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102-jährige Berlinerin kurbelt nach wie vor den Leierkasten an Lieblingslied der Straßenmusikantin ist der "Schnee-Walzer"

Margot Wolf hat den Dreh raus

Berlin
erstellt am 26.06.2017 um 20:11 Uhr
aktualisiert am 16.09.2017 um 03:34 Uhr | x gelesen
Berlin (DK) Sie hat schon in der Schweiz, Dänemark, Frankreich, Belgien und England gespielt, doch am liebsten tritt sie in Berlin auf. Ihr Name ist Margot Wolf. Mit ihren 102 Jahren ist sie die wohl älteste Drehorgelspielerin der Welt. "Ich kenne keine ältere", meint die Schatzmeisterin der Internationalen Drehorgelfreunde Berlin e. V. und weist stolz auf ein Foto an der Wand. Darauf ist sie mit dem Bezirksbürgermeister von Berlin-Wilmersdorf in einer Kutsche zu sehen. Mit ihm gemeinsam führt sie den Festumzug am 1. Juli anlässlich des Internationalen Drehorgelfestes in Berlin auch dieses Jahr wieder an. Dann wird sich die 102-Jährige wieder ihren Hut mit der lilafarbenen Schleife aufsetzen, ihr schwarzes Kostüm mit dem langen Rock und eine weiße Spitzenbluse anziehen - und sie wird an jenem Ort Drehorgel spielen, wo alles begann.
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Berlin: Margot Wolf hat den Dreh raus
Foto: DK
Berlin

Noch heute hat sie das Bild klar vor Augen, wie ihr Mann Richard auf dem Kurfürstendamm stand und zum ersten Mal in seinem Leben Leierkasten spielte. Weil sein Freund Fritz, dem er ursprünglich das Instrument besorgt hatte, es nicht mehr haben wollte, fing er selbst zu spielen an. Das war 1973. "Wie peinlich mir das war", erinnert sich die alte Dame. Und die Enkel fragten: "Ist der Opa denn so arm, dass er Leierkasten spielen muss"

Die Drehorgel war historisch gesehen das Instrument der Straßenmusikanten, Gaukler und der armen Leute. Wer seinen eigentlichen Beruf nicht mehr ausüben konnte, der fing das Drehorgelspielen an. Dies war besonders nach den Kriegen der Fall, als Versehrte sich damit ein Zubrot verdienten. So gab es in Berlin um die Wende des 20. Jahrhunderts rund 3000 Drehorgelspieler, in den 20er-Jahren waren es noch 1000.

"Als Kinder sind wir dem Leierkastenmann immer von Hof zu Hof nachgelaufen, und die Mutti musste mit dem Mittagessen auf uns warten", erzählt sie. Das Größte aber war für die Mädchen und Jungen, wenn der Leierkastenmann fragte: "Wollt ihr auch mal spielen" - und sie die Kurbel drehen durften.

Heutzutage dagegen sind die Leierkastenmänner und -frauen rar geworden - nicht nur in Berlin. Dort spielen sie nur noch an touristischen Plätzen. Da hat sich Wolf noch nie als Solistin mit ihrer Drehorgel hingetraut. Sie spielt ausschließlich auf Drehorgelfesten, und das nun schon seit 40 Jahren. Nachdem ihr Mann Richard an seinem Hobby festhielt, schenkte er auch seiner Frau einen Leierkasten. 1976 haben sie erstmals gemeinsam auf einem Drehorgelfest gespielt, und auch nach dem Tod ihres Mannes hörte sie damit nicht auf. Im Gegenteil. 1987 gehörte sie zu den ersten Mitgliedern der Internationalen Drehorgelfreunde Berlin. Bis zum heutigen Tage ist sie deren Schatzmeisterin. "Bei mir stimmt es bis auf den Cent", sagt die gelernte Buchhalterin. Bis vor zehn Jahren machte sie die Buchführung noch alleine. "Dann habe ich mir einen jungen Mann gesucht, der etwas vom Computer versteht", meint sie augenzwinkernd. Nicht nur da holt sie sich Hilfe. Wenn sie am 1. Juli auf der Bühne an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche stehen wird, um ihr Lieblingslied, den "Schnee-Walzer", zu spielen, hieven ihr die anderen Mitglieder des Vereins ihre 15 Kilo schwere Bacigalupo auf die Bühne. Ihre Walzenorgel aus der gleichnamigen Berliner Werkstätte, die mittlerweile ihren Betrieb eingestellt hat, ist mit 100 Jahren fast so alt wie sie.

Margot Wolf muss dann nur noch die Kurbel drehen. Und das ist nicht jedermanns Sache. "Ein bisschen Taktgefühl und Verständnis für Musik muss man dafür allerdings schon haben", meint sie.

Von Marion Brucker
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