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Gemalter Trauergesang einer Stadt

erstellt am 02.01.2006 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 14:39 Uhr | x gelesen
Altomünster (DK) Kunst versteht Walter Gaudnek als Ergänzung und Erweiterung der Bilder, die die Medien vermitteln, als bewahrender Gegenpol zur Schnelllebigkeit von Fernsehen und Internet, als die Visualisierung dessen, was die Menge der Bilder doch nicht zeigt. Ganz bewusst hat der an der University of Central Florida in Orlando lehrende Maler bei den letzten Ausstellung in seiner europäischen Dependance in Altomünster Medienereignisse thematisiert: Im Sommer war es die Papstwahl, nun zeigt er mit "Elegy to New Orleans" einen gemalten Trauergesang auf den Untergang der Stadt nach dem Hurrikan Katrina. In Schwarz und Weiß zeigen diese Trauerbilder Menschen im Chaos, reduziert auf Gesicht, Arme, Beine, deformierte, zerfließende Figuren im Kampf gegen den Untergang; dazwischen anrührende Szenen der Solidarität im Überlebenskampf: der Mann, der sich der Rettung verweigert, weil sein Hund nicht in den Hubschrauber darf.
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Wie in den letzten Ausstellungen Gaudneks begleiten die Bilder eine große Zahl von Collagen und Grafiken, bei denen Material aus Zeitschriften verwendet wird, Szenen arrangiert werden, in denen seine Studenten auftreten und Rollen übernehmen, oder der Künstler selbst einen Karton mit der Aufschrift "Keine Plünderungen" im eigenen Pool hebt – ein satirischer Kommentar zur Wolfsnatur des Menschen, die in der Katastrophe zum Vorschein kommt. Die Moral bleibt meist auf der Strecke, wenn jeder ums Überleben kämpft. Sehr ernste Spiele, in denen Gaudnek das Geschehen reflektiert.

Überhaupt die Moral: Gaudnek, dem politischen Künstler, dem Provokateur und kritischen Kommentator, ist die Elegie auf New Orleans auch zu einer Phi-lippika gegen das Amerika George W. Bushs geworden. Ein Amerika, das versagt hat, und dessen Versagen in New Orleans für Gaudnek nur ein Symptom für den Zustand des ganzen Landes ist. "Wir waren schneller im Irak als in New Orleans", kommentiert er inmitten seines bis unter die Decke mit Bildern vollgestopften Altomünsterer Galeriemuseums und berichtet vom Schweigen der Intellektuellen und Künstler, vom Druck auf die Medien, von satten und phlegmatischen Studenten und dem Rückzug der kritischen Geister – McCarthy lässt grüßen.

Eine Protestbewegung wie seinerzeit gegen den Vietnamkrieg ist für ihn nicht in Sicht. "Ich bin eigentlich Optimist, aber bei Bush kann ich es nicht sein", sagt Gaudnek.

Aber er ist zumindest so weit Optimist, als er der Elegie auf New Orleans mit "Jazz Jamboree" ein buntes, an die französischen Wurzeln der Stadt und ihr multikulturelles Herz erinnerndes Gegenstück gibt. Denn New Orleans, da ist sich Gaudnek sicher, wird wieder leben. Die Stadt wird eine Wiedergeburt aus dem Geist des Jazz erleben, sagen die Bilder von Jazz Jamboree, und diese Geburt wird vom historischen Kern des French Quarters ausgehen. So endet diese Elegie in einem trotzigen, lebensbejahenden "dennoch".

"Elegy to New Orleans" ist im Gaudnek Europa Museum, Altomünster, noch bis 15. Januar nach Anmeldung zu sehen. Kontakt: (0 82 54) 4 39 oder gaundek@hotmail.com

 

Berndt Herrmann, Donaukurier
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