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Das Leiden geht weiter

Eichstätt
erstellt am 06.11.2018 um 20:46 Uhr
aktualisiert am 14.11.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
In der konventionellen Landwirtschaft werden Ferkel ohne Betäubung kastriert. Die große Koalition erlaubt die von Tierschützern massiv kritisierte Methode nun für weitere zwei Jahre. Doch wie sieht die Realität im Schweinestall aus?
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Ruper Ebner spricht sich für die Vollnarkose vor der Kastration aus.
Rupert Ebner spricht sich für die Vollnarkose vor der Kastration aus.
Kellerer
Eichstätt
Landwirt Johannes Scharl hat keine besonders gute Laune. "Die Stimmung ist mies." Das liegt an den niedrigen Preisen, die der Eichstätter momentan für seine Ferkel bekommt - aber vor allem an der immer noch ungelösten Situation rund um die Kastration.

Derzeit werden Ferkel in Deutschland ohne Betäubung kastriert. Schon seit über zehn Jahren diskutieren Bauernverband, Tierärzte, Handelsgesellschaften und der Gesetzgeber, wie und wann diese Methode ein Ende findet. 2008 hatte sich der Bauernverband in der "Düsseldorfer Erklärung" dazu bekannt, nach Alternativen zu suchen. Und der Gesetzgeber legte fest: Am 1. Januar 2019 ist Schluss mit der betäubungslosen Kastration.

Eine ?rustikale? Arbeit nennt Landwirt Johannes Scharl die Ferkelkastration. Bevor der Eichstätter den etwa vier Tage alten Tieren die Hoden mit einem Skalpell abschneidet, spritzt er ihnen ein Schmerzmittel in den Nacken. Inwieweit das allerdings den Schmerz lindert, ist unklar.
Eine "rustikale" Arbeit nennt Landwirt Johannes Scharl die Ferkelkastration. Bevor der Eichstätter den etwa vier Tage alten Tieren die Hoden mit einem Skalpell abschneidet, spritzt er ihnen ein Schmerzmittel in den Nacken. Inwieweit das allerdings den Schmerz lindert, ist unklar.
Belzer
Eichstätt



Doch nun hat die Bundesregierung den Landwirten eine zweijährige Fristverlängerung gewährt. Ein Grund zur Erleichterung? "Ja, weil es in unseren Augen noch keine praktikable Alternative gibt", sagt der 39-Jährige. "Aber wir wissen auch, dass wir uns weiterentwickeln müssen. Und keiner von uns kastriert gerne. Das ist die mit Abstand unbeliebteste Arbeit im Schweinestall."

Johannes Scharl ist ein junger Landwirt, im Juni hieß er zur Eröffnung vom Tag des offenen Hofes Ministerpräsident Markus Söder und den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, auf seinem Häringhof willkommen. Dem 39-Jährigen ist Öffentlichkeitsarbeit wichtig: Er möchte, dass die Menschen mehr über die Landwirtschaft erfahren und kritisiert, dass das Wissen über seinen Berufsstand dramatisch abnimmt - sieht da aber auch die Landwirte in der Verantwortung. Deshalb ist ihm Transparenz wichtig. Und deshalb hat er unserer Zeitung auch einen Blick in seinen Stall gewährt - auch wenn er das, was nun passiert, als "rustikal" bezeichnet.
Franz Beringer favorisiert den ?vierten Weg?, der jedoch verboten ist.
Franz Beringer favorisiert den "vierten Weg", der jedoch verboten ist.
privat
Eichstätt



