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Neue BR-Serie ''Im Schleudergang'': Ein großer Wurf

erstellt am 05.04.2013 um 11:12 Uhr
aktualisiert am 01.02.2017 um 14:42 Uhr | x gelesen
Ein Schwabinger Waschsalon als Treffpunkt, sechs grundverschiedene, glänzend gespielte Charaktere mit Gisela Schneeberger als Anführerin der Kompanie sowie "Indien"-Regisseur Paul Harather und "Franzi"-Drehbuchautor Peter Bradatsch als Strippenzieher: Mit dem Sechsteiler "Im Schleudergang" - erste Folge am Freitagabend um 22 Uhr - ist dem Bayerischen Fernsehen ein großer Wurf gelungen.
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Peter Bradatsch hat das Drehbuch für den neuen Sechsteiler des BR geschrieben. Er hat ein Gespür für Geschichten mitten aus dem Leben. Die TV-Serie "Franzi", für die er ebenfalls verantwortlich zeichnete, wurde für den deutschen und den bayerischen Fernsehpreis nominiert. 43 Folgen aus Franz Xaver Bogners Erfolgsserie "Cafe Meineid" stammen aus seiner Feder. "Er beherrscht die Kunst, einen Dialekt zu schreiben, der ganz poetisch ist", sagt Gisela Schneeberger, die in "Franzi" ebenfalls mitwirkte, im DK-Interview. Der kommt nicht blödbayerisch-krachert, sondern in den besten Momenten im fast schon Poltschen Stil daher. Nicht nur Schneeberger, sondern auch den anderen fünf wichtigsten Charakteren der neuen BR-Serie hat Bradatsch die Rollen auf dem Leib geschrieben. 
 
Im Schleudergang
Christa (Gisela Schneeberger) lauscht an der Tür - gleich kommt es zur ersten Konfrontation mit der aus der Psychotherapie zurückgekehrten Tochter.
Bayerischer Rundfunk
Die "Schneebergerin", zweifache Grimme-Preisträgerin und vor allem durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit Gerhard Polt bekannt geworden, spielt Christa Bachmeier. Die betreibt eine Wäscherei in Schwabing und wär so gern Teil der Münchner Schickeria, aber irgendwie hat sie den Arsch dafür ein wenig zu weit unten; sie kommt nicht recht vom Fleck. Mit Freddy Biber (Gerd Anthoff) verbindet sie seit bald zwei Jahrzehnten schon ein heimliches Verhältnis, weil der, obwohl seine Scheidung fünf Jahre zurückliegt, noch immer unter der Fuchtel seiner Exfrau steht. Gitti (Maria Peschek) macht die Kasse in der Wäscherei und schmaucht, so oft es geht, heimlich eine Zigarette. Sie ist Christas beste Freundin und außerdem tun ihr ständig die Füße weh. Sieglinde (Judith Richter) heißt Christas psychisch etwas ramponierte Tochter, die leider zum genau falschen Zeitpunkt aus ihrer stationären Therapie zurückkehrt. Das Verhältnis der beiden ist gelinde formuliert konfliktgeladen. Udo Wachtveitl gibt Christas Ex, den versnobbten, Seidenschal tragenden, ehemaligen Opernsänger Max Vonderthann, und Michi (Stephan Zinner) den einzig wirklich Arbeitenden in Christas Wäscherei, der mit seinem kargen Gehalt allerdings nicht ganz über die Runden kommt und deshalb etliche semilegale Gschäfterl am Laufen hat, die ihm schon mal eine blutige Nase einbringen.
 

Ebenso resolut wie liebenswürdig

  
Im Schleudergang
Freddy (Gerd Anthoff) ist seit fünf Jahren geschieden. Das Techtelmechtel mit Christa hält er aus Angst vor der Reaktion seiner Exfrau dennoch lieber geheim.
Bayerischer Rundfunk
So wie die hausmeisterlichen Tätigkeiten für Veronika Fitz á la Martha Haslbeck Ende der 1980er in der wunderbaren BR-Serie "Die Hausmeisterin" bloß eine Randnotiz waren, so ist es die Wäscherei für Christa Bachmeier. War damals ein Altbau-Mietshaus in Haidhausen Zentrum der Geschichten, so ist nun eben ein Waschsalon in einem Altbau in Schwabing die Anlaufstelle. Vordergründig geht es um die ebenso resolute wie liebenswürdige Christa und ihre Erlebnisse jenseits der Menopause. Um ihre heimlichen Treffen mit Friseurmeister Freddy, um ihr schwieriges Verhältnis zur Tochter und ihren Hang nach ganz oben. Freddy trifft sie seit zig Jahren jeden Montag ("Ein Friseur kann nur am Montag") zum immer gleichen Schäferstündchen ("Vielleicht sollten wir mal was Neues machen?") im Hotel Gockel, hinterher wird sich angezogen und es gibt Kaffee und Nussbeugerl auf dem frisch verwühlten Bett. Es nervt Christa gewaltig, dass Freddy nach so langer Zeit noch immer nicht den Arsch in der Hose hat, um seiner Ex reinen Wein einzuschenken. Also macht sie eine klare Ansage. "Das nächste Mal treffen wir uns bei dir, bei mir - oder gar nimmer." 
 
