War Sönke Wortmanns "Sommermärchen" über die WM 2006 im eigenen Land  nach dem Halbfinal-Aus gegen Italien noch ein Streifen ohne Happy-End, hat es acht Jahre später ausgerechnet im Land des Rekord-Weltmeisters geklappt: Jogi Löws hochbegabte Truppe holte nach 24 Jahren endlich wieder den WM-Titel. 
 
Gänsehaut ist garantiert, wenn Uli Voigt (Regie), Martin Christ (Kamera) und Jens Gronheid (Schnitt) den Siegeszug der DFB-Auswahl in schönen und oftmals witzigen Bildern nachzeichnen. Wobei der Beginn ein wenig überrascht: Der Film startet mit Thomas Müllers Stolper-Freistoßtrick und Cacaus Portugiesisch-Kurs für Anfänger, dann gibt es Szenen aus dem legendären 7:1-Halbfinalsieg gegen Brasilien und anschließend erneut Müller, diesmal im Dirndl. Der Bayern-Stürmer hatte eine Wette verloren und musste DFB-Physio Christian Huhn in gar lieblicher Tracht bedienen. Dann erst folgt der eigentlich Start. 

 

 

Schweinsteigers Loblied auf Sepp Blatter

 
Dann nämlich fällt erstmals der Begriff "Masterplan". In einem Notizbuch, einer Art Roadbook zum Triumph von Rio, sind taktische Aufstellungen, Tagesabläufe, Termine zu sehen - der rote Faden des Films. Sami Khedira rückt die angeblich nicht so tolle Stimmung im Trainingslager in Südtirol ins rechte Licht, der Unfall wird pflichtschuldig erwähnt, aber nur angerissen. Natürlich hat der DFB die Hand drauf auf dem 90-Minüter plus Nachspielzeit, und ob Bastian Schweinsteigers Loblied auf FIFA-Boss Sepp Blatter wirklich nötig war ("Danke, dass er die WM nach Brasilien geholt hat") bei all der Kritik, die der allmächtige Schweizer - Stichwort Katar - an sich abperlen lässt, sei dahingestellt. Andererseits: Viel Grund zum Meckern gab es auf dem Weg zum vierten WM-Titel nach 1954, 1974 und 1990 ja nicht wirklich. 
 
Von einem Masterplan zu sprechen trifft es wirklich gut: die Einteilung der Häuser im Campo Bahia, die Benefizaktion mit dem Besuch einer Schule, die die sowieso guten Sympathiewerte der deutschen Nationalmannschaft noch einmal nach oben schnellen ließ und natürlich das wirklich ehrenhafte, weil sensible Verhalten der DFB-Auswahl nach dem unglaublichen 7:1-Triumph im Halbfinale gegen Gastgeber Brasilien. Dieser Nation gönnte man global den Titel. 
 
 


Zwei Hauptakteure hat der kurzweilige Film: Thomas Müller, der für die gute Laune zuständig ist und stets einen guten Spruch auf Lager hat - und Per Mertesacker, das Feierbiest. Wer den hünenhaften Arsenal-Verteidiger jemals als ungelenk bezeichnete, möge sich dessen Tanzeinlage in der Nacht des WM-Triumphes zu Gemüte führen - und anschließend schweigen. Und wie "Merte" sein kratzbürstiges Fernsehinterview nach dem mühevollen Achtelfinalsieg gegen Algerien ("Watt wolln 'se, wolln 'se, dass wir wieder ausscheiden?") im Nachhinein reflektiert, macht ihn auch nicht gerade unsympathisch: "Da habe ich vielleicht zum ersten Mal ehrlich geantwortet." 
 
Haften bleibt auch Christoph Kramers gesanglich fragwürdiger, atmosphärisch jedoch wunderbarer Sangeseinstand während der Fährfahrt zurück ins deutsche Trainingscamp. Es dauert ein bisschen, bis man draufkommt, was genau er da eigentlich grölt. Hübscher hätte auch Tom Waits den Popprinzen Ronan Keating nicht covern könne.
 
Kurzzeitig glaubt man an ein Flashback, wenn man die Kabinenansprachen von Kapitän Philipp Lahm vor dem Viertelfinale gegen Frankreich und die von Trainer Jogi Löw vor dem Halbfinale gegen Brasilien mehr hört als sieht: Das klingt verdammt nach Jürgen Klinsmann 2006, als er die Argentinier "durch die Wand hauen" wollte. Schwaben wie Klinsi und Jogi und der eher ruhige Lahm verbreiten nun mal eher wenig Angst und Schrecken. 
 

Einnahmen aus dem Kinofilm für soziale Zwecke


Und sonst? Bleibt festzuhalten, dass Torhüter Manuel Neuer ein unheimlich cooler Hund ist, dem sie hoffentlich die Trophäe für den Weltfußballer geben. Dass der einstige Jüngling, der einst "seiner Cousine" das Entmüdungsbecken des FC Bayern an der Säbener Straße zeigen wollte, kein Basti mehr ist, sondern fast schon ein elder statesman, wenn auch iPhone-süchtig. Dass wir von einigen Spielern gerne mehr (Miroslav Klose) beziehungsweise überhaupt irgendetwas gehört hätten (Jerome Boateng), dass die Spielerfrauen nahezu komplett der Schere zum Opfer gefallen sind (da hatten die Herren Schweinsteiger und Özil sicher nichts dagegen) und dass hoffentlich viele ins Kino gehen, weil die Einnahmen - der DFB rechnet mit rund drei Millionen Euro - sozialen Einrichtungen zugute kommen. 
 
Ein schöner, ein sehenswerter Film, der bereits in sieben Wochen seine Fernsehpremiere feiern wird: Am Freitag, 2. Januar, zeigt ihn die ARD zur Prime Time um 20.15 Uhr.  Aber: Großbildleinwand lohnt sich!