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Wie fünf Mumien aus einer beinahe vergessenen Gruft bei Pförring der Wissenschaft wichtige Erkenntnisse bringen

Stumme Zeugen der Vergangenheit

Früher
erstellt am 29.06.2012 um 22:01 Uhr
aktualisiert am 20.04.2017 um 10:37 Uhr | x gelesen
Früher sind die Kinder in der Gegend oft heimlich hingegangen. „Totenschauen“ haben sie es genannt. Aus Neugier oder als Mutprobe schlichen sie in die Gruft von Dötting. Die Kapelle steht auf einer kleinen, Spitzelberg genannten Anhöhe der 54-Seelen-Gemeinde bei Pförring im Kreis Eichstätt, umringt von großen alten Bäumen. Und was dort zu sehen war, reichte, um den Buben und Mädchen Schauer über den Rücken zu jagen. Zugeben, dass es sie gruselte, wollte kaum einer, nicht dass sie als „Waschlappen“ gelten würden. Wobei doch selbst Erwachsene mitunter Probleme haben, mit dem Anblick umzugehen. Denn in der Gruft liegen fünf Mumien.
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Früher: Stumme Zeugen der Vergangenheit
 
Früher
Die Toten waren vor langer Zeit dort bestattet worden, zwischen 1835 und 1859. Es müssen wohl bessere Herrschaften gewesen sein, das ist auf Anhieb klar. Aber davon später mehr. Jeder Leichnam ruht in zwei Särgen, jeweils aus Eiche gefertigt. Wer später die Deckel entfernte, und warum die Särge auf einmal über viele Jahre hinweg offen standen, ist nicht bekannt. Schulklassen unternahmen Ausflüge dorthin, und immer wieder kamen Fremde, um sich die mumifizierten Leichen anzusehen – oder um „Orgien zu feiern“, wie es im Dorf hieß. Dem Bauern Christian Koch, der mit seiner Frau Emmi den Hof gleich unterhalb des Hangs besitzt, war das respektlose Treiben schließlich zu viel geworden. 1975 nagelte er die Särge und gleich noch die Kapellentür kurzerhand zu.

Die Gruft geriet ein wenig in Vergessenheit. „Vor ein paar Jahren ist zwar mal darüber geredet worden, dass die Kapelle endlich gescheit hergerichtet gehört“, erzählt man im Ort. „Aber der Gemeinderat hat nichts unternommen, weil angeblich die Kirche zuständig ist.“ Bis Robert Kiesel auf den Plan kam. Der 62-Jährige ist das, was man einen „Zuagroasten“ nennt, er stammt aus Bad Kissingen. „In einer Feuerwehrschrift habe ich von der Grabstätte gelesen. Die Geschichte der fünf Mumien hat mich von Anfang an stark fasziniert.“ Was 2009 mit einer neugierigen Frage begann, hat sich für den Rentner bis heute zur tagesfüllenden Aufgabe entwickelt. In diversen Archiven erforschte Kiesel die Lebenswege der Toten und brachte die Sanierung der Gruft auf den Weg. Und er begeisterte Professor Andreas Nerlich, Chefarzt der Pathologie am Klinikum München-Bogenhausen und am Schwabinger Krankenhaus, für die Sache.

Mit Nerlich sitzt ein ausgesprochener Fachmann im Boot. Er hat sich neben seiner Tätigkeit in München einem besonderen Gebiet verschrieben: der Paläopathologie. Es handelt sich um eine noch recht junge Wissenschaft, deren Ziel es ist, mithilfe geschichtlicher Leichenfunde mehr über die Lebensweise und Krankheiten in früheren Zeiten zu erfahren. Erfahrung bringt der Münchner Chefarzt reichlich mit, reist er doch regelmäßig nach Ägypten, um Mumien zu untersuchen. „Eigentlich wollte ich mir die Toten von Dötting nur einmal kurz ansehen“, räumt der Mediziner ein. Doch dann war er fasziniert vom Zustand der Körper: Vier waren auf natürliche Weise mumifiziert, der fünfte künstlich konserviert worden. Dass Leichen sich nicht zersetzen, funktioniert nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen: „Die Umgebung muss trocken, sein, die Temperatur gleichmäßig bleiben und eine konstante Belüftung vorherrschen. Dadurch kommt es zur Vertrocknung statt zur Verwesung“, erläutert Nerlich. „Solche Mumien sind wertvolle Bioarchive und bringen uns wissenschaftlich viele Erkenntnisse. Und man wird sehr schnell dankbar, in der heutigen Zeit zu leben.“ Denn einfache Infekte, inzwischen leicht heilbar, seien früher die häufigste Todesursache gewesen. Nerlich ließ die Toten zur Untersuchung in die Münchner Pathologie bringen.