Scharl hält 300 Sauen. Ist ein Tier trächtig, dauert es 115 Tage bis zur Geburt. Pro Wurf kommen 10 bis 15 Ferkel auf die Welt, im Jahr sind das auf Scharls Hof rund 8000 Tiere, die Hälfte davon ist männlich. Ein Tier wiegt bei der Geburt etwa 1,4 Kilo. Nach vier Tagen wird es kastriert, dann hat es ein Gewicht von 1,8 Kilo. Bevor es losgeht, treibt der Landwirt alle Ferkel ins Ferkelnest - eine beheizte Box. Anschließend wird das Geschlecht kontrolliert - die Weibchen dürfen wieder zur Muttersau, die Männchen müssen bleiben. Der Reihe nach bekommen die Ferkel mit einer Spritze ein Schmerzmittel in den Nacken gespritzt - 98 Prozent aller Landwirte in Deutschland machen das so. Die Ferkel quieken erschrocken auf, sobald Johannes Scharl sie hochnimmt. Etwa 15 Minuten muss das Mittel einwirken, dann kommt der unangenehmere Part der Prozedur. Der 39-Jährige zieht sich blaue Einweghandschuhe an, klemmt sich die Ferkel zwischen die Knie, spreizt die Hinterläufe und schneidet mit einem Skalpell den Hoden des Ferkels ab. Die Tiere quieken unentwegt - sobald sie aber wieder im Stall stehen, sind sie ruhig und laufen zur Muttersau.

Die Hoden der vier Tage alten Ferkel sind etwa so groß wie ein Cent-Stück, der Eingriff dauert zwischen 10 und 30 Sekunden pro Tier. Früher wurde die Wunde im Anschluss mit einem Puder abgedeckt, das Mittel ist aber mittlerweile verboten. Die Wundheilung verläuft nach Angaben von Johannes Scharl schnell, er habe noch nie Probleme mit Infektionen gehabt. Das läge auch daran, dass er die Klinge des Skalpells nach zwei bis drei Würfen wechselt. Scharl macht keinen Hehl daraus, dass er kein großer Fan der betäubungslosen Kastration ist. "Es ist ein Eingriff am Tier."

Die Entscheidung aus Berlin, die Methode noch zwei Jahre länger zu erlauben, kam kurzfristig. Johannes Scharl hatte bereits einen Plan B, wie er ab Januar vorgehen wollte. Ein Tierarzt hatte ihm zugesagt, die Kastration per Narkose durchzuführen. Aber Johannes Scharl ist auch Geschäftsmann, und er muss eine Familie ernähren. Er rechnet vor: Derzeit verkauft er seine Ferkel für 45 Euro an einen Mäster. Gleichzeitig hat er aber laufende Kosten von 55 bis 60 Euro pro Tier. "Die Kastration durch den Tierarzt würde ungefähr fünf Euro pro Tier kosten. Da kommt man schon langsam ins Grübeln, ob die Ferkelzucht noch ein rentables Geschäft ist."
 

Alternativen

Die betäubungslose Kastration ist nirgends beliebt – nicht bei Tierschützern, aber auch nicht bei den Landwirten. Dass die Methode abgeschafft werden muss,  zumindest darüber sind sich alle einig. Nur was ist die beste Alternative?  Nachgefragt bei Franz Beringer, Prokurist der Erzeugergemeinschaft Südbayern (ein Viehvermarktungsunternehmen) und Rupert Ebner, Tierarzt und Umweltreferent der Stadt Ingolstadt. 

EBERMAST

Werden die Ferkel nicht kastriert, entwickeln sie sich zu  Ebern. Sie bilden  Sexualhormone aus. 
Vorteil: Weil die Tiere nicht kastriert werden, ist kein chirurgischer Eingriff nötig.

Nachteil:  Bei  bis zu zehn Prozent der Eber tritt beim Braten oder Grillen des Fleischs ein starker Geruch auf, der oft mit Urin verglichen wird. Haltung und Fütterung  haben jedoch Einfluss auf den Geruch.  Die Geruchskomponenten können mit Laborverfahren sowie durch geschulte Mitarbeiter in den Schlachthöfen  nachgewiesen werden. Ein weiteres Problem stellt das Sozialverhalten der Eber dar  – „die Tiere verletzen sich gegenseitig“, erklärt Ebner.

IMMUNOKASTRATION

Hier bekommen die Eber zweimal  vor der Schlachtung einen Stoff injiziert, der die Bildung des Sexualhormons  unterdrückt. 

Vorteile: Eine chirurgische Kastration ist unnötig. Die geimpften Tiere zeigen weniger aggressives Verhalten als Eber. 

