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"Stottern ist nicht mehr mein Feind"

Joachim Binder empfindet Sprechproblem heute als Geschenk

Ingolstadt
erstellt am 09.11.2018 um 19:45 Uhr
aktualisiert am 10.11.2018 um 15:41 Uhr | x gelesen
Ingolstadt (DK) Im Alter von sechs Jahren beginnt Joachim Binder zu stottern. Zunächst kommt er gut mit dieser Behinderung zurecht. Doch auf der Hauptschule wird er gehänselt. Sein Selbstvertrauen ist dahin. Heute empfindet der 28-Jährige sein Stottern als Geschenk.
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Selbsthilfegruppen  bieten Informationen.
Selbsthilfegruppen bieten Informationen.
Kalaene/dpa
Ingolstadt

Er trägt bunte selbst gefärbte Schlabberhosen, ein Batik-Shirt und darüber einen weiten Grobstrick-Pulli. Auf Facebook zeigt er Fotos mit seinem Didgeridoo. Er ist Vegetarier und geht gern auf Demos. Joachim Binder aus Sandersdorf im Kreis Eichstätt ist ein lebensfroher, flippiger Typ: Der 28-Jährige macht gerade im Ingolstädter Hollerhaus eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger. Ein Wort, das ihm nur schwer über die Lippen kommt: Nach dem "pf" stockt er für einen Sekundenbruchteil. Kurz atmet er, haucht, es klingt wie ein "h". Dann ergänzt er "leger". Joachim Binder stottert.

Aber er redet wie ein Buch. Erzählt beim Interview von seinem Leben - ohne Punkt und Komma. Von seiner glücklichen Kindheit. Von seinen Eltern, die immer hinter ihm standen. Von den schweren Jahren auf der Hauptschule. Er spricht mit lauter, deutlicher Stimme. Und er stottert, doch es schert ihn nicht. Dass er sein Stottern heute als Geschenk empfindet, wurde ihm aber nicht geschenkt.

Joachim Binder ist sechs Jahre alt, als beim Sprechen erste Blockaden auftreten. "Ich konnte manche Buchstaben nicht mehr aussprechen, zum Beispiel das R", erinnert er sich. Er konnte nicht mehr "Schrank" sagen, sondern nur noch "Schank". Und mit den Unterbrechungen gehen Verkrampfungen einher. "Das fühlt sich ähnlich an, als ob man gähnt und gleichzeitig sprechen soll", erklärt er und fügt hinzu: "Das erste Stotterjahr ist am prägendsten. Keiner weiß Antworten auf deine Fragen, keiner kennt sich aus."

Zu dem Zeitpunkt fühlt sich der kleine Joachim aber noch nicht als Außenseiter. "Lass dir nur Zeit", sagen die Eltern. Die Freunde vom Fußballverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr in Sandersdorf behandeln ihn so wie immer. "Ich war eingebunden in die Gesellschaft: Es war alles vertraut." Mit sieben Jahren kommt der Bub auf eine Förderschule. "Das war dann erst einmal schockierend für mich", erzählt er rückblickend.

Der Bub wechselt auf die normale Grundschule. Er kennt die Mitschüler, fühlt sich wohl. Sein Ziel ist, später aufs Gymnasium zu gehen. Doch das klappt nicht: "Du bist ja so mit dir selber beschäftigt, mit deinem Stottern. Und du traust dich nicht, Fragen zu stellen oder dich zu melden. Andere Kinder gehen einkaufen, telefonieren herum. Das alles habe ich mir nicht zugetraut. Das Telefonieren war für mich ein Horror."

Doch so kann es nicht weitergehen. Im Zuge der logopädischen Therapie muss Joachim Binder hart traineren - auch das Telefonieren. "Zum Beispiel bei der Bahn anrufen und nach dem Preis für einen ICE fragen", erinnert er sich. "Auf das Gespräch habe ich drei Wochen hintrainiert: Eine halbe Minute habe ich herumgestottert, dann hat die Frau von der Bahn einfach aufgelegt. Und ich hab' geheult." Zehn, elf Jahre alt ist Joachim da. Aber er übt fleißig weiter. Ruft bei einer Kartbahn an, und fragt, was es kostet, wenn er am Samstag mit seinen zehn Freunden kommt. "Ich habe zehn Minuten gebraucht, um das zu erklären, aber der Mann hat mir geduldig zugehört und mir dann geantwortet. Danach hab' ich vor Freude geheult." Mühsam baut er sein Selbstvertrauen auf. Und er wird immer mutiger, spricht fremde Leute in der Fußgängerzone an, geht zum Kiosk und spielt sogar im Theater. Er kriegt eine Hauptrolle und tritt vor großem Publikum auf. "Ich hatte Spaß, mich zu zeigen."