Woran die fünf Menschen in der Döttinger Gruft gestorben sind, möchte der erfahrene Mediziner erst sagen, wenn alle Untersuchungsergebnisse vorliegen. „Das kann noch bis Jahresende dauern“, sagt er. Die Mumien sind durch den Computertomografen geschoben und auch stellenweise geöffnet worden, um Gewebeproben zu nehmen. Die Auswertung braucht Zeit: „Das ist für uns schon eine Herausforderung, weil das Material 150 Jahre und älter ist.“

Wer die Toten sind, war dagegen weniger schwer herauszufinden. Eine hölzerne Tafel in der Gruft gibt ihre Namen preis: Es handelt sich um den letzten Hofmarkherrn vom nahe gelegenen Schloss Wackerstein, Friedrich Wilhelm Freiherr von Jordan, dessen Ehefrau Violanda, Gräfin von Sandizell, ihre Kinder Karolina und Max sowie einen Freund der Familie, Graf Heinrich LII. Reuß zu Köstritz. Der Freiherr, ein Vertrauter von König Maximilian I. Joseph, hatte das Schloss Anfang des 19. Jahrhunderts gekauft. Als Kgl.-Bay. Generalleutnant war er mit 42 Jahren relativ früh aus dem Dienst ausgeschieden. Seine Tochter Karolina, 1815 geboren, war als Erste gestorben, während einer Reise nach Italien. Das Mädchen war damals ein Jahr und vier Monate alt. Vermutlich um den Leichnam auf den langen Heimweg mitnehmen zu können, ließen die Eltern die Tote in Neapel künstlich mumifizieren. Dazu wurden die Organe entnommen und der Körper anschließend mit Wollefasern gefüllt. Die Bestattung fand indes erst 19 Jahre später statt, nachdem der Freiherr auf dem Spitzelberg in Dötting die Kapelle mit der Gruft hatte bauen lassen. Möglicherweise war der Leichnam zuvor in einem kühlen Keller gelagert. Karolina liegt völlig unbekleidet in ihrem kleinen Sarg.

1841 war dann ihr Vater mit 65 Jahren einer Unterleibskrankheit erlegen, wie den Archiven zu entnehmen ist. Ob es sich dabei um Krebs oder einen Infekt handelte, werden die Analysen der Münchner Pathologie zeigen. Der Freiherr liegt mit seltsam verkrampfter Hand im Sarg, so, als hätte er einen Schlaganfall erlitten. Der Tote trägt nur ein einfaches Hemd, und ihm fehlt das Kreuz in den Händen, wie es den anderen beigelegt worden ist.

Max Baron von Jordan, der Sohn der Schlossbesitzer, ist nur 33 Jahre alt geworden; seine Beisetzung in der Gruft erfolgte 1850. In seiner bis heute gut erhaltenen Junkeruniform kam er ins Grab. Als Todesursache ist in alten Akten von einer „Rückenmarkserweichung“ die Rede. Ob damit die Spätfolgen einer Syphilis gemeint waren, ist bisher nicht bekannt. Sein Körper ist von den vier natürlich mumifizierten Leichen, neben dem seiner 1859 beigesetzten Mutter, am Besten erhalten. Die Gesichtszüge der beiden wirken wie erstarrt, einer Maske gleich, selbst die Augenlider sind noch erkennbar. Eine Seite seines Unterkiefers ist angefressen – möglicherweise von dem Marder, dessen Skelett neben seinem Kopf im Sarg lag.

Ein Jahr darauf folgte ihm Graf Heinrich LII. Reuß zu Köstritz, gestorben im gesegneten Alter von 87 Jahren. Die Pracht seiner blauen Generaladjutanten-Uniform lässt sich noch erahnen, an der Brust sind drei seiner Auszeichnungen angebracht, unter anderem der Bayerische Verdienstorden. Graf und Schlossherr hatten sich bei einer Ordensverleihung kennengelernt, seither waren sie befreundet. Heinrich hatte sich an der Finanzierung der Gruft beteiligt. Warum er sich nicht in seiner thüringischen Heimat bestatten ließ, bleibt ein Geheimnis. Als General war er maßgeblich am Gefecht bei Neuburg-Oberhausen im Juni 1800 beteiligt. Bayern und Österreicher hatten damals vergeblich versucht, die anrückenden Franzosen abzuwehren.

 

Von Horst Richter
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