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Kürzlich haben drei aus einem Tierpark entlaufene Affen in Münster für Aufregung gesorgt. Immer wieder verschwinden Tiere aus Zoos. Sie brechen aus ihren Gehegen aus oder werden gestohlen. Hier einige spektakuläre Beispiele. Von Sandra Mönius

Auf Abwegen

erstellt am 11.09.2018 um 19:31 Uhr
aktualisiert am 19.09.2018 um 03:34 Uhr | x gelesen
Kürzlich haben drei aus einem Tierpark entlaufene Affen in Münster für Aufregung gesorgt. Immer wieder verschwinden Tiere aus Zoos. Sie brechen aus ihren Gehegen aus oder werden gestohlen. Hier einige spektakuläre Beispiele.
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MAXL TAUCHT IN INGOLSTADT AB

Immer wieder abgetaucht: Alligator Maxl in Ingolstadt.
Strisch
Im Ingolstädter Zoo Wasserstern machte Publikumsliebling Maxl mit seinen Ausbruchsversuchen von sich reden. Der Alligator entwischte im Jahr 1956 in die Schutter, die durch das Zooareal fließt. Seine Flucht dauerte nicht lange: Etwas flussabwärts wurde ein Gitterwehr geschlossen und das flüchtige Reptil wieder eingefangen. „Der damalige Vereinsvorsitzende  hat ihn rasch ausfindig gemacht und das Tier per Hand  aus der Schutter gezogen. Anschließend spazierte er mit Maxl am Hundehalsband zurück zum Zoo Wasserstern“, erzählt der jetzige Vorsitzende Martin Trappe.  20 Jahre später entkam Maxl wieder – durch ein Fenster im Reptilienhaus. Auch da wurde er schnell geschnappt.
Als Ausbrecherkönig ist auch Rauchmangabe Coco bekannt geworden. Der Affe besuchte  und verwüstete um 1980 so manches Wohnzimmer in der Nachbarschaft. Bei einem  Einbruch im Zoo  im Jahr 2006  wurden  dagegen sechs  Schildkröten entwendet. Die Diebe  machten sich damals auch am Gehege der Weißbüscheläffchen zu schaffen, doch sie konnten  keines der flinken Äffchen erwischen. Vor zwei Jahren dann hat ein Unbekannter  im Zoo mehrere Tiere mit Rattengift getötet – unter anderem Streifenhörnchen und einen Lisztaffen.
„In den letzten Jahren allerdings  sind keine Tiere entlaufen und auch  von Diebstählen sind wir glücklicherweise verschont geblieben“, sagt Trappe. 
 

VERMISST: PRÄRIEHUNDE

Die Präriehunde sind verschwunden.
Die Präriehunde sind verschwunden.
Foto: Kalaene/dpa
Der Nürnberger Tiergarten hat vor einigen Jahren gleich seine ganze  Präriehunde-Kolonie vermisst gemeldet. Die zehn Tiere sind  nach dem Ende des Winterschlafs  nicht wieder im Gehege aufgetaucht, teilte der Tiergarten damals mit. Das Schicksal der Tiere sei völlig unklar. Inzwischen gehen die Verantwortlichen davon aus, dass die Präriehunde wahrscheinlich vom Marder oder Iltis gefressen wurden. „Bei den Erdarbeiten im verfüllten ehemaligen Flusspferdbecken wurden keine Überreste der Tiere gefunden“, teilte der Tiergarten auf Anfrage weiter mit. Das ehemalige Flusspferdhaus ist heute das  Wüstenhaus.
 