Doch als Joachim auf die Hauptschule wechselt, ist plötzlich Schluss mit dem Spaß. "Da kannte ich keinen, und die anderen waren unsicher, wie sie mit mir umgehen sollten. Und plötzlich war ich nur noch der Spasti, der Idiot. Ich wurde sogar angespuckt. Da reichen drei Schüler aus, die sich als Obercoole aufspielen, und die ganze Schule ist nur noch Scheiße." Der Unterricht wird oft zur Qual - etwa, wenn der Lehrer ihn bittet, einen Text zu lesen. "Ich beginne zu stottern, und hinter mir höre ich sie schon kichern. Und dann sagt der Lehrer, ich soll nochmal von vorne beginnen, denn man habe nichts verstanden. Das fühlte sich an wie ein Schauprozess."
 

Joachim Binder und sein Lieblingsbuch: Autor David Mitchell schreibt, am Ende sei Stottern ein Geschenk. So empfindet es der 28-jährige Binder auch.
Joachim Binder und sein Lieblingsbuch: Autor David Mitchell schreibt, am Ende sei Stottern ein Geschenk. So empfindet es der 28-jährige Binder auch.
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Ingolstadt



Er bekommt schon sonntags Kopfweh, weil es ihn vor der Schule am Montag graut. "All das Selbstvertrauen, das ich mir bis zu meinem zwölften Lebensjahr aufgebaut hatte, war plötzlich weg. Du gehst abends den ganzen Tag durch, wann du überall gestottert hast. Du übst Selbstkritik und spürst Scham. Mein Körper hat sich angefühlt wie ein Gefängnis. Das Stottern klaut dich, bremst dich."

Er quält sich durch die Schulzeit, spielt den Klassenclown, damit sie ihn in Ruhe lassen. "Als ich das Zeugnis der Mittleren Reife in der Tasche hatte, bin ich gleich weg." Für ihn gab es nichts zu feiern. Sondern nur die Frage, wie es weitergehen soll. Einen Berufswunsch hat er nicht, für ihn zählt nur eines: bloß nicht sprechen müssen. Also beginnt er eine Lehre als Kfz-Mechatroniker in einer Werkstatt. In der Theorie ist er gut, aber das Handwerkliche liegt ihm nicht. Er denkt sich: "Hauptsache, ich bekomme den Gesellenbrief. Ich muss hier raus. Aber wo will ich hin?"

Nach der Lehre beginnt Joachim ein freiwilliges soziales Jahr an der Johann-Nepomuk-von-Kurz-Schule in Ingolstadt. Dort betreut er einen Buben, der auch stottert. Er unterstützt ihn, sagt ihm, dass er ruhig stottern darf. Die Arbeit mit den behinderten Kindern zeigt ihm, dass er auf dem richtigen Weg ist. "Ich bin glücklich im sozialen Bereich." Joachim Binder absolviert eine Ausbildung zum Heilerziehungspflegehelfer bei der Caritas. Danach arbeitet er zwei Jahre bei Bruder Martin und hilft, Obdachlose zu betreuen.

Er sagt, das Stottern sei ein guter Lehrer für sozialpädagogische Berufe. "Die Körpersprache, aktives Zuhören, Empathie zeigen - das kenne ich ja alles. Das ist ein großer Vorteil."

Besonders wichtig ist für Joachim Binder die Selbsthilfegruppe für Stotterer, die er in Ingolstadt besucht. "Dort habe ich mich selbst wiedererkannt. Ich wollte schon als Kind alles selbst schaffen, ich war ein Kämpfertyp. Aber als Stotterer hast du keine Kontrolle. Also lernst du, ehrgeiziger und widerstandsfähiger zu werden. Und du brauchst Geduld." Stottern, sagt der junge Mann, sei der beste Geduldstrainer.

Er gewinnt sein Selbstbewusstsein zurück. Einmal wird er in der Disko von einem Skinhead angegriffen. "Den habe ich angebrüllt, dass er sich schleichen soll." Die Freunde staunen: "Dem hast du's jetzt aber gegeben - und dabei nicht einmal gestottert." Joachim Binder grinst zufrieden, wenn er davon erzählt. Rundum glücklich wirkt der junge Mann. Er hat einen großen Freundeskreis. Sein größter Wunsch ist momentan, mit seiner Freundin zusammenzuziehen.

Würde er nicht lieber sein Stottern loszuwerden? Der junge Mann schüttelt energisch den Kopf. "Stottern ist eine Behinderung. Aber es ist nicht mehr mein Feind." Es schnippt mit den Fingern. "Wenn ich mein Stottern einfach so wegzaubern könnte - das will ich nicht mehr. Es gehört hundertprozentig zu mir. Stottern ist mein Geschenk."DK
 

"Man vermeidet und umschifft schwierige Wörter"


Der Dokumentarfilm "Mein Stottern" von Petra Nickel und Birgit Gohlke wirft einen persönlichen Blick auf das Thema und gilt als beispielhaft für Inklusion.Nach der erfolgreichen Premiere in Berlin am Welttag des Stotterns wird der Film nun am Mittwoch, 14. November, ab 20 Uhr im Audi-Programmkino in Ingolstadt gezeigt. Es handelt sich um eine Kooperation mit der Stotterer-Selbsthilfegruppe Ingolstadt. Nach der Vorstellung stehen die Regisseurinnen für Fragen und Gespräche zur Verfügung. Wir haben schon vorab mit Birgit Gohlke (37) über das ungewöhnliche Projekt gesprochen, die als Theaterwissenschaftlerin in der Nähe vom Bamberg lebt.


