Auszeit mit Hindernissen
Auf und davon: Zwei Tage im Sattel durch die Hallertau

Wie die Wege im Pfaffenhofener Wald und sympathische Menschen den Ritt in die Einsamkeit stören

28.10.2023 | Stand 28.10.2023, 15:10 Uhr

Abenteuer in der Hallertau: Die Sonne kämpft sich durch die Wolken, unsere Reporterin kämpft sich mit ihrer Araberstute durch das verwirrende Wegenetz der Wälder im Landkreis Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen. Foto: Brenner

Für zwei Tage und eine Nacht ist unsere Reporterin mit ihrer Vollblutaraberstute Laila in den Landkreisen Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen unterwegs gewesen. Sie wollte nur eins: Einfach mal alleine sein. Doch das verwirrende Wegenetz im Wald und die viel zu freundlichen Menschen kamen ihr dabei in die Quere. Ein Erfahrungsbericht.

Verbandszeug, Schlafanzug, Zahnbürste, Müsliriegel und ein Softcover-Roman: Mehr kommt nicht in die Packtaschen für die kommenden zwei Tage, denn als Mutter von Zwillingen im Alter von zwei Jahren will ich das, was alle Mütter von Zwillingen im Alter von zwei Jahren wollen: Einfach mal alleine sein. Klingt jetzt irgendwie asozial, doch eine Erkenntnis, die sowieso alle Reiter (egal ob mit oder ohne Kind) früher oder später teilen, ist folgende: Es gibt nichts Schöneres, als Zeit mit seinem Pferd zu verbringen. Und zwar nur mit seinem Pferd. Denn Pferde erzählen einem nichts von ihren Alltagsproblemen, von denen jeder ja selbst genug hat. Sie lästern auch nicht über ihre Stallkumpanen. Wenn ihnen etwas nicht passt, drücken sie das mit einem gut platzierten Biss in die Kruppe ihres Gegenübers aus. Ein Grund wahrscheinlich, weshalb Pferde wiederum ganz gerne Zeit mit Menschen verbringen – Das Herdenleben ist eben auch kein Ponyhof.

Der Heilige Gral der Wanderreiter



Die Strecke nach Gerolsbach ist wie der Heilige Gral für Wanderreiter. Hufeisen sind überflüssig, denn jeder von mir vorher auf der Wander-App markierte Pfad ist so, wie ich es nicht zu wünschen gewagt habe. Sanft aufsteigende oder abfallende Graswege wechseln sich mit erdigen Waldpfaden ab, auf die hin und wieder das Laub herabrieselt. Es ist weder zu kalt noch zu warm. Laila drängt motiviert voran, wenn ich an etwas denke, reagiert sie, als hätte sie es selbst gerade gedacht.
Wir sind so leise, dass der Wald laut werden kann. Das Singen der Vögel, das Rauschen des Windes, sogar das Knirschen alter Baumstämme nehme ich so deutlich wahr, als hätte ich vor dem Ritt ein Halizugen eingeworfen. Irgendwo im Wald machen wir Rast. Laila schaut mir entspannt beim Picknicken zu, als wären wir zuhause.

Wo sind wir hier eigentlich? Ver (w) irrt im Wald der tausend Wege



Nach der Pause kommen wir an eine Weggabelung, die mich zum ersten Mal stutzig macht. Zwei identisch aussehende Wege, beide führen leicht nach links. In meiner Karte ist aber nur einer eingezeichnet. Natürlich wähle ich den falschen. Mein Pferd geht schnellen Schrittes zurück, es ist ja nicht das erste Mal, dass ich orientierungsmäßig versage. Leider auch nicht das letzte. Wie Irrlichter tauchen an jeder Weggabelung nicht eingetragene Wege auf. Es beginnt ein Lottospiel im Wald, bei dem ich zuverlässig daneben tippe. Einmal müssen wir vier falsche Wege zurückgehen, bis wir (also ich) endlich den richtigen finden. Zu diesem Zeitpunkt ist auch Laila nicht mehr entspannt. Weil wir ein Team sind, wechseln wir uns mit dem Maulen ab. Wenn ich wild fluchend Kaninchen erschrecke, geht sie eisern weiter. Wenn ich mich zusammenreiße, schnaubt sie in dem ihr eigenen langgezogenen Ton, als wolle sie mich mittels eines Misstrauensvotums von der Herdenführung abziehen.

Verdammte Freundlichkeit



Am späten Nachmittag finden wir wieder aus den Wäldern heraus und kommen in Gerolsbach an. Auf dem Reiterhof Eulenthal, einem angenehm aus der Zeit gefallenen Betrieb zwischen Hügeln und Wäldern, auf dem sich die Aktivitäten noch nach dem Tageslicht richten. Ich stelle Laila in ihren Paddock, gebe ihr Kraftfutter, Heu und eine ausgedehnte Fellpflege. Dann hole ich mein Buch aus der Packtasche, setze mich auf eine Bank in die Sonne und atme tief durch. Endlich allein.
Bis auf die Frau, die über den Hof spaziert und immer mal wieder freundlich zu mir rüberschaut. Mist. Sie sieht wirklich nett aus. So nett, dass sie mich gar nicht anspricht, weil ich ja das Buch lese. Nach 20 Zeilen überwiegt die Neugier. Sie ist die Oma einer Reitschülerin und weiß gar nichts über Pferde, will aber alles wissen. Die nächste Stunde lauscht sie gebannt meinen Ansichten zu Herdenhaltung, Pferde-Fitness oder Reitkunde und stellt zwischendurch Fragen, die zeigen, wie genau sie mir zuhört.

Kurz vor dem Schlafengehen habe ich dann doch noch Zeit für mein Buch. Ich komme etwa zwei Seiten weit, bevor mir die Augen zufallen.
Für das Frühstück am nächsten Morgen hat mich meine Gastgeberin in ihre Wohnung eingeladen, und zwar nach der Pferdefütterung (bei Dämmerung) und vor dem Tierarztbesuch. Wir reden über Pferde, Pferde und speziell mein Pferd, das sie wunderschön findet. So wie ich unser Gespräch. Ich verspreche wiederzukommen und sie lässt mich – „später einfach die Tür zuziehen“ – allein in ihrer Wohnung mit selbstgemachter Marmelade und frischem Kaffee, weil man das eben so macht unter Reitern.
Auf dem Rückweg, zwischen Hügeln, Einöden und Waldrändern, komme ich da an, wo ich hinwollte. An einem Ort, den alle Reiter, die eine Verbindung zu ihrem Pferd haben, hin und wieder finden. Ich finde ihn, als Laila am langen Zügel irgendwo im nirgendwo einen Hügel hochgaloppiert. Es ist der Ort, an dem es keine Rolle spielt, wo wir sind oder wohin wir gehen. Weil nur noch die Bewegung zählt, ihre und meine, die längst zu unserer wurde, und die Sonne, die auf meinen Rücken scheint.