Wie: Ein Tag in Bayern, rund um die Uhr
Kult-Regisseur: Franz Xaver Bogner beteiligte sich an dem Projekt. - Foto: Hauschild/BR

Blasmusik. Schuhplattler. Weißwürste. Bayern wird vom Rest der Nation gern in Klischees gesehen. Dieses Bild möchte das Bayerische Fernsehen (BR) mit einem ambitionierten Projekt geraderücken. "Bayern ist viel mehr als das Klischeebild, das manche vom südlichsten Bundesland haben", sagt Andreas Bönte, Leiter Programmbereich des Senders.

In den frühen Morgenstunden des 3. Juni 2016 schwirrten über 100 Kamerateams aus, um einen kompletten Tag in allen Regionen des Freistaats festzuhalten. "80 Menschen in ihrem täglichen Leben, repräsentativ für ganz Bayern, von ganz unten und ganz oben, aus allen Bereichen der Gesellschaft und der Regionen", sagt BR-Fernsehdirektor Reinhard Scolik, der das Projekt gestern als "eine riesige Herausforderung" bezeichnete. Es bedürfe schon eines guten Grundes, 24 Stunden lang das reguläre Programm aufzugeben. Und als wäre das Ganze nicht ohnehin schon ein Projekt gewaltigen Ausmaßes gewesen, kämpften die Bewohner in Niederbayern zum Zeitpunkt der Dreharbeiten auch noch gegen die Fluten der Hochwasserkatastrophe an, die vor allem das Städtchen Simbach am Inn heimgesucht hatten. Als "tragische Probe für die Menschen vor Ort und für unsere Dreharbeiten" bezeichnet Bönte den Tag im Nachhinein. Für ihn ist "24h Bayern" ein "wichtiges zeitgeschichtliches Dokument" und "eine Art Zeitkapsel, in der das Leben in Bayern im Jahr 2016 mit all seinen Facetten, Problemen und schönen Dingen eingefangen wurde".
 

Bereits das dritte Mammutprojekt ist "24h Bayern" für Regisseur Volker Heise. Der 1961 im niedersächsischen Hoya geborene und in Berlin lebende Filmemacher entwickelte und realisierte mit der Berliner Produktionsfirma zero one von 2008 bis 2009 "24h Berlin" sowie 2013 und 2014 "24h Jerusalem". Sein Credo: "Wir urteilen nicht." Es gehe nicht darum, dass jeder sein Bayern wiedererkenne, sondern das Bayern der anderen. Vor dem Beginn der Dreharbeiten ist er vier Wochen durch den Freistaat gereist, um sich ein Bild von dem ihm relativ unbekannten Bundesland zu machen. Fasziniert hat ihn vor allem die Landschaft. Mit belegter Stimme erzählt er von den Dreharbeiten in einem Hospiz in Nürnberg. "Ich will sterben", sagt eine betagte Frau zu ihrer Betreuerin. Die nächste Szene: Im Rotkreuzkrankenhaus in München windet sich eine hochschwangere Frau vor Schmerzen, die Geburt der kleinen Emilia steht unmittelbar bevor. "Wir hatten sehr zufällig die beiden Enden des Lebens mit zwei unterschiedlichen Filmteams fast zur gleichen Zeit gefilmt."
 

Gernstl: "Für mich war das ein großer Erkenntnisgewinn"

"Ausgerechnet ein Norddeutscher zeichnet ein sehr feines Bild von unserem wunderbar vielfältigen Land", lobt Co-Produzent Franz Xaver Gernstl die Arbeit Heises. Seine in Unterföhring ansässige megaherz GmbH war für die Drehs verantwortlich, zero one erledigte die Postproduktion. "Man unterstellt mir, ich würde Bayern kennen. Umso mehr hat mich erstaunt, wie viel Unbekanntes und Überraschendes unsere Regisseure gefilmt haben. Für mich war das ein großer Erkenntnisgewinn."

Namhafte Filmschaffende wie Franz Xaver Bogner ("Irgendwie und Sowieso"), Markus H. Rosenmüller ("Wer früher stirbt ist länger tot") und Doris Dörrie ("Männer") beteiligten sich an dem Mammutwerk. Keiner von ihnen bekam den fertigen Film vorab zu sehen. "Das wäre ja furchtbar, wenn man jedem zeigen würde, was aus seinem Material geworden ist. Dann würden 100 Regisseure mitreden, wie ihr Beitrag zu schneiden ist", sagt Gernstl.
 

Unter den Protagonisten waren Metzger, Ärzte, Dirigenten, Postboten, Journalisten, Schäfer, Fischzüchter, Skispringer, Nonnen und Gastronomen, hinzu kamen noch rund 150 000 eingesandte Bild- und Tondateien und sowie 1000 Handyvideos von Bürgern aus ganz Bayern. Cutterin Annette Muff war auch schon am Schnitt der Jerusalem-Doku beteiligt. "Da hatten wir ein fast babylonisches Sprachgewirr", erinnert sie sich. Auch in Bayern musste viel Arabisch, Türkisch, Dari, Farsi, Russisch, Chinesisch, Sinti, Italienisch und Französisch übersetzt werden. Die härtesten Nüsse wären jedoch eine alte Dame aus dem Bayerischen Wald und ein junger Landwirt aus dem Allgäu gewesen, sagt sie im Rückblick.

24 Stunden am Stück vor dem Fernsehgerät, wer tut sich das an? "Es ist physisch unmöglich, wir haben es versucht", antwortet Heise. Jeweils zur vollen und zur halben Stunde gibt es eine Vorschau auf das, was in der nächsten Episode zu sehen ist. Alle 30 Minuten sei demzufolge ein guter Moment für den Einstieg in das laufende Programm. Darüber hinaus ist das komplette Projekt nach der Ausstrahlung auch in der Mediathek des BR und auf der Internetseite 24hbayern.de verfügbar.

Das Projekt "24h Bayern" soll Bestand haben. "Mit dem Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg ist vereinbart, dass wir dieser neuen Institution so viel Filmmaterial wie möglich von den Dreharbeiten zur Verfügung stellen, damit es Teil des dort dokumentierten Querschnitts durch das Leben in Bayern wird", sagt Andreas Bönte. Franz Xaver Gernstl, der mit seiner Reportagereihe "Gernstl unterwegs" bereits seit einigen Jahrzehnten das Leben der einfachen Menschen im Freistaat dokumentiert, wagt einen Blick in die Zukunft. "Ich denke, in 20 bis 50 Jahren wird man den Wert dieser Dokumentation bayerischen Alltags erst richtig erkennen."

 

DAS PROJEKT

Ein halbes Jahr dauerte allein die Vorbereitung: Zehn Autoren waren ab Januar 2016 auf der Suche nach Themen und Protagonisten. Rund 400 Personen, aufgeteilt in 110 Fahrzeuge und 104 Teams, waren am 3. Juni 2016 mit den Dreharbeiten beschäftigt. Vier Cutter und vier Assistenten begannen im Anschluss daran, 800 Stunden Filmmaterial auf 24 Stunden einzudampfen. Ausgestrahlt wird die 24-Stunden-Doku am Pfingstmontag, 5. Juni, ab 6 Uhr - nonstop und in Echtzeit, synchron zum Aufzeichnungstag.