Experte erklärt das Vorgehen
Erkennungsdienst der Polizei: Dem Täter auf der Spur

27.03.2022 | Stand 23.09.2023, 2:12 Uhr
Horst Richter

Jede noch so winzige Spur wird akribisch gesichert. Foto: Richter

Von Horst Richter

Ingolstadt – Polizeiintern sprechen sie kurz vom „ED“. In Fernsehkrimis auch von der „Spusi“, nicht zu verwechseln mit dem bairischen Wort „Gspusi“ für eine Liebschaft. Gemeint ist der Erkennungsdienst oder die Spurensicherung bei der Kriminalpolizei. Hätten diese Spezialisten heute mit einem Sechsfachmord wie einst in Hinterkaifeck zu tun, wären die Chancen für den Täter, ungeschoren wegzukommen, sehr gering.

Denn die Spürnasen wissen genau, wo sie was suchen müssen, um Verbrechen aufzuklären. „Was wir sichern, ist objektiv“, erklärt Stephan Ertl, Chef des Erkennungsdienstes bei der Kripo Ingolstadt. Der Kommissariatsleiter erläutert uns, wie ein Mordfall heutzutage angegangen wird. Meist erscheint zunächst die uniformierte Polizei, wenn ein Mordopfer gefunden wird. „Sie ist darauf geschult und trägt Sorge dafür, dass keiner mehr in den Tatortbereich gelangt“, sagt Ertl. Die Kollegen würden zudem die Personalien von allen Anwesenden festhalten, wichtig für weitere Ermittlungen. So lasse sich später nachvollziehen, welche Spuren von „berechtigten Personen“ stammen, etwa vom Notarzt oder Rettungssanitäter.

Nun kommt der Kriminaldauerdienst (KDD) ins Spiel, das Rund-um-die-Uhr-Team der Kripo. „Der KDD beginnt mit der Dokumentation des Tatorts, alles wird fotografisch festgehalten.“ Er würde zudem dafür sorgen, dass unwiederbringliche Spuren bis zum Eintreffen des Erkennungsdienstes nicht verloren gehen. „Das kann ein Blutstropfen sein, der bei einem Tatort im Freien vom einsetzenden Regen weggewaschen würde.“ Jedes noch so winzige Detail sei wichtig. „Heute reicht viel weniger Material aus, um ein DNA-Gutachten zu erstellen.“ Nichts bleibt unbeachtet.

Mit Eintreffen des Erkennungsdienstes startet eine systematische Aufarbeitung des Tatorts oder der Leichenfundstelle. Vermummt in Schutzanzügen samt Kapuzen und mit Masken, Schuhüberziehern und Handschuhen geht die Arbeit voran – keine eigene DNA soll die Spuren verfälschen. „Wir dokumentieren noch mal alles und machen ein Video – ein Bild sagt mehr als 1000 Wort“, erklärt Ertl. Mit Klebebändern werden winzigste Teile gesichert, ob nun Haare, Hautschuppen oder sogar Nasenpopel. Bei der Spurensuche geht es nicht nur um DNA-Material: „Fingerabdrücke sind nach wir vor ganz wichtig“, sagt der ED-Leiter. Aber auch Stofffasern, Schuhsohlen- und Reifenabdrücke, etwaiger Werkzeugstaub, einfach alles. Alle Gegenstände werden zur Überprüfung erfasst, wie auch sämtliche Datenträger, vom USB-Stick über das Mobiltelefon bis zum Computer.

Die Blutverteilung an Wand und Boden ist bei Gewalttaten ebenso bedeutsam: „Die Spritzer geben Aufschluss darüber, wie zum Beispiel ein Schlag geführt wurde“, sagt Ertl. Die Tatortarbeit kann viele Wochen dauern – und wenn alles gut läuft, ist sie der Schlüssel zur Überführung des Mörders.

DK