht. Es gilt vielen Journalisten als die personifizierte Parteibasis. Andreas Spreng kramt in seinem Geldbeutel: Da ist er auch schon, der CSU-Mitgliedsausweis mit der Nummer 041304, eine angegilbte Plastikkarte, die belegt, dass Spreng im Jahr 1958 der Partei beitrat – heuer steht also die 60-jährige Mitgliedschaft an. Spreng, früher von Beruf Handelsvertreter für Glas, Porzellan und Keramik, 25 Jahre lang für seine Partei im Nassenfelser Marktgemeinderat und jahrelang CSU-Ortsvorsitzender, ist schon seit jeher begeistert vom Aschermittwoch in Passau.

Seine Vertreterreisen in den Bayerischen Wald legte er gerne so, dass er hier war, wenn die CSU in Passau ihr „Hochamt“ feierte. Zu Zeiten von Franz Josef Strauß noch in der guten alten Nibelungenhalle, später mit Max Streibl in der neuen Dreiländerhalle. Es war im Jahr 2007, als Andreas Spreng vom Zuschauer zum Aktivisten wurde. Damals steckte die CSU in der Krise. Edmund Stoiber war angezählt, im Herbst sollte Günther Beckstein Ministerpräsident werden, als Parteivorsitzender war der Niederbayern Erwin Huber gesetzt. Und Horst Seehofer, der Parteivize?

Der sollte leer ausgehen und war noch nicht mal nach Passau eingeladen – das erzürnte Andreas Spreng in Meilenhofen. Er ließ sich für 60 Euro ein zwei Meter langes professionelles Transparent anfertigen. Gattin Stilla, ehemals Tante-Emma-Laden-Inhaberin in Meilenhofen, ließ sich von der Empörung ihres Mannes anstecken und fuhr zum ersten Mal mit nach Passau. In in Erwin Hubers „Höhle des Löwen“. Auf dem Transparent standen fünf Worte: „Seehofer für Bayern und Deutschland“. Die Niederbayern waren erst perplex, dann offen feindselig, erinnert sich Stilla Spreng.

Die Mannsbilder vom Nachbartisch fragten drohend: „Ihr wisst’s schon, wo ihr hier seid?“ – „Ja, in Niederbayern!“, gab Stilla keck zurück. „Und dann haben wir mit dem Maßkrug angestoßen.“ Aber tapfer war das natürlich schon, zumal die Sprengs mit ihrem Transparent hartnäckig so lange durch die Halle marschierten, bis wirklich jeder ihre Botschaft gelesen hatte. Die Medien hatten Bilder, mit denen sie nicht gerechnet hatten. Der Reporter von der Handwerkszeitung fragte knallhart: „Wer hat Sie bezahlt?“ Horst Seehofer erfuhr umgehend von dieser kuriosen Kampagne zu seinen Gunsten.

Wie seinen Augapfel hütet Andreas Spreng den Dankesbrief. „Euer mutiger und unterstützender Auftritt hat mich sehr beeindruckt“, schrieb Seehofer mit einem „herzlichen vergelt’s Gott für eure großartige Unterstützung.“ Wohin diese Unterstützung letztlich führte, lässt sich in den bayerischen Geschichtsbüchern nachlesen. Das glücklose Duo Beckstein/Huber war nach einem Jahr am Ende, nachdem die Sprengs anno 2008 allen Unzufriedenen in der CSU mit einem simplen Aschermittwochs-Schild eine Stimme gegeben hatten: „Edmund wir vermissen dich“. Das Plakat schlug ein wie eine Bombe. Andreas Spreng kann es noch heute kaum glauben. „Da muss ich mich echt immer wundern, wie man mit so einer kleinen Aktion so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann.“

Nun wurde Horst Seehofer Landesvater und Parteivorsitzender in Personalunion. Im Hause Spreng, so darf man vermuten, gab es ein Gläschen Sekt. Denn Andreas Spreng sagt umumwunden: „Ich bin ein Seehoferianer“. Seine Gattin pflichtet lächelnd bei: „Voll und ganz ist er es.“ Seit dieser Zeit fahren die beiden jedes Jahr zum Politischen Aschermittwoch (wenn er nicht wie 2016 wegen eines Bahnunglücks in Bad Abbach abgesagt wird). Jedes Mal haben sie eine neue Botschaft. Mal feierten sie die absolute Mehrheit der CSU in Bayern, mal wünschten sie die Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg in die deutsche Politik („Welcome in Bavaria Karl Theodor“).

Horst Seehofer aber, ein Mann, der Gutes wie Böses nicht vergisst, ist den Sprengs unverbrüchlich verbunden und nennt Andreas Spreng sogar seinen „Fanklubpräsidenten“. Nur zur Sicherheit, denn bei der CSU weiß man ja nie: Den Fanklub gibt es nicht wirklich. Was hingegen zutrifft, ist, dass die Sprengs inzwischen fest in die Choreografie des CSU-Aschermittwochs eingebunden sind: Heute früh fahren sie zwar noch gemeinsam mit dem einfachen Parteivolk nach Passau, wie immer mit dem Omnibus des CSU-Kreisverbands Neuburg. Aber in Passau gehen die Edelfans dann ihre eigenen Wege – durch den Prominenten-Eingang. Erst läuft Andreas Spreng mit seinem Plakat systematisch durch alle Reihen und steht für Reporteranfragen und Fernsehaufnahmen bereit: „Du sagst halt ein paar Sätze“, gibt sich Spreng routiniert. Und wenn die CSU-Granden später zum Bayerischen Defiliermarsch in die Halle einmarschieren, dann bilden den Abschluss des kleinen Pulks ganz offiziell die Sprengs.

