Überlebensstrategie

Karen Köhler stellte bei den Literaturtagen ihren Roman „Miroloi“ vor

04.07.2022 | Stand 04.07.2022, 18:22 Uhr

Auf dem Dachgarten des Kap94 las Karen Köhler. Foto: Weinretter

Von Walter Buckl

Ingolstadt – Der griechische Begriff „Miroloi“ heißt übersetzt „Rede über das Schicksal“ und meint laut Lexikon „ein von Frauen gesungenes Totenlied für einen Verstorbenen“. Verständlich, dass Karen Köhler ihren ersten Roman unter diesem Titel, der 2019 erschienen ist, nicht in Kapitel, sondern in 128 Strophen eingeteilt hat. Am Samstag stellte die 1974 in Hamburg geborene Autorin ihn auf der Dachterrasse des Kap94 vor. Moderiert wurde die Lesung von der Kulturjournalistin Katharina Erlenwein.

Fast konnte man in dieser Lesung eine Art Fortsetzung des zwei Tage zuvor angesetzten Abends mit Sharon Dodua Otoo sehen: Wieder ging es um eine zunächst namenlose weibliche Protagonistin, die sich bald als stark erweist und gegen männliche Repression zur Wehr setzt. „Miroloi“ führt eine Welt vor, in der Männer die Gesetze machen und Frauen nicht lesen dürfen, in der Tradition und heilige Gesetze schwer auf allem lasten und das heilige Buch der „Khorabel“ gilt – eine dystopisch-archaische Inselgesellschaft mit eigenen patriarchalen Regeln und Geboten, die das Seelenheil des Dorfes sichern sollen.

Schon mit den leitmotivisch wiederkehrenden allerersten Worten des Romans wird die Protagonistin als „Eselshure, Schlitzi, Nachgeburt der Hölle“ diffamiert. Denn sie wurde als Findelkind auf den Stufen des „Bethauses“ dieses von der Außenwelt abgeschnittenen mediterranen Inseldorfes abgelegt vorgefunden und vom „Bethaus-Vater“ aufgezogen.

Dieses Setting ist biografisch inspiriert: Köhler verrät, dass der Vater ihres Partners selbst Grieche sei und auf einer abgelegenen Insel wohnt. Bei einem Besuch dort sei sie in einer Haarnadelkurve an fünf ganz in Schwarz gekleideten Frauen vorübergefahren, die finster blickend auf weißen Stühlen saßen. Diese hätten sich ihr als spätere Vorlage für die im Roman auftretenden „Klageweiber“ sofort eingeprägt; eine Passage von 80 Seiten habe sie „wie in Rausch verfasst“, als sie aufgrund eines Stipendiums drei Monate zum Schreiben auf dieser Insel verbringen konnte, die erst 1982 an die Stromversorgung angeschlossen wurde – ein Motiv, das später auch im Roman auftaucht.

Karen Köhler kann nicht verleugnen, dass sie einst eine Ausbildung als Schauspielerin absolvierte und diesen Beruf bis 2014 auch ausübte: Sie gestaltet ihre Lesung höchst emotional geradezu szenisch, steigert ihre Stimme in ein steiles Stakkato, bevor sie Lautstärke und Tempo verebben lässt und in zögerliche, brüchige, stockende Artikulation übergeht, was dem Ingolstädter Publikum sogar Zwischenapplaus entlockt. Auch mimisch und gestisch schlüpft Köhler in die Rolle ihrer 15-jährigen Heldin, die sich in der hier feministisch adaptierten Tradition eines Bildungsromans von einer tumben Torin zu einer jungen Frau mit vielfältigen Erfahrungen mausert. Köhler habe diese Entwicklung mit „Antriebsraketen“ gestaltet – Bildung, Entdeckung des Körpers, Liebe, Naturerfahrungen.

Denn während die Heldin zunächst noch von kafkaesker Furcht vor dem „Wächter“ besessen ist, der das Dorf abriegelt, erwirbt sie sich bald Bildung, lernt heimlich lesen und schreiben – und erfährt in einem existentiellen Schock die Liebe durch den „Betschüler“ Yael.

Der Roman erweist sich so als Selbstermächtigungsgeschichte – die nicht auf eine abgeschottete archaische Welt beschränkt bleiben soll, sondern auch aktuelle Wege aus Nöten in unserer Gesellschaft weisen kann – „denken Sie an heutiges Mobbing in den Social Media, oder werden Sie mal in Texas ungewollt schwanger, dann haben Sie auch ein Problem…!“ Gesellschaften funktionieren nämlich überall so, dass sie Druck auf Schwächere und Außenseiter ausüben. – Eine Lesung, die Lust auf die Lektüre von „Miroloi“ machte!

DK