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Sturzflug in den Tod

Langenbruck
erstellt am 08.08.2018 um 20:30 Uhr
aktualisiert am 16.08.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Langenbruck (DK) Heute vor 50 Jahren verunglückte ein englisches Flugzeug bei Langenbruck und riss 48 Menschen in den Tod. Die Aufarbeitung des Absturzes dauert noch immer an, die Opfer bleiben unvergessen. Diesen Sonntag gibt es eine Gedenkfeier.
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Die Trümmer des Flugzeugs und die verstümmelten Leichen lagen auf einer Wiese neben der Autobahn (großes Bild). Schreiner Josef Pfab (links) war damals Augenzeuge des Unglücks.
Die Trümmer des Flugzeugs und die verstümmelten Leichen lagen auf einer Wiese neben der Autobahn (großes Bild). Schreiner Josef Pfab (links) war damals Augenzeuge des Unglücks.
Fotos: Wolf/Richter
Langenbruck
Josef Pfab ist noch ein Schulbub, als das Schreckliche passiert. Mit seinen damals zehn Jahren vermag er das ganze Ausmaß des Geschehens über Langenbruck im Kreis Pfaffenhofen zunächst gar nicht einzuschätzen. "Es waren Ferien, und ich bin am Nachmittag gerade daheim gewesen, als ich einen Flieger mit einem starken Brummen über unserem Grundstück gehört habe", erzählt er. Raus auf Rad und nachschauen, Gedanke und Umsetzung sind eins. Josef tritt in die Pedale, was die Beine hergeben, vorbei am Friedhof hinaus aufs freie Feld, wo die Sicht besser ist. Da erkennt er plötzlich eine Passagiermaschine - es handelt sich um eine Vickers Viscount 700, wie sich später herausstellt - in Richtung Agelsberg verschwinden. "Aber sie hat eine Schleife gedreht, ist zurück nach Langenbruck, steil runter und war weg."
 
Fotos: Wolf/Richter
Langenbruck


Der kleine Josef hört einen ohrenbetäubenden Knall. Der Bub dreht um, strampelt mit dem Rad zur Autobahn und steht dem puren Grauen gegenüber. Noch heute, 50 Jahre später, bebt seine Unterlippe, wenn er weitererzählt. Die Maschine ist abgestürzt, in Tausende Teile zerborsten, 48 Menschen sterben in den Trümmern. Ein paar Langenbrucker sind bereits am Unglücksort, als Josef Pfab eintrifft. "Sie wollten mich und andere Kinder wegstampern, aber ich bin trotzdem hin. An der Böschung zur Autobahn ist ein riesiger Trümmerhaufen gelegen. Dann hab' ich es gesehen?" Der heute 60-jährige Schreinermeister stockt, ringt nach Worten. "Das war so grausam." Wieder schweigt er, um das Unfassbare dann auszusprechen: "Arme, Beine, Körper, überall sind die menschlichen Körperteile herumgelegen." Selbst im Hopfengarten nebenan hängen sie. Pfab schüttelt sich. "Ich hab' es eigentlich gut verkraftet", glaubt er. Aber wenn er daran denkt, ist alles wieder da, als wäre es erst gestern passiert.
Eine Aufschrift auf dem Kreuz beim Pendlerparkplatz von Langenbruck unweit des Absturzorts erinnert an das Unglück vor 50 Jahren. Beim Aufprall hatte es die Maschine in sämtliche Einzelteile zerlegt.
Eine Aufschrift auf dem Kreuz beim Pendlerparkplatz von Langenbruck unweit des Absturzorts erinnert an das Unglück vor 50 Jahren. Beim Aufprall hatte es die Maschine in sämtliche Einzelteile zerlegt.
Fotos: Richter/Wolf
Langenbruck






