Donnerstag, 20. September 2018
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Zahlungsmittel und Botschafter eines Landes

erstellt am 13.07.2018 um 18:29 Uhr
aktualisiert am 21.07.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Nicht jeder Euro gleicht dem anderen. Alle Länder der Euro-Zone haben eigene Münzen mit identitätsstiftenden Motiven. Doch neben den klassischen Prägungen existieren Dutzende Gedenkmünzen. Es handelt sich nicht um Sammlerstücke, sondern um reguläres Geld. Wer designt die Münzen? Welche Bedeutung wird ihnen beigemessen? Und wo ist Helmut Schmidts Zigarette?
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Selten und doch schon oft gesehen: Zwei-Euro-Gedenkmünzen sind inzwischen in hundertfacher Ausfertigung in Umlauf. Einige haben in Deutschland regelrechten Kultstatus – darunter die Gedenkmünze für Altkanzler Helmut Schmidt oder der bayerische Beitrag zur deutschen Bundesländer-Serie mit dem Abbild von Schloss Neuschwanstein.
Wagner/dpa
Mit  großer Sicherheit hatte  schon  jeder eine   in der Hand.  Inzwischen gibt es unzählige  davon. Herrlich glänzend  kommen  diese besonderen  Stücke  daher.  Zwei-Euro-Gedenkmünzen sind   ein echter  Hingucker im  Portemonnaie.  Einfach in den     Parkautomaten werfen kann   da  richtig wehtun – auch wenn es sich technisch betrachtet  um einfache Münzen im Nennwert von zwei Euro handelt.
 
Bis  eines der edlen Stücke  den Weg in  europäische Geldbeutel  antritt,  ist    allerdings allerhand  Planung   notwendig. Die  Macher  der deutschen Zwei-Euro-Gedenkmünzen sitzen   in Berlin.  Über die    abgebildeten Themen   entscheidet  übrigens der Bundesfinanzminister – in  Abstimmung mit der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.  Für 2019  beispielsweise ist laut der Deutschen Bundesbank eine Münze zum  Thema Bundesrat vorgesehen. „Nach Festlegung des Themas wird zur Erlangung des konkreten Motivs  ein künstlerischer Gestaltungswettbewerb durchgeführt“,       sagt ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums auf Anfrage.  
 
Der Kreativität der Designer ist dabei keine Grenze gesetzt. Eine  Jury bestimmt schließlich, wer das beste Motiv geliefert hat.  Dem siebenköpfigen Gremium gehören unter anderem  Künstler und  Numismatiker  sowie ein sogenannter Vertreter des Ereignisses an. Im Falle der  Gedenkmünze für  Helmut Schmidt war dies etwa Susanne Schmidt, die Tochter des Altkanzlers und seiner Frau Loki. Hitzig debattiert wurde, warum der bekennende Kettenraucher auf seiner Münze trotz eindeutiger Haltung keine Zigarette zwischen den Fingern klemmen hat. Laut Ministerium   alles   nur ein Missverständnis: „Das Münzmotiv stellt ihn  nicht in Raucherhaltung, sondern in einer für ihn  – auch ohne Zigarette  –  typischen Haltung dar: im Dialog mit seinem Gegenüber.“ Auch Schmidt-Tochter Susanne habe dies bei der Auswahl des Siegerentwurfs hervorgehoben.
 
Nun   ist die  Haltung des Altkanzlers vielleicht in Deutschland  belächelt worden,  EU-weit  gab sie  aber  keinen  Anlass für  Debatten. Damit  ein Motiv nicht tatsächlich   peinlich ist oder   anderen  in der Euro-Zone     die Zornesröte ins Gesicht treibt,  muss es letztlich  noch durch die strenge Kontrolle des EU-Rates. Moralisch fragwürdige  oder  beleidigende  Entwürfe  gilt es unbedingt zu verhindern.  Brüssel will   mit   den     besonderen Stücken  schließlich neben der nationalen Verbundenheit    eine „Stärkung der europäischen Identität“  bezwecken,  so das Finanzministerium. 
 
Ein gutes Beispiel  ist  die   Bundesländer-Serie, die seit 2006 in Deutschland  ausgegeben wird. „Sie bringt einerseits den Bürgerinnen und Bürgern Europas den föderalen Aufbau unseres Landes näher und stärkt andererseits die Verbundenheit der Deutschen zu ihrem Land“, teilt  das Ressort von SPD-Minister Olaf Scholz  auf Anfrage mit. Die  Bedeutung der  Münzen scheint vom Ministerium überaus hoch bewertet zu werden. „Die deutschen  Gedenkmünzen sind   Ausdruck des historischen und kulturellen Selbstverständnisses unseres Landes “,   lautet die Einschätzung. Als gesetzliches Zahlungsmittel  seien sie   „geprägte Zeitzeugen und prägende Botschafter der Bundesrepublik“. 
 
