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Die Familie als Lebensform verliert auch im Freistaat immer mehr an Bedeutung. Dabei bemüht sich die Politik und schafft Anreize wie das Bayerische Familiengeld. Geld ist aber nicht alles: Der Babyboom etwa trifft auf einen akuten Hebammenmangel. Von Suzanne Schattenhofer

DK-Wahlserie: Ist Bayern wirklich das Familienland?

erstellt am 14.09.2018 um 21:09 Uhr
aktualisiert am 08.10.2018 um 20:18 Uhr | x gelesen
Die Familie als Lebensform verliert auch im Freistaat immer mehr an Bedeutung. Dabei bemüht sich die Politik und schafft Anreize wie das Bayerische Familiengeld. Geld ist aber nicht alles: Der Babyboom etwa trifft auf einen akuten Hebammenmangel.
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Richter Horst

Das Problem


Knapp 1,3 Millionen Familien mit minderjährigen Kindern leben in Bayern - in knapp 400000 davon besitzt ein Elternteil ausländische Wurzeln. Wo drückt sie der Schuh? Fast überall ein wenig - so möchte man meinen. So fehlen Hebammen. In den vergangenen Jahren mussten in Bayern Dutzende Geburtsstationen vor allem auf dem Land schließen, weil sie nicht rentabel waren. Die Zahl der Betten in der Geburtshilfe hat sich daher zwischen 2005 und 2015 halbiert - und das in Zeiten des Babybooms. Die Regierung will nun Städten und Landkreisen 40 Euro pro Geburt zahlen, die sie in ihre Hebammenversorgung investieren sollen.

Mancherorts, etwa in München, sind noch immer wohnortnahe Kita-Plätze knapp. Familien suchen dringend große, bezahlbare Wohnungen oder günstige Bauplätze für Eigenheime, an denen es vor allem in den Ballungszentren mangelt. Flexible Arbeitszeiten sind für Eltern unabdingbar - weitsichtige Arbeitgeber ziehen mit.

Alleinerziehende leiden mit ihren Kindern immer noch häufiger unter Armut als Verheiratete - trotz des Wohlstands in Bayern. Insgesamt lebten im Jahr 2016 in Bayern 221000 alleinerziehende Mütter und Väter mit minderjährigen Kindern. Laut Statistik waren 36,7 Prozent der Familien mit nur einem Elternteil armutsgefährdet, das sind fast drei Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor.

Wer Angehörige daheim, im Kreise der Familie pflegt, der fühlt sich häufig im Stich gelassen von Staat und Gesellschaft. Der Pflegenotstand ist auch ein Familienproblem. Es gibt zu wenig Wohnplätze für erwachsene, behinderte Menschen, die nicht mehr bei Mama und Papa leben, sondern auf eigenen Beinen stehen möchten. Und, und, und.
Familienausflug: Diese Eltern genießen mit ihren Kindern die Freizeit. Ein idyllisches Bild ? aber im Alltag haben es Familien oft schwer.
Familienausflug: Diese Eltern genießen mit ihren Kindern die Freizeit. Ein idyllisches Bild - aber im Alltag haben es Familien oft schwer.
Foto: Balk/dpa



Familie ist eine Lebensform, die Sicherheit und Geborgenheit schafft, aber auch Risiken birgt. Wen wundert es also, dass mittlerweile nur noch die Hälfte aller Menschen in Bayern in Familien mit Kindern lebt? 51 Prozent sind es - in den 1960er-Jahren waren es noch mehr als 60 Prozent. Immerhin: Die Zahl der Geburten ist in den vergangenen Jahren wieder gestiegen: 2017 kamen 126191 Babys in Bayern zur Welt. Das ist die höchste Geburtenzahl seit 1998.

Und jedes vierte Neugeborene hat Eltern ohne Trauschein. Viele Paare entscheiden sich allerdings nach der Geburt für die Heirat. Diese "kindzentrierte" Ehe gewinnt immer mehr an Bedeutung. 31 Jahre alt sind Frauen in Bayern im Schnitt, wenn sie zum ersten Mal heiraten, Männer 34. In den 1960er-Jahren waren sie am Tag der Hochzeit jeweils sieben Jahre jünger. Und etwa jede zehnte Familie ist eine Stieffamilie, in der mindestens ein Elternteil Nachwuchs mitgebracht hat.

Kinder kosten Geld - auch den Freistaat: Im vergangenen Jahr erreichten die Landesmittel für Kinderbetreuung eine Rekordsumme von rund 1,7 Milliarden Euro. Knapp 300000 Mädchen und Buben besuchten 2016 einen Kindergarten, mehr als 50000 Kinder wurden in Horten betreut, 37000 in Krippen. Kostenlose Kitas wie anderswo in Deutschland soll es bis auf Weiteres nicht geben im Freistaat, dafür aber bald das Bayerische Familiengeld. Ob am Ende wirklich alle Familien davon profitieren, wie Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verspricht? Nach Auffassung des Bundesarbeitsministeriums muss das Familiengeld mit Sozialleistungen wie Hartz IV verrechnet werden. Gerade die Ärmsten gingen damit leer aus.

Fest steht: Bayern präsentiert sich als vorbildliches Familienland. Es gibt ein dickes Bündel an Hilfen für Eltern, für Familien, für Kinder und Jugendliche. Darunter sind die Koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKi - Netzwerk frühe Kindheit) wichtige Anlaufstellen. Daneben gibt es die deutschlandweit einmalige Kinderschutzambulanz an der Universität München. Hier werden unklare Verletzungen von Kindern schnellstmöglich eingeordnet und diagnostiziert. Für all diese Maßnahmen zur Förderung oder zum Schutz stellt der Freistaat allein 2018 fast 2,7 Milliarden Euro für Eltern, Kinder und junge Menschen zur Verfügung.