Auf einer Wiese liegt ein abgerissener Frauenarm, die Armbanduhr zeigt 15.10 Uhr, 40 Minuten lang hat sie nach dem Absturz noch getickt. Die Passagiermaschine, eine viermotorige Turboprop, ist um 11.37 Uhr in London gestartet, an Bord zahlreiche junge Menschen, viele gehören einem Wanderverein in Liverpool an. Der Flug soll nach Innsbruck gehen. Doch der geplante Urlaub endet in einer Katastrophe. Über Norddeutschland geht es Richtung Bayern, nach zwei Stunden erreicht das Flugzeug den Münchner Raum, der Pilot meldet sich bei der Leitstelle an. Dann bricht der Funkkontakt ab, offenbar gibt es technische Probleme. Der Pilot kämpft in tief hängenden Wolken verzweifelt darum, die Maschine in der Luft zu halten, vergebens. Neben Josef Pfab erleben viele andere Augenzeugen rund um Langenbruck die Tragödie, bis das Flugzeug im Sturzflug auf der A9 aufschlägt und die Trümmer sich verteilen. Feuer und Rauch steigen auf, eine gespenstische Szene. Fachleute schließen einen Sabotageakt wenige Tage später "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" aus. Laut offiziellem Bericht waren Elektrik, Funk und Navigationssystem ausgefallen, wie angeblich bereits zwölf Mal zuvor. Der steile Sinkflug des Kapitäns - um wieder Sicht zu bekommen - hatte die Maschine physikalisch überfordert, beide Tragflächen brachen ab und besiegelten das Schicksal von 48 Menschen.
 
Fotos: Richter/Wolf
Langenbruck



Der ehemalige Bundeswehrsoldat Heinz Wolf, viele Jahre lang Mitarbeiter dieser Zeitung, schoss damals ebenso beeindruckende wie bedrückende Fotos vom Unglück. "Nach Dienstschluss hatte ich im Polizeifunk vom Absturz gehört", berichtet der heute 91-Jährige. Er, der Kriegsveteran, hat nie schlimmere Szenen erlebt. Ein Polizist nimmt ihn zum Absturzort mit, als er auf der Anfahrt im Stau festsitzt. "Die Szenen waren härter als jeder Fronteinsatz. Ich habe eine Arzt hilflos herumlaufen sehen, der hat gleich gesehen: Feierabend, da gibt es keine Hilfe." Nach und nach tauchen Schaulustige auf und bieten eine teils makabre Vorstellung - damals wie heute ein Ärgernis.
 
Fotos: Richter/Wolf
Langenbruck



Kein Motiv aus Wolfs Fotoserie wirkt jedoch nachhaltiger als das des Geistlichen, der inmitten von Rauch und Trümmern die Toten segnet. Pater Sebastian Redl befindet sich gerade auf dem Weg zu einer Hochzeit in Maria Eck bei Traunstein, als er wie Heinz Wolf im Stau feststeckt. "Da ist etwas passiert," sagt er sich, nimmt in böser Vorahnung heiliges Salböl und den Schirm und marschiert los. Inmitten des Grauens spendet er allen Toten, die er findet, den letzten Segen. Als später die Trauerfeier in Manching stattfindet, sitzt Pater Redl ganz vorne. Opfer-Angehörige lassen ihn später wissen, wie sehr sein Tun ihnen in der Trauer geholfen habe. Der Geistliche starb im Juni 2017 mit 81 Jahren. Die Leichen werden nach der Identifizierung in die Heimat überführt, was nicht zuzuordnen ist, kommt in ein Grab in Langenbruck.
 