Nachteile: Franz Beringer ist überzeugt, dass der Verbraucher große Vorbehalte gegen „geimpftes“ Fleisch hätte. „Ob der Stoff tatsächlich für den Menschen unbedenklich ist, ist meiner Ansicht nach noch nicht ausreichend erforscht“, sagt auch Tierarzt Ebner. Beringer ergänzt, dass es Impfversager geben könnte, bei denen sich der Ebergeruch ausbilden könnte. Anderer Meinung ist die Bundestierärztekammer (BTK): „Das Fleisch der geimpften Tiere ist für den Verbraucher vollkommen unbedenklich.“
 
VOLLNARKOSE
Hier gibt es zwei Methoden. Bei der einen wird das Tier per Spritze narkotisiert, bei der anderen inhaliert es per Maske ein  Gas.

Vorteil: Es ist sichergestellt, dass das Tier bei der Kastration keinen Schmerz spürt − so verlangt es das Tierschutzgesetz. 

Nachteile: Franz Beringer argumentiert, die Narkose sei für die  Ferkel ein Risiko. Vor allem bei der Injektionsnarkose dauere   die Nachschlafphase zu lange, da die Ferkel regelmäßig säugen müssten.  Was die Arbeit des Tierarztes den Züchter pro Tier kostet, ist unklar. Ebner  meint,  die Narkose sei für  unter einem Euro  pro Tier durchführbar. Landwirte sprechen von bis zu fünf Euro.  Beringer weist außerdem darauf hin, dass es nicht  ausreichend Tierärzte gebe. Ebner: „Nicht einmal die Hälfte all derer, die ihr Examen machen, arbeiten später als Tierärzte – auch, weil der Beruf nicht  leicht mit der Familie zu vereinbaren ist. Hier könnte man Tierärzten eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, auch in Teilzeit.“ 
 
LOKALANÄSTHESIE
Der „vierte Weg“ wird von vielen Landwirten favorisiert,  er ist   in Deutschland verboten.  Hier wird  vor der Kastration ein Betäubungsmittel in den Hoden injiziert.  Noch gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass das Tier dabei keinen Schmerz spürt.  

Vorteil: Franz Beringer: „Eine Methode, die beim Mensch ausreicht, muss auch beim  Tier ausreichen.“ Die Landwirte wären  bereit, einen Sachkundenachweis zu erbringen – so ist es in Schweden üblich. 
Nachteil: „Vor dem vierten Weg graust es mir am meisten“, sagt Ebner. „Wer kontrolliert, ob das Tier tatsächlich betäubt wird?“ Es sei für einen Laien kaum durchführbar, das Mittel in den winzig kleinen Samenstrang zu injizieren. „Das ist völlig abwegig, dass das ein Landwirt macht.“ Außerdem sei der Vorgang an sich hochbelastend für das Ferkel. Bis das Tier fixiert sei und man sich anatomisch am Hoden orientiert habe, verginge sehr viel Zeit − und das sei extrem stressig für das Ferkel. 
 

So macht es „bio“

Der Verband „Bioland“ teilt  mit, dass er der einzige Verband sei, der seine Mitglieder zu einer Kastration unter Betäubung verpflichtet.   „Die chirurgische Kastration von Ferkeln sowie die Kastration von Wiederkäuern ist nur unter Betäubung und mit Schmerzbehandlung zulässig.“ „Bioland“ bedaure, dass auch in der ökologischen Schweinehaltung bislang ohne Betäubung kastriert werden dürfe.   „Demeter“ schreibt, dass der größte „Demeter“-Ferkelaufzüchter „vor  zwei bis drei Jahren auf Betäubung unter Vollnarkose  umgestellt“ hat. Ansonsten kauften die Betriebe Ferkel aus anderen Verbandsbetrieben zu. „Demeter“ sei etwas davon „überrascht (und enttäuscht)“ worden, dass die Umsetzung der gesetzlichen Regelung   verschoben wurde. 

Bio-Schweine werden grundsätzlich zu 100 Prozent bio gefüttert.


 
Verena Belzer
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