Montag, 17. Dezember 2018
Lade Login-Box.

"Eine generelle Unzufriedenheit"

Neuburg
erstellt am 07.12.2018 um 21:04 Uhr
aktualisiert am 15.12.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Neuburg (DK) Der Franzose Yannick Willemin wohnt in Neuburg und blickt kritisch auf die Verhältnisse in seiner Heimat.
Textgröße
Drucken
Zu den schwersten Ausschreitungen seit Jahrzehnten kam es am vergangenen Wochenende in Paris. Nun befürchtet die Regierung eine weitere Eskalation der Proteste der ?Gelbwesten?.
Zu den schwersten Ausschreitungen seit Jahrzehnten kam es am vergangenen Wochenende in Paris. Nun befürchtet die Regierung eine weitere Eskalation der Proteste der "Gelbwesten".
Zihnioglu/dpa, privat
Neuburg
Herr Willemin, die französische Regierung hat die Öko-Steuer vorerst ausgesetzt.Trotzdem ist für diesen Samstag wieder eine große Demonstration angekündigt. Was ist dieses Mal anders?

Yannick Willemin: Bis jetzt war die Bewegung der "Gelbwesten" eine freie Bewegung, jetzt haben zum ersten Mal auch die Gewerkschaften aufgerufen mitzudemonstrieren. Das heißt, da kommt nochmal Masse dazu. Das bedeutet aber nicht automatisch mehr Chaos. Denn diese Organisationen sind aufs Demonstrieren spezialisiert, sie haben eigene Sicherheitswachleute und Brücken zur Polizei.


Die Pariser Regierung will trotzdem knapp 90.000 Sicherheitskräfte einsetzen.

Willemin: Ja, die Regierung befürchtet eine Eskalation gegenüber letzter Woche, weil der Protest jetzt ein anderes Niveau erreicht hat. Es geht nicht mehr nur um die Öko-Steuer. Egal was die Regierung jetzt macht, es wird nicht allen recht sein. Im Land herrscht eine generelle Unzufriedenheit und dementsprechend ist die Bewegung nicht mit der Rücknahme der Öko-Steuer beendet.


Die Ausschreitungen letzte Woche waren die schwersten seit Jahrzehnten. Woher kommt diese Wut?

Willemin: Die Franzosen wissen, dass langfristig die Umweltthemen die ganze Welt einholen. In die Umsetzung der Pariser Klimaziele wurden viele Ressourcen gesteckt. Aber die Kommunikation mit den Bürgern war mangelhaft, die Menschen wurden nicht ausreichend mitgenommen. Das Klimathema ist ein Langzeitziel, aber man muss jetzt damit anfangen. Eigentlich sind wir sogar spät dran. Aber wenn die Leute nach zwei Wochen auf ihr Konto schauen und das Geld knapp wird, dann ist deren kurzfristiges Ziel, den Monat zu überstehen und ihren Lebensstandard zu halten. Dieses Ziel hat für viele Priorität gegenüber dem Ziel einer Reduzierung von CO2. Und jetzt hat sich das alles zugespitzt.


War die Erhöhung der Öko-Steuer der letzte Tropfen, der das Fass nun endgültig zum Überlaufen gebracht hat?

Willemin: Die Wahl von Emmanuel Macron hat bereits die große Unzufriedenheit der Franzosen mit dem System gezeigt. Das war ein Zeichen gegen das Establishment, das viele für abgehoben halten. Aber es war klar, dass er das Land reformieren wird. Das ist ein bisschen wie mit Gerhard Schröder in Deutschland, der musste auch unpopuläre Entscheidungen treffen. Jetzt gerade fokussieren sich die Menschen darauf, dass sie belastet, die Reichen aber gleichzeitig entlastet werden. Da wurde ganz schnell wieder der Vorwurf des abgehobenen Paris laut, das keine Ahnung vom echten Leben hat und was auf dem Land passiert.


Teilen Sie die Unzufriedenheit vieler Franzosen?