Fotos: Richter/Wolf
Langenbruck



Paul O'Hara gehört zu denjenigen, die vor genau 50 Jahren mit dem Unfassbaren konfrontiert waren. Damals ist er gerade acht Jahre alt, doch der aus Liverpool stammende und heute in Edinburgh lebende Engländer erinnert sich noch genau: "Ich habe gleich sechs Verwandte verloren, neben meiner Großmutter Elizabeth auch meine Tante Eileen, meinen Onkel Peter, meine Cousinen Barbara und Veronica und meinen Cousin Brendon. Die Mädchen waren 11 und 14 Jahre alt, Brendon war erst 9. Wir sind an jenem Tag in Nordwales in den Ferien gewesen und haben zuerst gar nichts mitbekommen. Es war ein sonniger Tag, wir waren draußen am Strand und sind früh ins Bett. Am nächsten Morgen haben zwei Polizisten an der Tür geklopft und meiner Mutter diese schreckliche Nachricht überbracht", sagt Paul O'Hara.
 
Fotos: Richter/Wolf
Langenbruck



Um ein Haar wäre der heute 58-Jährige selbst unter den Opfern gewesen. "Obwohl meine Oma eine weitgereiste Frau war, hatte sie vor diesem Flug ein ungutes Gefühl. Sie hatte eine spirituelle Ader." Die Großmutter habe ihn mehrfach gefragt, ob nicht er, Paul, mit nach Innsbruck fliegen wolle. "Zum Glück habe ich es nicht getan." Der Engländer will an diesem Wochenende zu einer Gedenkfeier zu Ehren der Toten nach Langenbruck reisen. "Als Kind haben sie mich von der Bestattung in England ferngehalten, deshalb wird die Feier für mich eine nachgeholte Beerdigung sein."
Der Absturz direkt an der Autobahn beschäftigte neben der Polizei auch zivile Katastrophenschutzbehörden und die Bundeswehr (links). Veronica Hall (Mitte links) war 11 Jahre alt, als sie in Langenbruck ums Leben kam, ihre Cousine Barbara Hall (rechts) war 14. Auch ihr Cousin Brendon (9), eine Tante, ein Onkel und ihre Oma starben. Das Bild von Pater Redl, der die Opfer segnete, ging 1968 um die Welt.
Der Absturz direkt an der Autobahn beschäftigte neben der Polizei auch zivile Katastrophenschutzbehörden und die Bundeswehr (links). Veronica Hall (Mitte links) war 11 Jahre alt, als sie in Langenbruck ums Leben kam, ihre Cousine Barbara Hall (rechts) war 14. Auch ihr Cousin Brendon (9), eine Tante, ein Onkel und ihre Oma starben. Das Bild von Pater Redl, der die Opfer segnete, ging 1968 um die Welt.
Fotos: Wolf/privat
Langenbruck



Betty Reith (82) aus Langenbruck hatte das Gemeinschaftsgrab 40 Jahre lang gepflegt "wie das meiner eigenen Familie, weil es mir ein Anliegen war". Alle fünf Jahre ließ sie eine Messe für die Toten lesen. Sie hatte das Unglück von ihrem Hof aus miterlebt. "Mein Mann und ich haben gerade den Odel rausgefahren, als der Flieger in den tiefen Wolken aufgetaucht ist. ,Der kommt nimmer weit', hat mein Mann gesagt, dann hat es schon gekracht. Da kriege ich heute noch Gänsehaut." Inzwischen kümmert sich eine Nachbarin um das Grab, dem Schreiner Pfab zum Jahrtag ein neues Eichenkreuz gespendet hat.

Die englische Seite zeigt große Dankbarkeit, dass die vielen Opfer nicht vergessen sind. "Das ist Teil unserer Ortsgeschichte und hat sich bei vielen eingebrannt. Die Gedenkfeier ist mir auch ein persönliches Anliegen", erklärt Bürgermeister Michael Franken. Er hat eine Rede vorbereitet, nach dem Gottesdienst an diesem Sonntag um 10.15 Uhr geht ein Trauerzug von der Kirche St. Katharina zum Friedhof. Dort will er zu den Gästen sprechen. God Save The Queen - die Reichertshofener Musikanten üben derweil noch fleißig die britische Nationalhymne, um die Toten auch auf diese Weise zu ehren.
 
Horst Richter