Raubtier im Video
„Löwensuche“ bei Berlin: Experten zweifeln – Tier womöglich gesichtet

20.07.2023 | Stand 13.09.2023, 14:33 Uhr |

Ein gefährliches Wildtier ist in der Nacht zum Donnerstag in Brandenburg entlaufen und hat eine große Suchaktion ausgelöst. −Symbolbild: Paul Zinken/dpa

Ein Raubtier soll im Süden Berlins frei herumlaufen. Seit der Nacht sucht ein Großaufgebot an Einsatzkräften nach dem Tier, mutmaßlich einer Löwin. Während einige Experten zweifeln, dass es wirklich eine Löwin ist, berichtet die Polizei von einer Sichtung.





Die Menschen im Süden von Berlin müssen derzeit bei Spaziergängen vorsichtig sein und die Augen offen halten: Die Polizei sucht in der Region nach einem frei umherlaufenden Raubtier – möglicherweise eine Löwin. Per Warnapps wurden die Menschen in der Nacht auf die mögliche Gefahr hingewiesen. Mit Drohnen und Hubschraubern sind die Einsatzkräfte seit Stunden auf der Suche. Unterstützt werden sie dabei von Veterinären und Jägern.

Mögliche Sichtung am Nachmittag



Die Berliner Polizei teilte am Nachmittag mit, dass es „eine mögliche Sichtung des Tiers im Süden Berlins nahe der Stadtgrenze zu Brandenburg“ gegeben habe. Das Veterinäramt und der Stadtjäger seien zum Sichtungsort alarmiert worden.

Der erste Hinweis erreichte die Polizei in der Nacht auf Donnerstag aus der Gemeinde Kleinmachnow im Landkreis Potsdam-Mittelmark. Ein Video zeigt dort das mutmaßliche Wildtier zischen Bäumen und Büschen. Ersten Einschätzungen der Polizei zufolge handele es sich dabei um eine Löwin, teilten die Behörden mit. „Die geschilderte Situation wird als glaubwürdig angesehen“, hieß es.

Warnmeldung für den Süden Berlins



Gesucht wird in der Gegend um Kleinmachnow am südlichen Rand der Hauptstadt – dort, wo sonst eher Wildschweine durch die Wälder flitzen. Die Warnmeldung des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe bezieht auch den Süden Berlins, etwa Steglitz, Marienfelde und Neukölln mit ein. Auch die Stadt Potsdam rief ihre Einwohnerinnen und Einwohner am Donnerstag zu Wachsamkeit auf: „Augen auf! Potsdam ist nicht weit entfernt“, teilte die Stadt auf Twitter mit.

Eine Sprecherin der Potsdamer Feuerwehr sagte, für Potsdam bestehe derzeit keine Gefahr. Die Bewegungskurve des Tieres gehe nach Angaben des Ordnungsamtes Kleinmachnow in eine andere Richtung, eher nach Berlin, sagte sie. Das Bundesamt empfiehlt, Haustiere nicht ins Freie zu lassen und sich über den Verlauf der Suchaktion in den Medien zu informieren.

Tier nicht vermisst gemeldet



Viele Fragen sind allerdings noch offen: Bisher hat die Polizei keine Informationen, woher das Tier stammen könnte. Es seien Zoos, Tierparks, Zirkusse und Tierschutzeinrichtungen überprüft worden. Dort wird der Polizei zufolge allerdings keine Löwin vermisst. Das bestätigten am Donnerstag auch Zoo und Tierpark Berlin. Das gefilmte Raubtier stamme nicht aus den eigenen Beständen, teilten die Einrichtungen mit.

Anhand der kurzen Aufnahmen im Internet sei es nicht auszuschließen, dass es sich um eine Löwin handele, hieß es in einer Stellungnahme. „Mit Sicherheit können wir dies aufgrund der geringen Qualität der Aufnahmen aber nicht bestätigen“, sagte Christian Kern, Zoologischer Leiter von Zoo und Tierpark Berlin.