Das Staatsinstitut für Familienforschung an der Universität Bamberg wollte vor einiger Zeit wissen, wie es um die Familienfreundlichkeit in Bayern steht. Der Politik wurden Handlungsfelder genannt: gesellschaftliche Anerkennung für Eltern, höhere Verkehrssicherheit, bessere Freizeitangebote für Jugendliche, öffentlicher Personennahverkehr und bedarfsgerechte Kinderbetreuungsangebote. Die Schlussfolgerung: So vielfältig die Lebensformen und -situationen von Familien sind, so vielfältig sind auch ihre Bedürfnisse und Anforderungen an eine "gute" Familienpolitik.
 

Das Ziel

 
Richter Horst
Die Familie genießt in der Bayerischen Verfassung einen besonderen  Stellenwert. In Artikel 124 heißt es dazu: „Ehe  und Familie sind die natürliche und sittliche Grundlage der menschlichen Gemeinschaft und stehen unter dem besonderen Schutze des Staates.“ Und weiter steht im Artikel 125: „Die Reinhaltung, Gesundung und soziale Förderung der Familie ist die gemeinsame Aufgabe des Staates und der Gemeinden.“ 
Ob Bayern   ein vorbildliches  Familienland ist, lässt sich ebenso schwer beantworten wie die Frage,   wie  mehr Familienfreundlichkeit  erzielt werden kann. Der  Deutsche Familienverband fordert  beispielsweise ein Wahlrecht ab der Geburt – nach dem Motto: Nur wer wählt, zählt. Es wären  Tausende  Stimmen für die Zukunft.
 

Der Expertenvorschlag

Sabine Engel ist bayerische Landesvorsitzende des Deutschen Familienverbands.
privat
Mit der Einführung des Bayerischen Familiengeldes bis zum 36. Lebensmonat   hat die Staatsregierung einen kleinen Schritt in die richtige Richtung getan. Für eine echte Wahlfreiheit in der Kinderbetreuung ist es aber zu wenig. Das Grundgesetz  gebietet, dass der Staat die Ausgestaltung der Kinderbetreuung der freien Entscheidung der Eltern überlässt. Überwiegend wird jedoch institutionelle Betreuung gefördert. Für eine Wahlfreiheit brauchen die Eltern gute Betreuungsangebote  und  finanzielle Unterstützung. Der  Deutsche Familienverband fordert im Anschluss an das Elterngeld ein Betreuungsbudget in Höhe von 700 Euro pro Monat und Kind. Den Eltern muss es überlassen sein, ihre Kinder in den ersten drei Lebensjahren selbst zu betreuen, einen Kita-Besuch oder Tagesmutter zu finanzieren.
 

Die Ideen der Parteien

Für die Staatsregierung ist Bayern das Familienland Nummer eins. Um diesem Ruf gerecht zu werden, muss aber noch allerhand geschehen.  Es fehlen beispielsweise günstiges Bauland oder flexible Arbeitszeitmodelle.   Wir haben bei den großen Parteien nachgefragt,was ihnen wichtig ist.

CSU
Familiengeld, Baukindergeld Plus, Offensive für Kinderbetreuung 
Familien brauchen maximale Wahlfreiheit. Eltern von ein- und zweijährigen Kindern erhalten das Bayerische Familiengeld. Wir unterstützen Familien mit dem Baukindergeld Plus beim Erwerb von Wohneigentum. Wir setzen die Qualitätsoffensive für Kinderbetreuung fort und den Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung im Grundschulalter um.

SPD
Familienarbeitszeit und Kindergrundsicherung 
Wir wollen eine kostenfreie Ganztagsbetreuung für Kita- und Grundschulkinder. Die, die Kinder großziehen und Alte begleiten, müssen mehr Wertschätzung erfahren, auch finanziell. Familien brauchen mehr Zeit für die Familie – durch Familienarbeitszeit. Um Kinderarmut  zu bekämpfen, fordern wir eine Kindergrundsicherung. 

GRÜNE
Familienförderung, die Teilhabe für alle Kinder gewährleistet 
Grüne Politik hat den Menschen im Blick. Wir bauen auf starke Familien mit Mitmenschlichkeit, Zuneigung, Verantwortung, unabhängig von der Form des Zusammenlebens. Dazu  braucht es eine Familienförderung, die auf Basis der Kindergrundsicherung das Existenzminimum von Kindern sichert und Teilhabe für alle Kinder gewährleistet. 

FW
Anspruch auf Ganztagsbetreuung und Einführung des Familiensplittings 
Wir möchten eine stufenweise kostenfreie Kinderbetreuung, die finanzielle Absicherung von Kitas durch staatliche Sockelfinanzierung, den bedarfsgerechten Ausbau von Kitas, den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, die Einführung des Familiensplittings und die Bekämpfung der Armutsgefährdung von Alleinerziehenden/Familien.

AFD
Bau-Start-Kindergeld als einmalige Zahlung 
Mit staatlicher Unterstützung muss es wieder möglich sein, dass eine Familie mit kleinen Kindern von einem Gehalt leben kann. Wir wollen ein Bau-Start-Kindergeld als einmalige Zahlung zum selbst genutzten Wohneigentumserwerb: 15 000 Euro für jedes in Deutschland wohnende Kind das sich noch in der ersten Ausbildung befindet. 

FDP
Rolle der Frauen stärken, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf 
Wir  wollen die Rahmenbedingungen schaffen, um Familien ein selbstbestimmtes und modernes Leben zu ermöglichen. Hierfür wollen wir die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern, Bildungsangebote ausbauen und verbessern sowie die Rolle der Frauen stärken. Wir geben den Menschen in Bayern kein festes Familienbild vor. 

 
Suzanne Schattenhofer
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