Auf ihren Eintrittskarten steht: „Reservierter Platz im Sicherheitsbereich. Tisch 1, Platz 5 und 6“. Stilla Spreng hatte zwar vor drei Jahren angekündigt, aufhören zu wollen – aber ihr Mann mochte diese jährliche Sternstunde, seine Mission, nicht aufgeben, da will seine Gattin ihn nicht alleine lassen. „Er ist nicht zu bremsen, was CSU und Seehofer angeht. Und ich habe meinen Spaß dran.“ Jetzt ist es beschlossene Sache: Die beiden machen weiter, solange es geht. Denn ist der Erfolg nicht überwältigend? Zwei dicke Ordner voll mit Zeitungsausschnitten aus ganz Deutschland schleppt Andreas Spreng an, in allen Berichten taucht dieses erstaunliche Paar aus Meilenhofen auf.

Die „Süddeutsche Zeitung“ begann ihren Bericht über Passau im letzten Jahr gar mit den Worten: „Das Fleisch gewordene Stimmungsbarometer der CSU trägt ein Schild wie eine Monstranz vor sich her“. Es ist ein Ritterschlag für Spreng, wenn ihm bescheinigt wird: „Der Aschermittwochs-Routinier hat ein gutes Gespür“ für Trends in der Partei. Sprengs Trendmeldung in diesem Jahr lautet: „CSU und Bayern stark mit Doppelspitze“. Aha! Da hat Seehoferianer Spreng offenbar um der Sache willen seinen Frieden mit Markus Söder gemacht. „Jetzt ist es so, wie’s ist.“ Also: Wenn Spreng die Doppelspitze gut findet, wer kann dann dazu noch Nein sagen? Es sähe wohl anders aus, wenn der Gerolfinger komplett ausgebootet worden wäre, verstünde Spreng gewiss keinen Spaß.

Aber nun ist er überglücklich, dass Horst Seehofer als Bundesinnenminister ins neue Merkel-Kabinett kommt. Falls die große Koalition zustande kommt. Aber auch ein Edel-Fan weiß, dass das Thema Bundesinnenminister das Volk spaltet. Stilla Spreng: „Die einen sagen: Mensch, prima! Dia anderen sagen: Was wollt ihr denn mit dem noch?“. Eine brandaktuelle Umfrage (siehe unten) spiegelt das überdeutlich wider. Und was hält Andreas Spreng von Markus Söder, dem künftigen Landesvater und starken Mann der CSU? Früher sah er ihn natürlich kritisch (um es vorsichtig zu formulieren). Aber neuerdings hält er den Mann sogar für eine richtig gute Lösung. Er habe Markus Söder eben erst auf dem Rossmarkt in Berching erlebt: „Der war so locker und überzeugend...“ Und dann lehnt sich Spreng, das menschliche Polit-Barometer, ganz weit aus dem Fenster: „Ich habe danach zu meiner Frau gesagt: Wenn der so weiter macht, wird er ein zweiter Strauß.“

Wächst da etwa eine neue Freundschaft heran? Bekommt Söder bald ein eigenes Plakat? Nun ja, meint Spreng bedächtig: „Wenn ich’s altersmäßig noch schaffe...“ Gattin Stilla sieht die Lage realistisch. „Beim Söder wird er nicht zum Präsidenten des Fanklubs werden.“ Bei Karl-Theodor zu Guttenberg sähe die Sache gewiss anders aus – und diese Personalie ist für Spreng definitiv noch nicht vom Tisch. Deswegen bewahrt er das „Welcome in Bavaria“-Plakat für alle Fälle im Keller auf. Erst im letzten August brachte er es beim Guttenberg-Besuch im oberfränkischen Kulmbach medienwirksam zum Einsatz.

Zu Guttenberg wusste sofort, mit wem er es zu tun hatte: „Er ist auf mich zugekommen und sagte: ,Dankeschön für Ihre Unterstützung.’“ Guttenberg, das ist neben Seehofer immer noch Sprengs zweite große politische Liebe – und er hofft nach wie vor, dass der Wahl-Amerikaner eines Tages heimkehren könnte. Warum nicht als CSU-Vorsitzender? Aber: „Momentan ist nicht seine Stunde.“ Und vor allem nicht heute in Passau. Die CSU wird sich hier auf die Doppelspitze für Bayern und Berlin einschwören, was etwas schwierig ist, wenn eine der Spitzen fehlt. Und die Sprengs werden ihren kleinen Teil beitragen zum innerparteilichen Friedensfest mit ihrem Hartfaserplatten-Schild. Auf der Rückseite steht übrigens auch etwas: „Die Zukunft ist konservativ“. Im Hause Spreng in Meilenhofen auf jeden Fall.

Richard Auer
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