GESTOHLENES LAMM IN BORDELL ENTDECKT

Rotkopfschaf Rosi im Tiergarten der Stadt Nürnberg.
Rotkopfschaf Rosi im Tiergarten der Stadt Nürnberg.
Karmann/dpa
Im Mai 2015 verschwand Lamm Rosi am helllichten Tag aus dem Tiergarten Nürnberg. Für die Beschäftigten dort war es unerklärlich, denn  das Gehege ist gut eingezäunt. Das ganze Gelände wurde auf den Kopf gestellt, der Weiher durchsucht. Doch von Rosi fehlte jede Spur. Knapp zwei Wochen später dann die Überraschung: Eine Tierpflegerin sieht Rosi in einem Fernsehbericht. Das Schaf wurde von der Münchner Polizei in einem Bordell gefunden. Eine in Lämmer vernarrte Prostituierte hatte das Schaf gestohlen und auf ihrem Zimmer gehalten. Bei der Frau  wurde außerdem Marihuana gefunden. Erst vier Monate zuvor hatte das Veterinäramt im Ennepe-Ruhr-Kreis  ein Tierhaltungsverbot gegen die Frau verhängt. Ihre 25 Schafe nahm man ihr wegen Unterernährung weg, wie ein Sprecher des Veterinäramts sagte. 
Nach vier Wochen Quarantäne konnte Rosi wieder zu ihrer Herde zurück. Ein Trauma habe sie durch den Bordell-Aufenthalt nicht davongetragen, teilte der Tiergarten später mit.
 

PINGUIN VERSCHWUNDEN

Humboldt-Pinguine stehen im Mannheimer Luisenpark.
Humboldt-Pinguine stehen im Mannheimer Luisenpark.
Anspach/dpa
Vergangenes Jahr sorgte das Verschwinden eines Humboldt-Pinguins aus  dem Luisenpark in Mannheim für Aufregung: Das Tier war nicht mehr auffindbar   und wurde  fünf Tage später außerhalb des Parks tot aufgefunden. Experten teilten nach der Obduktion mit, der Vogel könnte etwa von einem Fuchs getötet worden sein. Der Polizei zufolge ist aber unklar, wie er verschwinden konnte.  Dass der fünf Kilo schwere Pinguin von einem Tier mitgeschleppt oder ausgebrochen sein könnte, gilt als ausgeschlossen. 
 

HIRSCHKUH IN STRAUBING GETÖTET

Damhirschkühe im Freigehege.
Damhirschkühe im Freigehege.
Foto: Archiv Opel-Zoo
Vor etlichen Jahren ist eine Person bei uns in den Tiergarten eingedrungen und hat des Nachts eine Damhirschkuh getötet und dann zum Eigenverzehr mitgenommen“, erzählt  Wolfgang Peter, Direktor des Tiergartens Straubing. Der Fall sei  insofern interessant gewesen, weil der Täter später beim Diebstahl von Ferkeln aus einer Schweinehaltung gefasst wurde. „Auf die Frage, weshalb er den Damhirsch im Tiergarten getötet und gestohlen hat, gab er an, dass seine Frau einmal etwas anderes essen wollte als immer nur Schwein.“ Ansonsten hat der Tiergarten Straubing Glück: „Lebende Tiere wie Papageien, Reptilien oder andere Arten wurden aber bislang – Gott sei Dank – nicht gestohlen“, sagt Wolfgang Peter weiter.
 

KEINE VERLUSTE

Glück in den vergangenen Jahren hatten die beiden Tiergärten in Augsburg und München: „Weder ist in den letzten Jahren in Augsburg ein Tier entlaufen, noch gestohlen worden“, teilt der Zoo Augsburg mit. Ebenso in München: „Glücklicherweise sind in den letzten Jahren keine Tiere in Hellabrunn verschwunden oder gestohlen worden“, heißt es.  Erfahrung mit Diebstahl hat der Tierpark gleichwohl. So wurden etwa  in den 1980er-Jahren  dort acht junge „Boa constrictor“-Schlangen gestohlen.
 

„Der Schaden für den Artenschutz ist gravierend“

Herr Homes, wie häufig werden denn Tiere aus deutschen Zoos gestohlen?
Volker Homes: Es kommt immer wieder vor, aber es ist jetzt nicht so, dass jeden Tag Tiere verschwinden. 

Welche Tiere werden denn besonders oft mitgenommen?
Homes: Das sind vor allem kleine Tiere, die sich gut transportieren lassen. Meistens sind es Vögel oder kleinere Affenarten. Also keine Pferde, Löwen, Tiger oder Giraffen. Natürlich ist es  strafbar, Tiere mitzunehmen. Wir warnen alle Diebe davor, Zootiere zu klauen.