Die allermeisten Bundesbürger kommen durch die erwähnte Bundesländer-Serie   mit Zwei-Euro-Gedenkmünzen in Berührung.  Es kommt nicht selten vor, dass eines der Stücke den Weg aus  dem Geldbeutel in   eine Schublade findet – wo sich dann nach und nach  die Bundesländer in Form von Münzen mit Motiven wie der Paulskirche, dem Holstentor oder Schloss Neuschwanstein  versammeln.   Auch in anderen  Staaten der Euro-Zone lassen so Hobbysammler permanent Geldstücke aus dem  Kreislauf verschwinden. Auf welchen Wert sich das summiert, konnten   auch die Experten  des Ministeriums oder  der Bundesbank nicht beantworten.
 
Das Sammeln von Münzen ist auch für Josef Schönwetter  ein  großes Thema. Er ist Numismatiker mit ganzem Herzen (siehe Interview). Der Eichstätter  befasst sich   mit  Heimatmünzen – etwa bayerischen Geschichtstalern, die  unter Ludwig I und Maximilian II   Joseph  herausgegeben worden sind. Doch Schönwetter kann sich   durchaus für    Zwei-Euro-Gedenkmünzen  erwärmen.   Was ihn  aber stört,  ist die  Ausgabepraxis der Bundesrepublik.  „Die Franzosen  etwa bringen wesentlich mehr unterschiedliche Gedenkmünzen in Umlauf  als  die Bundesrepublik – dafür  in niedrigerer Auflage“, erklärt er. „Für einen Sammler ist es wesentlich attraktiver, diese Münzen zu sammeln, als die  immer  millionenfach vorhandenen deutschen Prägungen“, so  der Experte. Zudem seien die deutschen Motive   zwar oft  nicht   hässlich, aber  relativ plump.  
 
Nun lässt sich über  Fragen  des  Geschmacks bekanntlich nicht streiten. Aber die  Ausgabe der  Gedenkmünzen ist  tatsächlich bis  ins kleinste Detail  in der EU-Verordnung   geregelt. So darf jedes  Land  der Euro-Zone im Normalfall bis zu zwei  neue Münzen jährlich auflegen.  Eine Ausnahme wird gemacht,  wenn alle  19  Euro-Länder gemeinsam eine Prägung  ausgeben. Die Bundesregierung hat jedoch beschlossen, nur eine Gedenkmünze  pro Jahr zuzulassen – zum Leidwesen der Hobbysammler.
 

Numismatik

 
Bei der Numismatik handelt es sich um weit mehr als nur ein Hobby. Der Begriff wird auch und vor allem für Münzsammler verwendet.  Eigentlich verbirgt sich dahinter   aber eine  eigenständige wissenschaftliche Disziplin, die auch als Münzkunde bezeichnet wird.   Es geht kurz umschrieben um die Erforschung von Geld  sowie dessen Geschichte. Wann kam eine bestimmte Münze auf und zu welchem Anlass? Und aus welchen Materialien  haben die Zahlungsmittel in früheren Zeiten bestanden? Neben Münzen schließt die Numismatik auch Papiergeld, Medaillen oder Jetons ein.  In vielen größeren Städten gibt es teils sehr umfangreiche Sammlungen  zu bestaunen. Zu den bedeutendsten zählen jene in St. Petersburg, London sowie Berlin. Auch in  der Landeshauptstadt München existiert eine staatliche Münzsammlung.
 

Interview mit Josef Schönwetter

 
Josef Schönwetter.
privat
Josef Schönwetter, Vorsitzender der Eichstätter Münzfreunde, über Sammelleidenschaft, besondere Euros und wirklich seltene Stücke
 
Herr Schönwetter, was  reizt Sie  an der Numismatik?
Josef Schönwetter: Der Reiz liegt in der Geschichte, die dahinter steckt. In den Münzen, mit denen man sich befasst, spiegeln sich immer auch besondere Ereignisse oder Personen wider – und eben, was in der Zeit der Prägung passiert ist.

Wenn es um Geschichte geht, ist also selbst die D-Mark heute ein begehrtes Sammlerobjekt?
Schönwetter: Jeder Sammler sollte sich  einen  Bereich suchen,  in dem er  dann sammeln möchte. Die Deutsche Mark ist ein abgeschlossenes Sammelgebiet und zudem noch für jeden Geldbeutel erschwinglich. Von daher  gibt  es  natürlich viele D-Mark-Sammler.

