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90 Festnahmen bei internationaler Razzia gegen die Mafia

Wiesbaden/Rom
erstellt am 05.12.2018 um 17:13 Uhr
aktualisiert am 12.12.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
In den frühen Morgenstunden schlagen die Ermittler zu, auch in Deutschland. Im Visier: die mächtige Mafia-Organisation 'Ndrangheta. Dutzende mutmaßliche Mitglieder werden gefasst.
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Razzia in Pulheim
Polizisten verlassen das Wohnhaus eines Italieners in Pulheim: Bei den großangelegten Razzien waren 440 Beamte beteiligt.
Oliver Berg
Wiesbaden/Rom

Bei groß angelegten Razzien gegen die italienische Mafia-Organisation 'Ndrangheta haben Ermittler in Deutschland und anderen Staaten fast 90 Verdächtige festgenommen. Bei den Vorwürfen geht es um Drogenhandel, vor allem mit Kokain, und Geldwäsche.

In Deutschland werde im Rahmen der Operation gegen 47 Beschuldigte ermittelt, erklärte der Leitende Oberstaatsanwalt von Duisburg, Horst Bien, am Mittwoch. Die kalabrische 'Ndrangheta gilt als mächtigste italienische Mafia-Organisation. Sie dominiert den Drogenschmuggel nach Europa und ist auch in Deutschland aktiv.

Bien zufolge wurden vor allem in Nordrhein-Westfalen Vermögenswerte von mehreren Millionen Euro vorläufig beschlagnahmt. Mutmaßlicher Haupttäter in NRW ist ein Gastwirt aus Pulheim bei Köln. An den Durchsuchungsaktionen in Deutschland waren rund 440 Beamte von Bundeskriminalamt (BKA) und Bundespolizei beteiligt.

Das BKA nahm Mittwoch 14 Personen in Deutschland fest, sechs davon wegen Haftbefehlen aus Italien, Belgien und den Niederlanden. Bei den Durchsuchungsmaßnahmen wurden größere Mengen Bargeld und Autos, die mutmaßlich als Kurierfahrzeuge für den Drogenschmuggel genutzt wurden, sichergestellt.

Eurojust-Vizepräsident Filippo Spiezia bezeichnete die Operation unter dem Decknamen „Pollino“ - das ist der Name eines Nationalparks in Süditalien - als „außerordentlichen Erfolg“. Sie sei die bisher umfangreichste ihrer Art in Europa . Um die Aktion vorzubereiten, arbeiteten Strafverfolgungs- und Justizbehörden seit 2016 im Rahmen einer grenzüberschreitenden Ermittlungsgruppe (GEG) zusammen. Sie wurden dabei unterstützt von Eurojust, der EU-Agentur für justizielle Zusammenarbeit der EU, und Europol in Den Haag.

Im Laufe der Ermittlungen wurden europaweit fast 4000 Kilogramm Kokain und beträchtliche Mengen anderer Betäubungsmittel beschlagnahmt. Die niederländische Nachrichtenagentur ANP berichtete, der größte Teil davon (3500 Kilo) sei im März im Hafen von Rotterdam beschlagnahmt worden. Das BKA geht nach eigenen Angaben dem Verdacht nach, dass die `Ndrangheta fast eine halbe Tonne Kokain oder sogar noch mehr nach Deutschland geschmuggelt hat.

In Deutschland durchsuchte die Polizei am Mittwoch nach Angaben der Kölner Ermittler zunächst 23 Objekte in NRW, außerdem vier weitere in Berlin und vier in Thüringen. Das BKA berichtete später, Beamte des BKA und der Bundespolizei, darunter auch die Spezialeinheit GSG9, seien an 65 Wohnungen oder anderen Objekten mit Schwerpunkten in Nordrhein-Westfalen und Bayern gewesen.

Auch im belgischen Verviers und an zwei Objekten auf Mallorca gab es Aktionen. Laut Eurojust fand ein Einsatz auch in Surinam statt, einem kleinen Staat an der Nordostküste Südamerikas, sowie in Luxemburg.

Auf die Spur der mutmaßlichen Mafia-Mitglieder kamen die deutschen Ermittler nach eigenen Angaben durch den Fund von Kokain in einem präparierten Pferdetransporter. Der Transporter sei vor zwei Jahren im britischen Fährhafen Harwich sichergestellt worden.

BKA-Vizepräsident Peter Henzler sagte in Wiesbaden, das Rauschgift sei nach Erkenntnissen der Ermittler in Containern von Südamerika in europäische Häfen transportiert und dann in kleineren Mengen von 10 bis 20 Kilo mit präparierten Fahrzeugen nach Deutschland und Italien geschafft worden. „Die Erlöse aus diesem Rauschgifthandel wurden investiert, wurden gewaschen“ - überwiegend in Italien, in Immobilien, insbesondere in Restaurants, erläuterte Henzler. „Hier in Deutschland ist bislang nicht festgestellt worden, dass in Immobilien investiert wurde, aber wir sind ja noch mitten in den Ermittlungen.“

In Deutschland dienten Henzler zufolge Restaurants und Eiscafés als logistische Basis, um Personal halten und austauschen zu können. Das BKA und die Polizeien der Länder gehen von etwa 600 aktiven Mafia-Mitgliedern in Deutschland aus, am stärksten vertreten sei die 'Ndrangheta.

Kurierfahrzeug
Ein sichergestelltes Kurierfahrzeug der Mafia mit eingebautem Versteck unter den Rücksitzen.
Silas Stein
Wiesbaden/Rom
Razzia gegen italienische Mafia
Polizisten in einem Eiscafé im Citypalais in der Duisburger Innenstadt.
Christoph Reichwein
Wiesbaden/Rom
Razzia
Polizisten in einem Eiscafé in der Duisburger Innenstadt.
Christoph Reichwein
Wiesbaden/Rom
Osteria in Pulheim
Der Besitzer einer Osteria in Pulheim gilt als mutmaßlichen Haupttäter. Ihm wird unter anderem Kokainhandel vorgeworfen.
Oliver Berg
Wiesbaden/Rom
Festnahme
Bei einem Schlag gegen die Mafia hat es mehrere Festnahmen gegeben.
Paul Zinken/Symbolbild
Wiesbaden/Rom
Polizisten im Eiscafé
Polizisten in einem Eiscafé in Duisburg: Insgesamt sind bundesweit 65 verdächtige Objekte durchsucht worden.
Christoph Reichwein
Wiesbaden/Rom
Morde in Duisburg
Die Mafia-Morde von Duisbur'Ndrangheta gehen.
Oliver Berg
Wiesbaden/Rom
Morde in Duisburg
Im August 2007 waren vor einer Duisburger Pizzeria sechs Menschen erschossen worden. Ein Streit zwischen dem Pelle-Vottari-Clan und dem Strangio-Nirta-Clan war der Auslöser für die Bluttat.
Federico Gambarini
Wiesbaden/Rom
dpa
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