Frau Gohlke, Sie stottern seit Ihrer Kindheit. Wie sind Ihre Erinnerungen daran und wie gehen Sie heute damit um? 

Birgit Gohlke: Die Erinnerungen beginnen da, als es mit Reaktionen von außen angefangen hat - also als Kinder sich beispielsweise lustig gemacht haben. Als Jugendlicher ist man sehr verletzlich, da war es ganz schön schwierig. Aber das ist vorbei: Heute gehe ich offen damit um. Ich habe keine Probleme mehr mit dem Stottern.


Was war der Auslöser für Sie, diesen Film zu drehen? 

Gohlke: Als der Film The King's Speech 2011 bei uns im Kino anlief, bekam Petra Nickel als Logopädin viele Anfragen von Fernseh- und Radiosendern: Sie solle doch mit einem möglichst jungen Kind ins Studio kommen. Auf der einen Seite fand sie es sehr gut, dass die Aufmerksamkeit auf dieses Thema gerichtet wurde und das Interesse da ist. Auf der anderen Seite war es ein unangenehmes Vorführen. Da hat sie sich überlegt, die Leute zu fragen, die betroffen sind und jeden Tag mit dem Thema zu tun haben und hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mit ihr einen Film zu drehen. Es war sofort klar, dass ich das machen werde. Zumal ich ja auch The King's Speech gesehen hatte und genau dieses Erlebnis hatte, wie es im Film vorkommt: Ich saß im Kino und wurde wieder eingeholt von der eigenen Geschichte.


Was ist das Besondere an Ihrem Film? 

Gohlke: Das Besonders ist die Ausgangslage: Wir haben diesen Film von innen heraus gemacht - als eine Betroffene und eine Logopädin. Wir wissen, wovon wir sprechen. Wir konnten den betroffenen Protagonisten Fragen stellen, die jemand, der nicht stottert, so nicht stellen könnte oder sich nicht zu stellen trauen würde.


Sie haben auch David Seidler, den Drehbuchautor von The King's Speech getroffen. Wie war der Oscar-Preisträger? 

Gohlke: Er war sehr freundlich und sehr nett und will, das möglichst viele von dem Thema erfahren. Ursprünglich war das ein Theaterstück, das er als Betroffener geschrieben hat: King George VI. war sein großes Vorbild in der Jugend.


Was wollen Sie mit diesem Film beim breiten Publikum erreichen? 

Gohlke: Wir wollen gern informieren über dieses Thema, um das Tabu zu brechen. Und wir wollen aufräumen mit Vorurteilen. Zum Beispiel, dass dem Stottern psychische Probleme zugrunde liegen. Oder dass es bestimmt mit dem Elternhaus zu tun haben muss. Oder dass Stotternde ein bisserl langsamer sind. Mir ist aber auch sehr wichtig, dass man mitbekommt, dass Stottern mehr ist, als man nur hört und sieht. Es fängt ja schon viel früher an, im Kopf: Schon bevor ich beim Bäcker an der Reihe bin, Brötchen zu bestellen, überlege ich: Wie formuliere ich das jetzt, sodass es mir möglichst einfach von den Lippen kommt? Solche Dinge sind wahnsinnig wichtig.


So zu kommunizieren stelle ich mir sehr anstrengend vor . . . 

Golhke: Ja, ist es auch. Man vermeidet und umschifft halt gern schwierige Wörter, was nicht die optimale Lösung ist. Da muss man ganz schnell reagieren, um Alternativen zu suchen. Das ist ein großer Aufwand. Ein Protagonist im Film sagt, er bestellt nicht das, was er will, sondern das, was er aussprechen kann. Das ist schon eine Einschränkung, auf die man sich manchmal einlässt. Man überlegt sich auch, rufe ich da jetzt wirklich an oder melde ich mich wirklich zu Wort - ist es das wert?


Was hat es Ihnen selbst gebracht, diesen Film zu drehen? 

Gohlke: Es war noch einmal eine große Reflexion über die eigene Vergangenheit. Sich jeden Tag beim Filmschnitt anzuschauen mit dem Stottern war auch eine zusätzliche Desensibilisierung. Man freundet sich dann selbst nochmal mehr damit an.

 

Verlosung

5x2 Karten für den Dokumentarfilm "Mein Stottern" am 14.11. im Audi-Programmkino gibt es hier zu gewinnen.
 
Suzanne Schattenhofer
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