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Unter dem Deckmantel der katholischen Kirche

Anonyme Hetze im Netz

München
erstellt am 05.06.2012 um 19:49 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:37 Uhr | x gelesen
München (DK) Die zehn Gebote sind für Christen das Gesetz, an das sie sich halten sollen. Es gibt heutzutage Menschen, denen das nicht so wichtig ist. Wenn aber Teile der katholischen Kirche die christlichen Werte mit Füßen treten, dann ist das ungeheuerlich. Die Internetseite kath.net ist so ein Fall. Das Online-Portal gibt sich als katholisches Nachrichtenorgan aus, das aus der römisch-katholischen Welt berichtet. Ein Vertreter der offiziellen Kirche kann über das Online-Portal nur den Kopf schütteln: „Regelmäßig kommentieren dort Leute, die dem rechtsradikalen Spektrum nahe stehen“, sagt Markus Kremser. Er ist Bistumssprecher in Augsburg und hat von Berufs wegen viele Internetauftritte im Blick.
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München: Anonyme Hetze im Netz
Die aktuellen Enthüllungen im Vatikan spielen bei kreuz.net natürlich eine Rolle - Foto: Oppenheimer
München
Kath.net ist kein Angebot der katholischen Kirche, es ist ein inoffizieller Internetauftritt von Katholiken. Auf den ersten Blick erscheint kath.net seriös, fast intellektuell. Zahlreich werden Zitate der offiziellen Kirche aufgeführt. Kath.net gibt sich bestens informiert und verfügt über Insiderkenntnisse aus der römischen Kurie.

Zwischen den Zeilen aber wird mit suggestiven Mitteln gearbeitet. Zum Beispiel ereifert sich kath.net über ein Papier des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) im Erzbistum Freiburg. Darin wird ein offenes und tolerantes Kirchenbild propagiert. Kath.net sagt, was es davon hält. „Die Bankrotterklärung der Zollitsch-Jugend“, steht groß über dem Artikel.

Für den offenbar zu liberalen Kurs in Freiburg verantwortlich gemacht wird Erzbischof Robert Zollitsch, der zugleich Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist und in dessen Erzbistum das Papier entworfen wurde. Das Portal wirft den jungen Leuten vor, dass sie sich „auf einen Geist des II. Vatikanischen Konzils“ berufen. Was für die Amtskirche als selbstverständlich gilt, wird in diesem Portal als Entgleisung diskreditiert. Was darauf schließen lässt, dass Traditionalisten am Werk sind.

Eine Gegenposition bezieht der Artikel nicht, auch eine inhaltliche Diskussion wird nicht angestoßen. Stattdessen wird eine Drohkulisse aufgebaut, in der die Macher von kath.net erklären, sie werden „Bischof Zollitsch“, der eigentlich Erzbischof ist, zur „Stellungsnahme auffordern“. In Freiburg reagiert man relativ gelassen auf solche Anfeindungen. „Es ist nicht das erste Mal, dass wir im Visier von kath.net stehen“, sagt Dominik Schäfer, der BDKJ-Sprecher. Bisher habe man geschwiegen, um den Traditionalisten keine Stimme zu geben. Aber für Schäfer widerspricht das Vorgehen von kath.net dem christlichen Menschenbild in krasser Weise. „Auf kath.net werden die zehn Gebote verletzt, es wird gelogen und die Unwahrheit verbreitet.“ Gleichzeitig gibt sich die Internetseite aber so, als stünden die wahren, Rom treuen Katholiken hinter ihr. Schäfer hat da seine Zweifel: „Dann verstehe ich nicht, warum sie Ausgrenzung und Hass predigen.“

Betrieben wird die Seite von einem Verein mit Sitz in Linz, als Chefredakteur zeichnet ein Roland Noé verantwortlich. Generell aber bleiben die Autoren von kath.net anonym. Mit Namen versehen sind nur die Kommentare: Sie sind das eigentliche Schlachtfeld, auf dem propagandistisch Stimmung gemacht wird. Aber nicht jeder Kommentar wird gedruckt. Er muss vorher von der Redaktion freigeschaltet werden. Eine Anmeldung reicht nicht aus. Das Meinungsbild über kath.net ist in deutschen Diözesen nicht einheitlich. Es gibt offizielle Kirchenkreise, die an dem Onlineportal nichts Negatives finden. So hat der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke selbst schon für kath.net geschrieben. „Liebesbriefe an die Kirche“, ist ein Artikel überschrieben. Offensichtlich gibt es eine enge Verbindung zum kath.net-Chefredakteur Noé. Dieser zeichnet auch als Herausgeber für ein Buch verantwortlich, an dem Hanke mitgeschrieben hat. Das Noé-Buch wird sogar in der Eichstätter Kirchenzeitung beworben.

Ist dem Eichstätter Bischof die Absicht von kath.net verborgen geblieben? „Dazu liegt keine Einschätzung des Bischofs vor“, erklärt Bistumssprecher Martin Swientek. Auf die Frage, wie er zu kath.net stehe, antwortet Swientek: „Das ist eine Geschmacksfrage.“

Manchem Kirchenvertreter erscheint kath.net immer noch als die gemäßigtere Variante. Erst bei der anderen katholischen Internetseite, bei kreuz.net, würde ein Kampf mit offenem Visier geführt. Deren Sprache sei „durchgängig polemisch und aggressiv“, erklärte jüngst Heinz Fromm, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz. Es werde „antisemitische, antimuslimische und fremdenfeindliche Hetze“ betrieben. Fromm kündigte an, die Internetseite unter die Lupe nehmen zu wollen.

Die Haltung der Kirche zur Internetseite kreuz.net ist eindeutig. „Distanzierung von dieser hetzerischen und menschenverachtenden Internetseite“ sei das Gebot der Stunde, so die Sprecher der Diözesen in München, Augsburg, Regensburg und Eichstätt fast wortgleich. Schon die Mitarbeit bei diesem Onlineportal zöge in kirchlichen Kreisen berufliche Konsequenzen nach sich, erklärt der Münchner Bistumssprecher Bernhard Kellner.

Von kath.net ist dabei nicht die Rede. Der Eichstätter Bistumssprecher Martin Swientek warnt sogar, „kreuz.net und kath.net in einem Atemzug zu nennen“. Aber kreuz.net und kath.net sitzen so gut wie in einem Boot. Sie setzen ihre Meldungen fast zeitgleich ab, was darauf schließen lässt, dass hier die gleichen Personen am Werk sind. Ein weiterer Beleg dafür: kreuz.net wird über den Server des US-Anbieters „Site5.com“ betrieben. Auch der E-Mail-Verkehr wird über diese Domain abgewickelt. Denselben Server nutzt auch das österreichische Nachrichtenportal kath.net.

 

Von Gabriele Ingenthron
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