„Das Vermächtnis“ bei den Theatertagen
Vom Menschsein

Jubel im Großen Haus für das Gastspiel des ETA Hoffmann Theaters Bamberg

07.06.2024 | Stand 07.06.2024, 17:00 Uhr |

Das Vermächtnis thematisiert die fragile Freiheit sexueller Selbstbestimmung. Foto: ETA Hoffmann Theater

Das Stück ist von bedrückender Aktualität. Sollte Donald Trump tatsächlich im Herbst zum zweiten Mal die Präsidentschaftswahlen gewinnen, dann sind die mühsam errungenen Freiheiten der LGBTQ-Community in den USA wohl erst einmal dahin. Mit dem „Vermächtnis“ („The Inheritance“) von Matthew Lopez warf das ETA Hoffmann Theater Bamberg exakt diese bohrende Frage in den Raum. Denn in dem Stück geht es um Schwulsein im New York der 2010er Jahre. Und um Trumps Wahlsieg 2016 gegen Hillary Clinton. Vor allem aber um das schwere Erbe, das die Aktivisten und Aktivistinnen der vorigen Generation uns trotz der HIV-Epidemie hinterlassen haben. Um Gefühl und Wahrhaftigkeit geht es, um Würde und Freiheit, um das Menschsein an sich.

Doch die Conditio humana, die hier verhandelt wird, kommt keineswegs trocken und schwer daher, sondern in brillanter Spielfreude, ohne Tabus und falsche Rücksichtnahme. Denn es wird erzählt auf dieser Bühne und gespielt, innere Monologe finden ihren Weg nach außen und alternative Handlungsmöglichkeiten werden erwogen. Das liegt am einmaligen Rahmenkonstrukt, das um die Handlung zweier schwuler Paare drapiert ist. Zwar steht das glückliche Mittdreißiger-Paar Eric Glass und Toby Darling im Mittelpunkt und findet seinen Gegenpart im eine Generation älteren Paar Walter Poole und Henry Wilcox, doch taucht mit Morgan auch eine Autorfigur auf, die stark an E. M. Forster erinnert, dessen Roman „Howards End“ für viele Motive im Stück Pate stand. Und dieser Morgan (Florian Walter) gibt immer wieder Impulse, stößt die Handlung an und berät die sieben jungen Männer einer Autorenwerkstatt, als sie um den richtigen Erzählanfang ringen.
So gesehen ist „Das Vermächtnis“ eine Geschichte in der Geschichte, ein großes Epos des beginnenden 21. und des endenden 20. Jahrhunderts.

Matthew Lopez, der einst als homosexueller puerto-ricanischer Junge aus Florida der Faszination von „Howards End“ erlag und unbedingt ein Theaterstück daraus machen wollte, erzählt hier sein eigenes Leben, seine Wünsche und Visionen und schuf ein generationsübergreifendes Theaterwerk. Seine weitläufige Community erlebt „alle Facetten seines Herzens als schwuler Mann“, wie er selbst bekennt. Das Stück präsentiert ein breitgefächertes Tableau homosexueller Figuren, die in dieser Kombination einmalig auf der Bühne sind. Alle sehnen sie sich nach Liebe und Glück, nach Anerkennung und Freundschaft, nach Verständnis und Respekt.

Doch sie werden auch von der Realität eingeholt. Wenn Eric (Daniel Seniuk) seinem exzentrischen Traummann Toby (Marek Egert) mitten im Beischlaf einen Hochzeitsantrag macht und dann monatelang auf seinen Partner warten muss, der nach Chicago reist, um der Premiere seines neuen Theaterstücks entgegenzufiebern, sich dabei aber in seinen jungen Hauptdarsteller Adam verliebt, dann werden tiefe Risse in der Beziehung sichtbar. Wenn der krebskranke Walter währenddessen im Gespräch mit Eric die Geschichte seines malerischen Landhauses erzählt, in dem er in der 80er Jahren todkranken HIV-Infizierten einen Hort der Würde bot und sie so vor der brutalen Gesellschaft schützte, dann steht plötzlich Betroffenheit im Raum. Hat sich in den letzten 40 Jahren wirklich so viel geändert? Als Walter schließlich stirbt und sein Partner Henry um ihn trauert, dann ist das sicher ein tragisches Moment im Stück. Doch es gibt auch ein Fülle witziger Szenen zu sehen, gespeist aus Wortwitz und Situationskomik.

Es knistert und menschelt nämlich allerorten im schrillen und bunten Beziehungskosmos, den die glänzend disponierten Bamberger Schauspieler entwerfen. Manchmal hört man eine Stecknadel fallen, so still und angespannt ist die Atmosphäre in den mehr als drei Stunden der Aufführung. Manchmal aber hat man auch einfach nur Spaß und lacht und feiert mit der Community mit. Denn nicht nur die Schauspieler sind exzellent, auch Bühnentechnik und Musik greifen wie feine Rädchen eines Getriebes ineinander. Adam schwebt als Drag-Queen von oben mitten in eine rauschende Party hinein und die begeisterten Ingolstädter Zuschauer feiern mit ihm und seinen Freunden das Fest des Lebens. Ein mutiges Stück, ein wichtiges Stück.

DK