Was muss man für ein sehr gut erhaltenes Mark-Stück zahlen?
Schönwetter: Es gibt wertvolle Objekte  – etwa die alten Zwei-Mark-Stücke mit den Ähren darauf. Für so eines kann man auch mal 20 oder sogar 30 Euro ausgeben. Aber ein ganz normales Mark-Stück bekommen Sie bereits  für einen Euro.

Da wir beim Euro angekommen sind: In der gesamten Euro-Zone werden jedes Jahr sogenannte Zwei-Euro-Gedenkmünzen aufgelegt. Jeder hatte schon eine im  Geldbeutel. Sind sie am Ende schon für Sammler attraktiv?
Schönwetter: Da gibt es himmelweite Unterschiede. Mit dem Vatikan, Monaco oder San Marino haben wir Kleinstländer in der Euro-Zone, die sehr kleine Auflagen ihrer Gedenkmünzen in Umlauf bringen. So eine werden Sie nur selten im  Portemonnaie finden. Und diese Stücke können durchaus  für Sammler von Wert sein. Solche Münzen kosten heute bereits mehrere Hundert Euro.  Einige Euro-Länder geben ihre Sondermünzen in deutlich größerer Stückzahl aus. Von Deutschland  wurde  beispielsweise die  wohl bekannte Bundesländer-Serie  aufgelegt.  Das ist eigentlich sehr schön und  ein nettes Sammelgebiet – aber es ist und bleibt eben Massenware.

Wenn Sie eine wertvolle Münze aus dem unendlichen Fundus an Zwei-Euro-Gedenkmünzen nennen müssten: Welche käme Ihnen spontan in den Sinn?
Schönwetter: Ich glaube, die teuerste Zwei-Euro-Gedenkmünze kommt aus Monaco und zeigt Fürstin Gracia Patricia. Die ist sehr selten und eine der beliebtesten Euromünzen unter Sammlern. Das hängt  natürlich auch damit zusammen, dass Grace Kelly eine berühmte Persönlichkeit  war. Bei den meisten Sammlern ist es  letztlich so, dass sie ein bestimmtes Gebiet haben. Einige sammeln  nur Gebäude. Andere haben es  auf Ereignisse  oder Daten abgesehen. Und wieder andere sammeln vor allem Münzen, die  berühmte Personen zeigen.

Vor diesem Hintergrund: Kaum eine Münze wurde zuletzt derart debattiert wie die Zwei-Euro-Gedenkmünze für Alt-Kanzler Helmut Schmidt. Was halten Sie vom rauchfreien Kanzler?
Schönwetter: Es kann gut sein, dass diese Münze  an Wert zulegt. Dass Helmut Schmidt nicht rauchen darf, ist aber kein numismatischer Aspekt, sondern ein gesellschaftlicher. 

Nun ist  Helmut Schmidts   fehlende Zigarette wohl Absicht und weit   weg von einer Fehlprägung. Haben echte Fehlprägungen  besonderen Reiz?
Schönwetter: Das ist ein Thema für sich. Hier muss man  die Frage stellen, was überhaupt eine Fehlprägung ist. Wo beginnt   eine fehlerhafte Prägung einer Münze  und wo ist vielleicht   nur das Motiv nicht  mittig. Die wohl berühmteste deutsche Fehlprägung ist  das 50-Pfennig-Stück  von 1950. Da wurde mit einem Stempel gearbeitet, der  nicht mehr hätte verwendet werden sollen. Davon gibt es nur 30 000 Stück. Das ist eine nicht gewollte Prägung. Aber ob  das  wirklich  eine Fehlprägung ist...

Zurück zu Zwei-Euro-Gedenkmünzen: Erwischen Sie sich dabei, dass Sie als Numismatiker auch mal eine  aufheben, einfach weil sie  schön aussieht?
Schönwetter: Aber natürlich. Es kommt schon vor, dass ich eine Münze mit einem tollen Bauwerk entdecke und aufhebe, als Erinnerung etwa. Aber mit Münzensammeln hat das  dann doch wenig zu tun.

Aber für Interessierte kann das der Einstieg in Ihr Hobby sein?
Schönwetter: Das ist ein idealer Einstieg. Es gibt inzwischen sehr viele unterschiedliche dieser Zwei-Euro-Münzen und bezahlbar sind sie obendrein.
 
Das Gespräch führte Christian Tamm.
 
 
Christian Tamm
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