Willemin: Was in Frankreich schon lange ein Problem ist, ist die extreme Zentralisierung und die Macht des Präsidenten, er hat über alle Bereiche die Hoheit, fast wie ein König. Und er ist wie das Gegenteil von Donald Trump. Trump konzentriert sich extrem auf das Inland, Macron fokussiert sich zu sehr auf die internationale Szene, wo er gut ankommt. Darüber hat er ein bisschen die Franzosen vergessen, für viele geht alles auch einfach zu schnell. Die Konsequenz ist, dass die Franzosen ihre ganze Unzufriedenheit nun mit ihm verkörpern.


Waren vielleicht die Erwartungen an ihn so hoch, dass er sie gar nicht erfüllen konnte?

Willemin: Von den Kandidaten, die zur Wahl standen, hat er die Chance auf ein neues Frankreich am besten verkörpert. Ob die Franzosen bereit sind, so viele Änderungen zu akzeptieren, um langfristig ein anderes System aufzubauen, das ist das große Fragezeichen. Die Leute wissen, dass es Reformen braucht, aber wenn es dann so weit ist und den einzelnen trifft, dann gehen die Leute auf die Straße. Das ist in Frankreich etwas Kulturelles. Man möchte auf keine Privilegien verzichten, die man sich in der Vergangenheit erkämpft hat.
 
Zihnioglu/dpa, privat
Neuburg



Wie geht es jetzt mit der Bewegung weiter?

Willemin: Es wird interessant zu beobachten sein, ob sich jemand als Führungsfigur herauskristallisiert. Jede Revolution hat ihre Schlüsselfiguren gehabt und da stellt sich die Frage, ob es diese Figur geben wird, die dem Ganzen eine Richtung gibt. Das würde den "Gelbwesten" noch mehr Macht verleihen.


Wann hören die Proteste auf?

Willemin: Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Es kann auf einmal stoppen, es kann aber auch eskalieren. Wenn es Attacken auf Politiker gibt oder, wie von manchen gefordert, der Élysée-Palast angegriffen wird, dann kann die Situation kippen. Es kann aber auch sein, dass Macron das Parlament auflöst und Neuwahlen ausruft. Das hat Jacques Chirac auch schon einmal getan - in einer weniger kritischen Situation. Manche Leute erwarten auch, dass man eine neue Republik gründet, das Grundgesetz ändert und das ganze System des Hyperzentralismus in Frage stellt. Das sind politische Auswege, dann würden die Proteste sicherlich abebben. Die Regierung hofft darauf, dass es mit der Zeit ruhiger wird. Bis auf Weiteres ist das aber nicht ersichtlich, auch wenn jetzt Weihnachten vor der Tür steht und es Winter ist. Ich glaube, es braucht mehr, als nur für 2019 die Öko-Steuer auszusetzen.


Schüler und Studenten machen jetzt auch mit.

Willemin: Ja, im Mai 1968 war es auch so: Erst als die Jugend aktiv wurde, kam die nächste Stufe und die Bereitschaft, mehr Risiko einzugehen.


Die Rücknahme der Steuer ist bereits ein gewaltiger Erfolg.

Willemin: Die Regierung ist jetzt eingeknickt, das beflügelt manche, für die Rücknahme anderer Gesetze zu demonstrieren. Die Leute testen, wie weit Emmanuel Macron von seinem bisherigen Kurs abweicht. An diesem Punkt sind wir gerade. Die Menschen wissen, dass die Politik Angst vor der Bewegung der "Gelbwesten" hat. Und das verleiht ihnen Macht und Einfluss.


Halten Sie die grundsätzliche Richtung, die Emmanuel Macron eingeschlagen hat, um das Land zu reformieren, für richtig?

Willemin: Rein ökonomisch auf jeden Fall. Das kann man leicht berechnen, allein demographisch lässt sich der Sozialstaat nicht ewig so weiterführen. Da müssen wohl Einbußen hingenommen werden. Aber dann sagt die untere Mittelschicht, die sich wirklich durchs Leben kämpft, zu Recht: Warum müssen wir überproportional leiden, warum kann man das nicht auf alle Schultern verteilen? Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. DK

Das Gespräch führte Verena Belzer.
 

Zur Person

Yannick Willemin ist in Paris aufgewachsen. Mittlerweile lebt der 33-jährige Franzose mit seiner Frau und seinem Sohn in Neuburg.
Verena Belzer
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!