Sieglinde kehrt justament dann in Mutters Schoß zurück, als die sich kurz vor dem Aufstieg in die High Society wähnt. Sie soll eine Kundin für vier Tage nach Rom begleiten, zur Papstaudienz. Wurscht, dass sie evangelisch ist. "Es geht doch nicht um den Papst", erklärt sie Gitti - es geht ums Netzwerk. "Das ist Tschärity auf höchstem Niveau", jubiliert Christa und malt sich schon die nächsten Stationen aus: "Salzburg, Bayreuth - Essen auf Rädern!". 
 

Parallelen zur "Hausmeisterin"

 
Im Schleudergang
Das erste Treffen zwischen Sieglinde (Judith Richter, Mitte) und Christa ist gleich energiegeladen. Max (Udo Wachtveitl) versucht, die Damen zu beruhigen.
Bayerischer Rundfunk
Der Tochter ist die Mutter peinlich. "Meine Mutter hat mir einen SCHEISS VORNAMEN verpasst", liest Christa heimlich in Sieglindes Tagebuch. Sie habe den Papa vertrieben, außerdem sei sie egoistisch, oberflächlich, eitel und manchmal regelrecht gefühlskalt. Christa steht wie versteinert da, als sie das liest. Sie weiß um die Wichtigkeit, genau jetzt für ihre Tochter da zu sein - und entscheidet sich für die Audienz. Bis Michi ihr mit seiner "Wambo-Mambo-Massage nach Hildegard von Bingen", die er einer Wäschereikundin anbietet, einen Strich durch die Rechnung macht. Die Einladung zur Papstaudienz wird entrüstet zurückgenommen, also bleibt Christa doch beim "Schneckerl", wie sie ihre Tochter versehentlich immer mal wieder nennt (die nächste Parallele zur "Hausmeisterin" übrigens).
  
Der Humor in dieser Serie kommt nicht laut und polternd daher, sondern wirkt authentisch. Dahinter steckt neben Drehbuchautor Peter Bradatsch der österreichische Regisseur Paul Harather, dessen bekanntester Film "Indien" (1993) absoluten Kultstatus genießt. Er ist bekannt dafür, seinen Schauspielern große Freiheiten zu lassen, und so war es auch im "Schleudergang". Harather ist ein Fan des ersten Takes, sagt: "Ich will das erste Spiel, die ersten Reaktionen unbedingt mit der Kamera einfangen." Beim Dreh habe er die Schauspieler angehalten, ihre Instinkte und Reflexe soweit als möglich zu benützen. Warum man sich diese Serie unbedingt anschauen soll? Weil, so der 48-Jährige, der schon seit zehn Jahren in München lebt, Gisela Schneeberger zusammen mit ihren Kollegen mit einer Leichtigkeit in schwierige Lebenssituationen schlittert, dass es ein Vergnügen und ein großer Spaß ist, ihnen dabei zuzusehen. Und weil das Gefühl, dass im eigenen Leben auf einmal der Schleudergang einsetzt und einen ordentlich durch die Mangel zieht, jeder kennt.
 
"Im  Schleudergang" ist ein Stück Fernsehunterhaltung, wie es bestenfalls sein kann. Gisela Schneeberger, vielleicht die beste, sicher aber die am meisten unterschätzte Komikerin im deutschen Fernsehen (geboren übrigens in Dollnstein im Landkreis Eichstätt), brilliert in ihrer ersten "eigenen Serie". Hält der Sechsteiler das hohe Niveau bis zum Schluss, könnte dem BR damit ein großer Wurf gelungen sein. 
 
  • "Im Schleudergang" wird ab 5. April immer freitags um 22 Uhr im Bayerischen Fernsehen ausgestrahlt.
  • Trailer zur Serie
 
Uwe Ziegler
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