Aber  wer stiehlt überhaupt Affen, Papageien und Ziegen? 
Homes: Das ist unterschiedlich. Es mag Leute geben, die denken:  Das Tier ist  so süß, das möchte ich auch zu Hause haben. Aber ich glaube, bei den hochpreisigen oder sehr wertvollen Arten, die auch in der Natur sehr selten sind, handelt es sich  um eine hohe Kriminalität. Da ist jemand gewillt, auch die Letzten ihrer Art zu besitzen, und so kann es dann zu  Auftragsdiebstählen kommen. Etwa bei sehr hochpreisigen Papageienarten, die vom Aussterben  bedroht sind. Wir gehen davon aus, dass diese Tiere meist ins Ausland gehen.

Haben sich die Diebstahlzahlen in den letzten Jahren verändert?
Homes: Es gibt dafür keine bundesweite Datenbank. Die Diebstähle landen in der Datenbank der Polizeibehörden vor Ort. Aber wir beobachten, dass es erfreulicherweise eher gleichbleibend ist. Wir haben keinen Aufwärts-, aber leider auch keinen Abwärtstrend. Man kann also von einem gewissen Risiko ausgehen. Die Zoos haben in den vergangenen Jahren allerdings aufgerüstet – zum Beispiel  mit hohen Zäunen, mit Kameras und Sicherheitsdiensten, die auch mal nachts durch den Zoo laufen. Das heißt, wir haben Gegenmaßnahmen ergriffen, damit das nicht zu häufig vorkommt.

Wie groß ist  bei einem Diebstahl der  Schaden für einen  Zoo?
Homes: Es geht weniger um den ökonomischen Schaden. Wir kaufen die Tiere ja nicht, sondern tauschen zwischen den Zoos. Aber auf dem Schwarzmarkt geht es um einige hundert bis tausend Euro. Ich glaube, dass der Schaden für den Artenschutz viel gravierender ist.Wir haben Zuchtprogramme und damit genetisch ganz hochwertige Tiere, etwa von einer sehr seltenen Papageienart. Verschwindet ein solches Tier, ist  das natürlich ein hoher ökologischer Schaden.

Wir aufwendig ist es für Zoos, ein passendes Tier aus dem Zuchtprogramm zu bekommen?
Homes: Manchmal ist es schwierig. Es gibt lange Wartelisten, und man muss Jahre auf ein geeignetes Tier  warten. Es gibt Kuratoren in den Zoos, die für die Koordination dieser Zuchtprogramme sorgen.

Was war das kurioseste Tier, das aus einem Tiergarten geklaut wurde?
Homes: Der Zoo Krefeld war mehrfach betroffen, zuletzt etwa mit dem Erdmännchen Toni  Erdmann. Dort sind auch schon Hyazinth-Aras verschwunden. Es ist eine Katastrophe, wenn so hoch bedroht Arten weg sind. In einem Zoo in der Nähe von Paris etwa wurde ein Nashorn von Wilderen getötet. Sie haben das Horn mitgenommen und den Kadaver liegengelassen.

Wie verhalten sich denn die Besucher den Tieren gegenüber? Sind sie aufdringlicher geworden?
Homes: Ich glaube, das ist ein gesellschaftliches Phänomen.  Der Respekt ist doch deutlich zurückgegangen – und zwar gegenüber dem Zoopersonal und gegenüber den Tieren. Das bestätigen Mitarbeiter, die seit 20, 30 Jahren im Geschäft sind.  Tiere kommen mitunter auch zu Tode oder werden so belästigt, dass sie verhaltensauffällig werden oder sich wehren. Da ändert sich etwas in unserer Gesellschaft.

Das heißt, ich muss die Tiere in Einzelfällen vor den Besuchern schützen?
Homes: Ja, dass Tiere malträtiert werden, damit  ein besseres Selfie rauskommt, das gibt es. Mit Schirmen und Stöcken versucht man auch den Leoparden zu reizen, um ein tolles Foto zu erhalten Da muss man dann auch den Abstand zu den Gehegen größer machen, damit sich die Leute nicht selbst gefährden.DK
Das Gespräch führte 
Sandra Mönius.

Volker Homes ist Geschäftsführer des Verbandes der Zoologischen Gärten.
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