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"Lieber Horst, lieber Markus"

Ingolstadt
erstellt am 08.10.2018 um 23:15 Uhr
aktualisiert am 12.10.2018 um 11:54 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Die CSU-Spitze demonstriert gestern Abend bei einer Kundgebung im Theater Ingolstadt große Harmonie und ruft zur Gemeinsamkeit im Wahlkampfendspurt vor dem Urnengang am Sonntag auf.
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Deutliches Signal aus dem Publikum: Die Parteibasis erwartet gute Ergebnisse von ihren Spitzenleuten.
Deutliches Signal aus dem Publikum: Die Parteibasis erwartet gute Ergebnisse von ihren Spitzenleuten.
Eberl
Ingolstadt
"Glück" steht in roten Lettern ganz oben an der Fassade des Ingolstädter Theaters, ein Motto aus einer früheren Spielzeit. Weiter unten, rechts und links vom Eingang des Musentempels, reihen sich blaue Fahnen mit der Aufschrift „CSU“, vier links und vier rechts. Die Christsozialen haben gestern Abend mit einer Kundgebung zum Schlussspurt im Landtagswahlkampf geladen, in die Heimat von Bundesinnenminister Horst Seehofer. Am Sonntag wird ab 18 Uhr die Stunde der Wahrheit eingeläutet, wenn die Stimmen auf den Wahlzetteln gezählt sein werden. Und es sieht nicht gut aus für die Regierungspartei, schenkt man den aktuellen Umfragen Glauben.
 
Auf Glück allein, das machten die Redner um Ministerpräsident Markus Söder klar, will man sich daher nicht verlassen. Nach allen Querelen in den vergangenen Wochen und Monaten auf den politischen Bühnen in München und Berlin möchte die Partei, die bisher wie keine andere als Synonym für den Freistaat gilt, noch einmal richtig um die bedrohte Mehrheit kämpfen. Ein wenig sieht das gestern aus, als wolle man sich selber Mut machen. Der CSU-Generalsekretär Markus Blume spricht am Ende im vollbesetzten Theaterfestsaal von einer „Demonstration der Stärke, Geschlossenheit und Entschlossenheit“.  
 
Die CSU wäre nicht die CSU, wenn sie die Reihen in solchen Momenten nicht schließen und zusammenstehen würde. „Lieber Horst“ hier, „lieber Markus“ dort – Seehofer und Söder erwähnen den jeweils anderen in ihren Reden stets aufs Neue, spielen sich den Ball zu, loben einander und die gute Kooperation zwischen München und Berlin, wollen keine Zweifel aufkommen lassen, dass nach den Machtspielen zu Jahresbeginn im Kampf um den Ministerpräsidentensessel in Bayern nun Friede eingekehrt sei zwischen den beiden. Obwohl sie sich die Tage zuvor  noch in diversen Medien die Schuld für die schlechten Umfrageergebnisse der CSU  gegenseitig zugeschoben haben. Streit? „Ich konnte da keinen Streit feststellen, es ist doch immer die gleiche Platte. Früher hatte die Schallplatte Sprünge, und da ging immer die gleiche Melodie von vorne los“, sagt Seehofer den Journalisten ins Mikrofon. Und: „Ich möchte heute einen schönen Abend verbringen“, – schon gar nichts will er deshalb zu den Ablösegerüchten und seiner Zukunft als Parteivorsitzender sagen. 
 
Tatsächlich ist von Dissonanzen nichts zu spüren an diesem Abend, da passt das Theater als Schauplatz des Geschehens wie die Faust aufs Auge. Das Publikum gibt sich freundlich und wohlwollend, obgleich viele Gäste verunsichert sind. Nur 33 bis 35 Prozent der Stimmen würden nach den jüngsten Erhebungen auf die Christsozialen fallen, ein Desaster, wenn es tatsächlich so käme. „Jetzt bin ich seit 52 Jahren bei der CSU, aber so besch….. war es noch nie“, sagt der Ingolstädter Ehrenbürger Hermann Regensburger, von 1993 bis 2003 als Innenstaatssekretär selbst Mitglied des bayerischen Kabinetts, und zuckt mit den Schultern. „Ich zweifle die Umfragen an“, hält Besucherin Katharina Emeneth dagegen. Markus Söder ist für die Ingolstädterin der richtige Mann auf dem richtigen Posten –  einer der „positiv denkt und dynamisch ist“. Und was er schon bewirkt, hat, „das Familiengeld und das Landespflegegeld“ zum Beispiel, das ist doch eine Anerkennung für uns alle“, findet sie.  Drei junge Frauen sehen das völlig anders, mit einem Plakat sprechen sie sich gegen menschenverachtende Politik aus und sagen „Nein zu Söder“. Es soll der einzige Protest an diesem Abend bleiben.
 
Die Stimmung bei den Christsozialen ist angespannt, je tiefer die Partei in den Umfrageergebnissen sinkt. Nervös reagiere man aber nicht, beteuert Markus Blume gestern Abend. Aber warum sucht die Parteispitze dann schon im Vorfeld nach Erklärungen, dass es an diesem Sonntag alles anderes als erfreulich für die Christsozialen ausgehen könnte? Schuld sind freilich immer andere: Der eine – Seehofer – betont in Interviews, sich nicht in bayerische Belange eingemischt zu haben, sprich, an ihm liege es nicht. Der andere – Söder – sieht die Politik in Berlin als Ursache allen Übels, wie der interne Streit in der großen Koalition oder der Dauerdisput um die  Flüchtlinge. Dabei haben beide lange Zeit Keile in die Partei getrieben, die Basis reagiert auf diese Entwicklung mit Unverständnis und Ratlosigkeit: Die da oben hätten kein Gespür mehr dafür, was die Mitglieder bewegt. Und jetzt noch diese miesen Umfragewerte. Aber „Schuldzuweisungen vor der Wahl sind Wahnsinn“, hatte Neuburgs OB Bernhard Gmehling erst am Wochenende kopfschüttelnd erklärt. „Wir hoffen, dass wir die Reihen bis Sonntag geschlossen halten“, sagt der Neuburger CSU-Landtagskandidat Matthias Enghuber, bevor die Kundgebung gestern beginnt. Man habe intensiven Wahlkampf betrieben. „An uns soll es nicht liegen“, sagt auch der Ingolstädter CSU-Kreisvorsitzende Hans Süßbauer. „Wir haben Hausbesuche gemacht wie noch nie. Aber du kannst nichts machen gegen die Politik da oben.“ 
 
Fast 50 Prozent der Wähler seien noch unentschieden, heißt es gestern, die große Hoffnung. Die Parteispitze malt  „ihr“ Bayern daher in den schönsten Farben.  Wir sind doch wer, wir haben so viel geschafft, Bayern als Musterland, als Paradies, das Land der Superlative – Markus Söder und Horst Seehofer packen alles aus, was es auszupacken gibt, sprechen von „leben und leben lassen“, vom humanen und sicheren Bayern, von bezahlbarem Wohnen und von Projekten wie der Digitalisierung, dem Breitbandausbau oder der Eroberung des Alls vom Freistaat aus. In die Zukunft denken, nicht in der Gegenwart verharren, laute das Ziel. „Es geht uns nicht darum, irgendwen auf den Mond zu schießen – wobei ich einige wüsste“, sagt Söder unter dem Gelächter des Gäste. „Ich will allen versichern: Ich war nicht gemeint“, greift Seehofer später diesen Gedanken auf und hat die Lacher auf seiner Seite.  

 
Den Liveblog zum Nachlesen gibt es hier.
 
Horst Richter
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