Einige Experten zweifeln, dass es ich um eine Löwin handelt



Der Verband der Zootierärzte (VZT) sieht einen Anhaltspunkt dafür, dass es sich bei dem gesichteten Tier nahe Berlin nicht um eine Löwin handelt. Demnach erscheine das Profil des Tieres in dem kursierenden Video wenig typisch für eine Löwin. Insbesondere der runde Rücken und die Kopfform würden der Löwen-Theorie widersprechen, meldet der Focus.

Joachim Scholz, Löwen- und Artenschutz-Experte von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung in Frankfurt am Main, bezweifelt, dass es sich bei dem im Raum Berlin-Brandenburg gesichteten Tier um eine Löwin handelt. Er beruft sich in seiner Argumentation auf das folgende Video, das die Raubkatze zeigen soll und aktuell in den sozialen Netzwerken verbreitet wird:



Keine abschließende Beurteilung möglich



„Der Schädel und die Proportionen des Körpers erlauben nicht, dieses ominöse Tier tatsächlich als Großkatze zu identifizieren, zumal alles extrem unscharf ist“, sagt er auf Anfrage von FOCUS online. Scholz weist darauf hin, dass die Beine des mutmaßlichen Löwen im Gebüsch verborgen sind und sich das „Achsenskelett in Relation zur Länge der Extremitäten“ nicht beurteilen ließe.

Laut des Löwen-Experten könnte die Graufärbung am Schwanzende, die im Clip zu erkennen ist, und die stehende Fresshaltung auch zu einem großen Caniden, ergo: einem Hund, passen. Ganz ausschließen möchte der Experte nicht, dass es sich bei dem Tier um eine Löwin handelt. Um eindeutigere Aussagen zu treffen, müsse sich aber die Faktenlage klären.

Löwin käme durchaus im Wald zurecht



Laut Einschätzungen von Expertinnen und Experten aus Zoo und Tierpark käme eine Löwin in den Sommermonaten aber durchaus in einem heimischen Waldstück zurecht. In einem ihr unbekannten Terrain könne davon ausgegangen werden, dass sie sich ins Unterholz zurückziehe und nicht aktiv den Kontakt zum Menschen suche. „Auch die Gefahr, dass ein Wildtier auf freier Fläche wie beispielsweise im Wald, Park oder Feld einen Menschen direkt angreift ist geringer, als wenn es sich in einem Wohngebiet in die Enge getrieben und bedroht fühlt.“ Bei einer Begegnung mit dem Tier gelte es, genügend Abstand zu halten, die Polizei zu informieren und den Standort durchzugeben.

In Kleinmachnow waren bereits in der Nacht Hubschrauber im Einsatz. Am Donnerstagmorgen wirkte in der Kleinstadt laut einem dpa-Reporter alles völlig normal. Von der Suche nach einem gefährlichen Raubtier war kaum etwas zu merken. Radfahrer waren unterwegs, Spaziergänger mit Hunden, Menschen auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen. Auf Baustellen wurde gearbeitet.

Menschen bleiben in Häusern



Eine Sprecherin der Gemeinde sagte am Morgen, die Kitas in Kleinmachnow seien geöffnet, die Kinder dürften aber nicht raus in den Garten. Auch das Rathaus bleibe geöffnet. Den Händlern am Markt sei empfohlen worden, keine Stände aufzubauen. „Es sind kaum Leute da“, sagte die Sprecherin.

Eine Sprecherin des Landkreises Potsdam-Mittelmark sagte, es seien eine Tierärztin und zwei Jäger mit Waffen mit vor Ort. Wenn man das Tier finde, werde entschieden, ob man mit Betäubung arbeite oder es erschießen müsse. Die Suche nach dem Raubtier sei eine große Herausforderung.

− dpa/afp/nb